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Kinostart: 28.05.2009

THE LIMITS OF CONTROL

Drehbuch und Regie: Jim Jarmusch
mit Isaach De Bankolé, Paz de la Huerta, Tilda Swinton, Youki Kudoh, John Hurt, Gael Garcia Bernal, Hiam Abbass, Bill Murray

FSK: Ab 12
Verleih: Tobis

Es war einmal ein Mann (Isaach de Bankolé) im irisierenden Anzug, in der Wartehalle, im Flughafen. Ein Agent vielleicht, vielleicht auch ein Auftragskiller, man kann nichts als mutmaßen. In jedem Fall ist es ein eher schweigsamer Mann, dessen Mission damit startet, dass er von zwei "Kollegen" einen Auftrag unklaren Inhalts erhält, und in der Folge diverse Gegenden Spaniens bereist, um von einer Reihe von Hintermännern und -frauen kryptische Anweisungen auf Zetteln entgegenzunehmen, die er lässig mit einem Schluck Espresso hinunterspült. Espresso aus zwei separaten Tassen, wohlgemerkt.


Isaach de Bankolé in THE LIMITS OF CONTROL


So artistisch-verklärt, wie dieser Film beginnt, so findet er auch seinen Fortgang. Sowohl dem eingefleischten Cineasten als auch dem Laien drängt sich der Verdacht auf, dass Regisseur Jim Jarmusch, das Wunderkind der ersten Indiefilm-Generation, sich mit voller Absicht gegen jedwede Form von herkömmlicher Handlung oder Spannungsaufbau sperrt - zumindest in seinem neuesten Geniestreich, seinem 11. Spielfilm.
Sicher, die Bilder der iberischen Landschaften sind opulent, die Gesten der starbesetzten Nebenfiguren - es sind eher Gastauftritte als tatsächliche Rollen - sind von der Kamera des Christopher Doyle minutiös eingefangen und klingen lange nach.

Doch der Film will mehr als nur durch Ästhetik und Stilbruch bestechen. All die sparsam dosierten Dialoge der Mittelmänner mit dem Lone Man haben eher den Anschein von Selbstgesprächen, sind es doch philosophische Gedankenspiele, die der Protagonist stillschweigend zur Kenntnis nimmt. Diese scheinen solche hochkarätigen Erkenntnisse u.a. über die Künste, den Film, den Realitätsbegriff zu enthalten, dass sich der Zuschauer quasi dazu aufgefordert fühlt, die filmischen Leerstellen zum andächtigen Grübeln zu nutzen. Ein Griff ins Leere? Jedenfalls wird es kaum in der Absicht des Regisseurs gelegen haben, das ungewöhnliche Road-Movie mit Symbolik zu überfrachten, und schon gar nicht, zu irgendeinem Zeitpunkt so etwas wie Empathie zu erzeugen. Ganz bewusst wird keine Identifikationsfigur geboten: Lone Man ist das Abstraktum auf der Bildfläche, allenfalls ein diffuser Schatten unseres eigenen Unterbewusstseins. Niemals vermag diese Figur zu bewegen. Mitzuleiden, mitzufühlen, zu lachen - das alles sucht man hier vergebens.
Als scheinbar reiner Meta-Film lässt "The Limits of Control" zunächst einmal all das vermissen, was "gutes Popcorn-Kino" ausmacht, und selbst das, was Jarmuschs Werke bisher zum hintergründigen Vergnügen machte: Diese manchmal entrückte, oft skurrile, aber immer präsente lakonische Ironie, die grotesken Charaktere, die immerhin noch eine Art von Anteilnahme ermöglichten. Doch wie sollte man auch erwarten, dass ein so schwieriger, sperriger Film einer breiten Masse zugänglich wäre, die es gewohnt ist, schnelle Bilder, Action, Sex'n'Crime zu konsumieren; und das möglichst komprimiert und leicht verdaulich? Jarmusch zieht alle Register und jede einzelne Sequenz in die Länge, so sehr, dass er beinahe die Schmerzensgrenze des auf Plot hoffenden Zuschauers berührt. Er entschleunigt eine Handlung, die bei allem Surrealismus fast nicht mehr als solche zu erkennen ist, weil sie sich in symbolhaften Details, teils zusammenhangslosen Aphorismen und Selbstreferentialität erschöpft.
Die allzu ruhigen Bilder und der ewige Gleichmut des Antihelden, dem man auf Schritt und Tritt zu folgen gezwungen ist, mag nerven, eins muss man Jarmusch aber lassen: Auf diese Art der Überlistung von visueller und mitunter auch akustischer Wahrnehmung ist der Kinobesucher nicht gefasst. Sämtliche Figuren im Film sind nach ihrem Charakteristikum benannt - da wären "die Blonde", "die Geige", "Moleküle" und "die Nackte". So wird mensch in aller Deutlichkeit auf einen Aspekt reduziert, und vom Endprodukt Filmcharakter bleibt letztlich nicht mehr viel übrig. Ebenso wie unsere Illusion, einen leicht exzentrischen Film Noir zu sehen, verpufft am Ende auch das Gefühl von Wirklichkeitsbewusstsein und von innerer Sicherheit, an das sich selbst der Thriller-Fan vielleicht klammert. Ganz zum Schluss, als der Film seine einzige leicht überraschende Wendung erhält, erhellt sich womöglich auch zum ersten Mal das Dunkel, in dem der Zuschauer über Längen tappt: Die Grenzen der Vorstellungskraft erweisen sich als die Grenzen der Kontrolle.

Sie zu sprengen, würde auch eventuell bedeuten, seine Entertainment-Gewohnheiten über Bord zu werfen und sich an eine neue Gangart des Independent-Films zu gewöhnen. Jedenfalls hat Jarmusch die Gestade des Experimentellen endgültig hinter sich gelassen, und seine Kunst auf ein neues Level gehoben. Es bleibt also eine existenzialistische Odyssee, die sich vielleicht ein wenig zu sehr an ihrem eigenen Einfallsreichtum berauscht. Aber auch nur ein ganz klein wenig.


Jaleh Ojan - red / 9. Juli 2009
ID 4365

Weitere Infos siehe auch: http://www.thelimitsofcontrol.de/





 

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