Strahlende
Aussichten
|
|
Bewertung:
Einen herzerwärmenden Filmspaß über den Weltuntergang zu drehen, weicht von den vielen dystopischen Werken zum Thema schon sehr ab. Aber das Regie-Duo Phil Lord & Christopher Miller (Jump Street-Filme und Spider Verse-Reihe) lässt sich von traditioneller Vorgehensweise und Einengung durch Genres nicht beeindrucken, und Ryan Gosling war als Hauptdarsteller und Co-Produzent schon sehr früh mit im Boot, genauer gesagt, mit auf dem Raumschiff. Der Film beginnt mit einem Mann, der aus einem langjährigen künstlichen Koma erwacht, von einem Roboter versorgt wird und zunächst orientierungslos in seiner Umgebung herumstapft. Die slapstickhafte Inszenierung steht im Gegensatz zu der furchtbaren Entdeckung, dass er auf einem Raumschiff steckt, das extrem weit von der Erde entfernt unterwegs ist. Es gibt noch zwei weitere Besatzungsmitglieder, die er aber nur noch leblos vorfindet. Der Molekularbiologe und Lehrer Ryland Grace (Ryan Gosling; Aufbruch zum Mond, 2018) schippert also allein im Weltall herum und findet erst langsam heraus, wie er in die Lage gekommen ist.
In Der Astronaut – Project Hail Mary entzieht der mysteriöse Petrowa-Strahl der Sonne die Energie, und es ist eine Frage der Zeit, wann das die Vernichtung des Lebens auf der Erde zur Folge haben wird. Wissenschaftler haben beobachtet, dass auch andere Sonnen betroffen sind und nur die noch unerforschte Sonne Tau Ceti von dem Strahl unberührt bleibt. Die liegt rund zwölf Jahre Reisezeit von der Erde entfernt, und es wird die Crew für ein Forschungsraumschiff zusammengestellt. "Hail Mary" bezieht sich auf das Gegrüßet-seist-du-Maria-Gebet, das man oft erst betet, wenn man in einer ausweglosen Lage ist und das Project Hail Mary ist ein Himmelfahrtskommando, weil der Treibstoff und die Nahrungsvorräte nicht für die Rückreise reichen. Ryan Gosling als Grace gelingt der Spagat zwischen Glaubwürdigkeit und der Absurdität der Situation. Zudem verfügt er über die entsprechende Physis für die Strapazen im Weltall.
Als sich ein futuristisches Raumschiff nähert, ist Grace zwischen Sorge und Neugier hin- und hergerissen. Er trifft auf einen Alien, der wie ein grober Stein mit mehreren Gliedern aussieht und keinen Kopf und kein Gesicht hat. Er nennt ihn Rocky und erlebt ihn als empfindendes Wesen. Mit Hilfe der Computertechnologie lernen sie schnell sich zu verständigen, und Grace erfährt, dass auch Rocky (teils handgefertigt und teils computergeneriert) der einzige Überlebende auf seinem Raumschiff ist, das in der selben Mission unterwegs ist. Da beide nur in verschiedenen Atmosphären leben können, hat sich der technisch überlegene Rocky auf Graces Raumschiff seine eigene gebaut und die beiden durch eine durchsichtige Membran voneinander getrennt. Das Gespann muss miteinander auskommen, und Rocky ist ziemlich schmerzfrei angesichts der amerikanischen Lebensart von Grace und lernt sogar "Umarmung", was hinsichtlich der Membran gar nicht so einfach ist. Man kann sich seine Schicksalsgenossen halt nicht immer aussuchen. Der unordentliche Grace muss sich insofern an Rocky anpassen, da dieser energisch auf Ordnung besteht.
Was sich nun entfaltet, ist die Beziehung von zwei unterschiedlichen Spezies, die nicht nur den Erhalt ihres jeweiligen Planeten auf dem Plan haben, sondern den Weltraum retten müssen, so es denn gelingt. Rocky ist eine Puppe, die aus verschiedenen Kunststoffen hergestellt wurde und von James Ortiz sowie vier weiteren Puppenspielern virtuos gespielt wurde. Gosling war es im Vorfeld schon klar, dass Rocky ihm die Show stehlen würde, war aber froh, ein sichtbares Gegenüber zu haben im Gegensatz zur CGI.
In einer Rückblende wird bei einer Party gefeiert und gesungen. Angesichts der drohenden Vernichtung der Erde bleibt wohl nur, das Leben zu feiern. Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass die grandiose Sandra Hüller (Anatomie eines Falls, 2023) bei einer Karaoke-Aufführung "Sign of the Times" von Harry Styles singt. Hüllers Rolle der Eva Stratt als Entscheidungsträgerin über die Rettungsmaßnahmen der Erde ist gegen den Strich gebürstet. Als oberste Kommandantin hat sie keine männlichen oder militärischen Attitüden angenommen. Sie ist sanft, fraulich und dabei zielstrebig und durchsetzungsfähig.
Den Weltraum lassen die Filmemacher in einen Farben- und Bilderrausch tauchen unter der Kameraführung von Greig Fraser und den visuellen Effekten von Neil Scanlan. Nun auf DVD und Blu-ray geht doch einiges verloren, was die große Leinwand an Wirkung erzielt, aber man kann besser auf die Geschichte und das exzellente Drehbuch achten. Der Romanautor Andy Weir hatte mit seinem Buch Der Marsianer die Vorlage zu dessen Verfilmung mit Matt Damon unter der Regie von Ridley Scott im Jahr 2015 geliefert, der einen riesigen Überraschungserfolg erzielte. Mit Der Astronaut – Project Hail Mary ist Andy Weir erneut ein großer Wurf gelungen. Drew Goddard, der schon das hervorragende Skript für Der Marsianer schrieb, hat auch hierfür das exzellente Drehbuch entworfen.
Achtung Spoiler! Das Regie-Duo erlaubt sich Verspieltheit und auch Pathos, denn es geht ihnen in erster Linie um Entertainment. Trotz der aussichtslos scheinenden Lage geben Grace und Rocky nicht auf. Dabei sind sie mit einer Aufgabe konfrontiert, die weit über menschliches und auch galaktisches Maß hinausgeht. Sie meistern sie, indem sie auf Augenhöhe zusammenarbeiten - mit viel Empathie füreinander. Sie sind auf sich selbst zurückgeworfen und können nur aus dem Inneren schöpfen, denn für diese Krise gibt es kein Handbuch und keine Vorerfahrung. Sie ergänzen sich und meistern das, weil sie sich nicht von der Angst, sondern von der Zuversicht und der Freundschaft tragen lassen und ihr inneres Potential entfalten. Naiv? Vielleicht. Aber schön.
|
Der chaotische Lehrer Ryland Grace (Ryan Gosling) weiß noch nicht, dass er von Eva Stratt (Sandra Hüller) auf ein Himmelfahrtskommando geschickt wird | © Sony Pictures
|
Helga Fitzner - 27. August 2026 ID 16005
Weitere Infos siehe auch: https://www.sonypictures.de
Post an Helga Fitzner
Dokumentarfilme
DVD
Neues deutsches Kino
Spielfilme, international
UNSERE NEUE GESCHICHTE
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Rothschilds Kolumnen
BERLINALE
DOKUMENTARFILME
DVD
FERNSEHFILME
HEIMKINO
INTERVIEWS
NEUES DEUTSCHES KINO
SPIELFILME
TATORT IM ERSTEN Gesehen von Bobby King
UNSERE NEUE GESCHICHTE Reihe von Helga Fitzner
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|