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Besprechung


2011 - Herbst der deutschen Porträt-Dokumentarfilme (Teil 3)

"Vaterlandsverräter" (D 2011)

Film von Annekatrin Hendel



Falscher Bekenner

Im Dokumentarfilm Vaterlandsverräter spiegelt sich exemplarisch das Schicksal des Staates DDR

*

Mit dem Porträt des inzwischen 76-jährigen Schriftstellers Paul Gratzik, ehemals Teil der Ostberliner Intellektuellen-Bohème und 20 Jahre lang Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatsicherheit, ist Regisseurin Annekatrin Hendel der bisher differenzierteste Dokumentarfilm über die Stasi-Problematik gelungen.

Vaterlandsverräter entsprang dem Wunsch der Regisseurin, sich von dem Menschen Paul Gratzik, mit dem sie vor den Dreharbeiten bereits eine jahrzehntelange Bekanntschaft verband, „ein Bild zu machen“. Denn der einst gefeierte DDR-Autor sei nicht nur vor der Kamera ein unberechenbarer Gesprächspartner: „Er lügt zwar nicht, aber lässt viele Zusammenhänge weg“, umschreibt Hendel Gratziks widersprüchliche und teils widerborstige Gesprächsführung, die auch im Film viele Fragen offenlässt.

Dass Gratzik „kein Mensch sei, der einfach so ein Interview gibt“ und an dem deshalb sowohl sie selbst wie auch andere Filmemacher mit ihren Porträtversuchen schon gescheitert waren, illustriert Annekatrin Hendel gleich zu Beginn ihres Films: Zu sehen ist, wie der Schriftsteller die Regisseurin in seiner uckermärkischen Wahlheimat bereitwillig über einen See rudert, sich ansonsten aber renitent verhält: Mit ihrer wessihaft besserwisserischen Art würde Hendel über seine Stasi-Verstrickung gar nichts herausbekommen, lässt Gratzik schroff und unmissverständlich wissen – und provoziert beim Zuschauer die Frage, wie ausgerechnet mit diesem Mann ein 90-minütiger Film entstehen soll. Die geduldige Annekatrin Hendel, die tatsächlich bei „jedem Drehtag dachte, es könne der letzte sein“, hat Gratzik nicht nur zum Reden, sondern sogar dazu gebracht, vor der Kamera aus einem seiner alten Stasi-Spitzelberichte vorzulesen, die er 1971 über die Intellektuellenszene Ostberlins verfasst hat. Der klingt sprachlich so schludrig formuliert, als hätte sie ein anderer Mensch geschrieben, und ein wenig stimmt das auch, denn Gratziks Biografie steckt voller Brüche.

Der 1935 in einem kleinen Dorf im ehemaligen Ostpreußen geborene Gratzik ist das dritte von sechs Kindern und wuchs nach der Flucht im Viehwagon nach Kriegsende in Mecklenburg auf. Unter anderem seiner Tätigkeit als Tischler und Arbeiter in einer Dresdner Brigade verdankte Gratzik seinen Nimbus als DDR-Vorzeige-Schriftsteller, der aus der Arbeiterklasse stammt. Doch schon als Student wurde er 1986 aus dem Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ verwiesen. 1978 lebte Gratzik in Berlin, wurde Mitarbeiter am Berliner Ensemble, schrieb das Drama Tschekisten, was aber nie zur Aufführung gelangte. Erst seit 1971 schrieb Gratzik hauptberuflich, aber schon seit Anfang der sechziger Jahre spielt er der Stasi Informationen aus seinem Lebensumfeld zu – gespeist aus dem Glauben an die sozialistische Sache, wie Gratzik in Vaterlandsverräter betont. Nachdem der Autor sich 1981 gegenüber Freunden als IM outete und bei der Stasi aufhörte, wird er selbst deren Überwachungsopfer und konnte seine stets kritisch-dissidentenartigen Romane nicht mehr publizieren.

Am Beispiel Gratzik zeigt Regisseurin Hendel nicht nur, wie der ideologische Zwiespalt des Staates DDR, das vermeintlich ‚bessere Deutschland‘ zu sein, die Biografien vieler Menschen zerrüttete, sondern auch, dass eine einfache Täter-Opfer-Zuweisung nicht immer möglich ist. Für „manche Zuschauer ist es schwer auszuhalten, einen ehemaligen Stasi-IM zu sehen, der ihnen auch immer wieder sympathisch wird“, sagt Regisseurin Hendel über die „insgesamt sehr positiven“ Publikumsreaktionen. Genau diesen emotionalen Zweispalt zu provozieren, ist die Stärke ihres Films.


Max-Peter Heyne - red. 28. November 2011 (4)
ID 5509

Weitere Infos siehe auch: http://vaterlandsverraeter.com





 

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