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Filmbesprechung

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach (S/D/N/F 2014)



Bewertung:    



Ein guter Film! Aber muss man sich den angucken? Ja, man muss - und zwar ziemlich weit vorne, so dass nur die Leinwand im Blickfeld ist, denn es erscheinen wahre Gemälde, die Kamera hat feste Einstellungen, so dass man lang und breit schauen kann. Alles ist in den gruseligen Farben der 60er Jahre gehalten, also irgendwie düster. Das ist auch die Grundstimmung, weshalb ich mehrmals eingeknickt bin.

Obwohl zwei Handlungsreisende aus der Unterhaltungsbranche mich zum Lachen bringen wollen. Sie sind Vertreter für Scherzartikel und haben den Klassiker im Programm: Die Vampirzähne! Angeblich ein Produkt, welches sich zur Zeit gut verkauft, oder den guten alten Lachsack, am Schluss noch die groteske Monstermaske. Doch den beiden fehlt der nötige Schwung, sie verkaufen schlecht. In Wirklichkeit wollen sie gar keinen Kontakt. Ihre Herzen sind einsam, und als zwei Spaßvertreter sind sie dennoch zu Tode betrübt.

Seien wir ehrlich, es geht um die Absurditäten des Lebens und um die des Todes. Hier wird man also nicht aufgemuntert.

Zunächst sind da die lähmenden Wiederholungen - eigentlich wie im "wahren" Leben. Es steht jemand am Telefon, stöhnt und sagt: "Es freut mich, dass es euch gut geht." Und es gurrt auch öfter mal eine Taube. Man erträgt es kaum, wie sich Menschen gegenseitig benutzen, unentwegt werden Menschen oder Tiere verheizt. Man(n) stirbt, während Mutti nebenan in der Küche etwas püriert und nichts merkt. Vielleicht war man auch schon tot?

Der Film fängt nämlich mit dem Sterben an und dem "Nicht-los-lassen-Können", letztlich kann man ja nichts mit in den Himmel nehmen. Und das "Nicht-Lebendige" - die Idee, unser kleiner Kosmos besteht genau genommen nicht aus dem, was ist, sondern aus dem, was sein sollte. Immer fühlen wir uns lebendig nur durch unser Denken, durch Hektik und Zielvorgaben. Und das Unbewusste, es kennt keine Zeit. Entweder der Mensch lebt in der Welt der Vergangenheit, oder er lebt in der Welt der Zukunft. Nie im Jetzt! Frei nach dem Motto:"Wir wollen unseren alten König wieder haben!" Alle Geschehnisse sind sehr symbolhaft, Geschichte wiederholt sich, wir sind durchdrungen von ihr, es sind immer gleiche Handlungsmuster, und wir tragen Masken aus Angst, erkannt zu werden.

Man beißt, man lacht, man grinst.

Wir tauchen also ein in die Unterwelt, in den Schatten der einst Lebenden... Es ist ein surrealer Film wie in einer Gruft, die Kneipe ein Mausoleum, die Wesen ohne Lebenssaft, ein Zustand des träumenden Dahinvegetierens, jeder lebt von der Existenz des anderen, Sklave oder Mächtiger. Und alle haben ihr Bewusstsein, ihre Sprache verloren. Das verdrängte Leben wird besetzt von der Zeit, so herrscht in diesem Raum eine Leere, man ist von seinen Ängsten längst aufgefressen und hat das Weibliche, ja alles Gefühl verdrängt.

Sollte man beim Ansehen vielleicht seinen Verstand ausschalten? - Der Film spricht in erster Linie unser Empfinden an, nur da können wir wirklich urteilen, haben Erfahrung, die uns im Moment agieren lässt.

Die Gefangenschaft der Seele wird offenbar, das geht mir erst hinterher auf, am nächsten Tag, wenn mein Verstand wieder funktioniert.

Kann man Zombies wieder zum Leben erwecken? Ja, gegenseitig können wir das tun, weil wir allein nichts mehr merken. Es braucht den anderen Menschen, der uns entgegen tritt, uns selbst zu erkennen. - Da meint doch der eine Spaßvogel zum anderen: "Du bist nicht normal! Du solltest mal zum Arzt gehen!" Es ist ein unbeholfene, dennoch freundschaftliche Geste.

Dieser Film handelt vom hilflosen Menschsein. Wie kann eine Befreiung passieren? Indem wir uns dieses Werk anschauen, tief in die Seele derer eintauchen, die mit uns die angesammelte Geschichte teilen. Der Mensch kommt schließlich nicht als Tabula Rasa zur Welt. Eigentlich sind es auch nur Alte, die spielen, alte Seelen, Händler, die das menschliche Herz eines jeden besetzen. Und der "Zweig"? In der Griechischen Sage trug Aleneas mit seiner Sybille einen goldenen Zweig als Talismann, der die beiden heil durch das Reich der Toten zurück gelangen ließ.

Dieser eigenwillige Regisseur Roy Andersson, ein Künstler des internationalen Autorenkinos, bekam den Goldenen Löwen von Venedig, den Hauptpreis eines der wichtigsten Filmfestivals. Sind wir ihm dankbar für diese seine Einblicke.

Der Ernst des Lebens ist komisch.



Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach | Foto (C) Neue Visionen Filmverleih GmbH
Liane Kampeter - 10. Januar 2015
ID 8352
Weitere Infos siehe auch: http://www.einetaube.de


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de



 

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