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Interview


Das Regie-Duo Peter Sehr und Marie Noëlle über Ideale und Neurosen des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. (ab 26. Dezember 2012 in den Kinos)




Kultur statt Krieg

Als Erbauer eines der berühmtesten Touristenmagneten der Welt, des Schlosses Neuschwanstein, und als Förderer des Komponisten Richard Wagner ist Ludwig II (1845-1886) zum Mythos geworden. Nach Helmut Käutner (1954), Hans Jürgen Syberberg (1971) und Luchino Visconti (1972) wagte sich nun das deutsch-französische Regie-Duo Peter Sehr und Marie Noëlle an die Verfilmung der Biografie des bayerischen Märchenkönigs. Skeptiker dürfen aufatmen: Sehr und Noë, zwei ehemalige Naturwissenschaftler, die ihren kreativen Neigungen gefolgt sind, ist es gelungen, die vielen Einzelepisoden und Schauwerte des Films zu einem eindrucksvollen Porträt eines kulturell ambitionierten Monarchen abzurunden. Inhaltlich halten sie sich sehr eng an die bekannten (bisweilen aber verklärten oder ignorierten) Tatsachen, deren politische und/oder psychologische Bedeutung sie prägnant herausstellen, ohne dass diese von Ausstattung oder Kostümen begraben würden. Die an sich bittere Geschichte, dass ein Schöngeist mit seinen Weltverbesserungsplänen an der nüchternen Realpolitik scheitert, wird weder mystifiziert noch banalisiert. Großen Anteil am Gelingen der 16 Millionen Euro teuren deutsch-österreichischen Koproduktion hat der in Rumänien geborene Sabin Tambrea als feinnervig-exaltierte Titelfigur, dessen ausgeprägte Androgynität die sich entfaltende Tragödie nachvollziehbar werden lässt.




Enge Vertraute und gemeinsame Gegner des Bismarckschen Machtstrebens: Sabin Tambrea als frankophiler Herrscher Ludwig II, Christophe Malavoy als der glücklose Napoléon III. - © Warner Bros. GmbH

Enge Vertraute und Seelenverwandte: Edgar Selge gibt einen recht hemdsärmeligen Richard Wagner ab, Sabin Tambrea seinen Gönner Ludwig II. - © Warner Bros. GmbH

Bleiben platonische Freunde, nachdem Ludwig II seine Homosexualität entdeckt: Sabin Tambrea als bayerischer König und Paula Beer als seine Cousine Sophie, die Ludwig II eigentlich heiraten wollte und sollte - © Warner Bros. GmbH


Herr Sehr! Madame Noëlle! War Ludwig II. zu naiv oder zu unerfahren, um die Beschränkungen, die sich aus seiner Position und Machtstreben des preußischen Kanzlers Otto von Bismarck , nicht zu erkennen?

Marie Noëlle:
"Ich denke, am Anfang war er sehr unerfahren. Er war ja sehr streng und ohne viel elterliche Zuneigung erzogen worden, wie es der Mode der Zeit entsprach. Wenn er ins Theater gehen wollte, musste er sich die Karte von seinem Taschengeld selber kaufen. Ludwig ist aus der kargen Wirklichkeit immer ins Musische geflohen. Es ist zum Beispiel historisch belegt, wie er im Marstall stundenlang auf dem Pferd seine Runden gedreht hat, wie wir das im Film in einer Szene zeigen. Ludwig war sehr belesen und bestürzt, wenn jemand diese Leidenschaft zur Musik und Kunst gar nicht teilen konnte – so wie seine preußische Mutter, zu der er ein sehr distanziertes Verhältnis hatte."

Peter Sehr: "Man muss bedenken, dass ihm die Verantwortung der Krone schon mit 18 Jahren aufgebürdet wurde. Um Ludwig besser kennenzulernen, mussten wir vor allem auf Originaldokumente zurückgreifen, wie Tagebücher und Briefe. Daraus ergab sich der wahre Kern der Geschichte, die wir erzählen wollten: Ludwig war mehr Künstler als König, das ist deutlich. Er glaubte, dass es keine Aggressionen und Kriege mehr geben würde, wenn man allen Menschen – und nicht nur den Reichen – Zugang zu Kunst und Kultur verschaffen würde. Und er dachte, er hätte als König auch die Macht, das durchzusetzen. Ein anderer wichtiger Punkt war, dass Ludwig die Natur so sehr geliebt hat, dass er gesagt hat: 'Das ist Gottes Kunst, die er zur Erde gebracht hat.'"


Wäre Ludwig II. heute als bloß repräsentativer Monarch ein glücklicherer Mensch?

Noëlle: "Ich weiß nicht, ob ihm das gereicht hätte. Er kam aus einem ganz anderen Jahrhundert. Aber ich kann mir vorstellen, dass er, lebte er heute, abdankt und ein Leben als Künstler zu leben versucht. Aber Ludwig war zwar schon ein Herrscher im absolutistischen Sinn und von seiner Leitfunktion überzeugt."

Sehr: "Die Demokratie hat Ludwig für die Umsetzung des Friedens nicht als wichtig erachtet, sondern seinen eigenen Willen. Er hat ja mit dem absolutistischen Herrscher par excellence, Louis XIV., der zu Zeiten Ludwigs II. schon seit 150 Jahren tot war, fiktive Zwiesprache gehalten."


Sie zeigen Ludwigs Ende so, wie es dem heutigen Stand der Erkenntnisse entspricht. Man würde nicht mehr von Wahnsinn sprechen können?

Noëlle:
"Ich habe in seinen Tagebucheintragungen auch die psychischen Veränderungen Ludwig II. erkennen können: Seine Unterschrift wurde komplizierter, größer, als bräuchte er mehr Platz, um zu existieren. Der verhinderte Künstler, der mit großem Idealismus angetreten war, bekommt einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine und endet als gebrochener Mann. Es war für mich ein Schock, dass dieser strahlende junge Held zu einem dicken, zahnlosen Mann mit starrem Blick geworden war. Ich sah, was vierzehn Jahre Einsamkeit aus ihm gemacht hatte, was mit jedem von uns passiert, wenn man nicht menschliche Wärme erhält. Die hatte er sich selbst verboten, dass man ihn nicht mehr anfasst und anschaut – dramatisch! Aber das braucht man einfach für sein Seelenheil."


Bei den vielen Motiven im Film müssen die Dreharbeiten beinahe ein ähnlich aufwendiges Unterfangen gewesen sein wie Ludwigs Schlösserbauten?

Noëlle:
"Wir hatten 72 Drehtage für 112 verschiedene Sets! Es erfordert eine gigantische geistige Gymnastik, wenn man die Außenaufnahmen einer Szene im August in Wien dreht und die Innenaufnehmen für dieselbe Szene erst anderthalb Monate später auf dem Studiogelände in München. Und die Koordination unserer unzähligen Schauspieler, von denen die meisten ja sehr gefragt sind, war der reine Wahnsinn."

Sehr: "Zum ersten Mal nach über vierzig Jahren durfte ein Filmteam in den Original-Schlössern drehen. Wir sind froh, dass wir die komplizierte Finanzierung hinbekommen haben. Das hätte Ludwig auch gefreut, dass alles geklappt hat. Er hat ja immer gehofft, dass, wenn seine Pläne verwirklicht werden würden, das Schöne in die Welt hinauswächst. Es wäre also schön, wenn dieser Film es erreicht, dass die Menschen, die ihn sehen und die Schlösser Ludwigs II. besuchen, sich mit seinen Idealen vom Frieden durch die Kunst stärker beschäftigen würden."


Max-Peter Heyne - Kurzkritik/Interview v. 18. Dezember 2012
ID 6448

Weitere Infos siehe auch: http://www.ludwig2-derfilm.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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