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Filmbesprechung


Stalingrad

90minütige Dokumentation von Sebastian Dehnhardt und Manfred Oldenburg, ZDF, Dienstag, 10. Januar 2006, 20.15 Uhr


Emmy-Preisträger Sebastian Dehnardt ist der top-Regisseur historischer Dokumentarfilme („das Wunder von Bern“, „das Drama von Dresden“) in Deutschland.
Unter Leitung von Guido Knopp produzierte er 2003 die 3-teilige Serie STALINGRAD. Der neu überarbeitete, 90minütige Directors Cut wird (heute) erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt (20.15 Uhr, ZDF).

„Wir marschiereten über Leichenteile. Blutgetränkter Schnee! All das sind Bilder, die farbig sind, und für mich eben immer noch da.“
Dieses, dem Film entnommene Zitat, eines deutschen Zeitzeugen beschreibt die Kernaussage der Dokumentation von Sebastian Dehnhardt und Menfred Oldenburg: die realen Erfahrungen der Soldaten waren weitaus grausamer, als ein Film in schwarz-weiß Aufnahmen sie je darstellen kann. Dennoch versuchen sie es, 90 Minuten lang. Anhand von aufwendig gestalteten Animationen und historischen Original-Filmaufnahmen montieren sie eine Bilderwelt, mit der sie die Reihe an Zeitzeugeninterviews, sowohl in schwarz-weiß als auch in Farbe, untermalen.
Die Dokumentation behandelt die Geschichte wie ein Drama in drei Akten: Siegesgewiss dringt die Wehrmacht in die eroberten Ostgebiete vor, hinterlässt brennende und zerstörte Dörfer. Die 6. Armee unter General Paulus erreicht im Sommer 1942 Stalingrad an der Wolga. Der Krieg scheint für die Soldaten schon fast gewonnen als sich im Häuserkampf zwischen den Ruinen der entscheidende Wendepunkt einstellt. Das junge und noch unerfahrene Nachschubregiment ist im direkten Nahkampf und in der unmittelbaren Begegnung mit dem Feind gänzlich unausgebildetet. Die Illusion des Sieges schwindet nach und nach. Tod, Kälte, Hunger und fehlende Erfolgssaussichten untergraben die Moral in den dezimierten Einheiten der 6. Armee. Doch Hitler will Stalingrad um jeden Preis einnehmen und so steigern sich die Berichte der Zeitzeugen in ihrer Intensität, Detailiertheit und Emotionalätät: Heiligabend 1942, im Kessel Stalingrads eingschlossen von der Roten Armee, leidend und sterbend werden Selbstmorde begangen, Briefe an die Lieben in der Heimat geschrieben und Tränen vergossen. Hier ereignet sich laut des Films der psychologische Wendepunkt im Kriegsgeschehen. Die verhungernden Soldaten sind bereit aufzugeben, doch Hitler lenkt nicht ein. So werden sie im Winter 1943 in den eisigen Schneewehen Stalingrads nicht zum Opfer des Feindes sondern zu Opfern des eigenen Regimes – nur einige überleben, wenige werden gerettet und viele wandern in sowjetische Kriegsgefangenschaft.


Die Dokumentation sucht einen individuellen Zugang zu den traumatisierenden Erfahrungen der Soldaten. Anhand von einigen ausgewählten Einzelschicksalen wird den Zeitzeugen viel Raum gegeben, das subjektiv Erlebte und zumeist unverarbeitete Trauma dem Zuschauer in seinen eignen Worten wieder zu geben. Und nicht nur die Tränen der Veteranen und Witwen zeigen, wie grausam die psychologischen Folgen für die Betroffenen bis heute sind.
Die Erzählperspektive liefert demnach eine Möglichkeit, das militärisch einschlagende Ereignis Stalingrad aus der Sicht des Gefreiten und einfachen Soldaten zu schildern. Und dem Film fehlt es nicht an brutalen und blutigen Details, die Grausamkeit in Form von erzählten Erinnerungen an Leichtenteile, Gestank und Kanibalismus anschaulich zu beweisen.
Doch indem sich die Filmemacher selbst aus ihrer eigens produzierten Geschichte komplett heraus nehmen und sie ausschließlich die aufeinander aufbauenden und sich gegenseitig steigerndern Aussagen der Zeitzeugen zu einem Gesamtbild montieren, läuft die Dokumentation Gefahr, in Folge ihrer eigenen Subjektivität an historischem Wert zu verlieren.
Zwar ist unter wissenschaftlicher Beratung Prof. Dr. R. Überschär von den Filmemachern der legitime Ansatz gewählt worden, die Geschichte „von unten“ zu erzählen, doch bei einer solchen Methode geht es in erster Linie darum, die verwendeten Ego-Dokumente und subjektiv erinnerte Momentaufnahmen kritisch zu hinterfragen und zu kontextualisieren. Dies geschieht hier nicht. Es wird kein Historiker interviewt und auch die Sichtweise des Gegners, also der sowjetischen Soldaten der Roten Armee bzw. der zivilen Einwohner Stalingrads wird nicht im gleichen Umfang den Erinnerungen der deutschen Wehrmachtsangehörigen entgegen gesetzt.
Aussagen eines Wehrmachts-Offiziers wie: „und da war da diese Angst vor dem graasamen Russen, wir wussten ja was dann kam, es gab ja auf beiden Seiten kein Pardon mehr“, bleiben im luftleerem Raum stehen. Die Entfesselung der Spirale der äußersten Gewalt wird nur geschildert, nicht hinterfragt.
So geschieht es, dass der möglicherweise gewollte, emotionale Effekt des Films die subjektive Opfer-Rolle der Wehrmachts-Soldaten in den Vordergrund stellt und deren Täter-Rolle (nach anfänglihcer Erwähnung) ab der Mitte des Films ausgeklammert und nicht hinterfragt.
Gleichzeitig bleibt der sowjetische Feind fast gänzlich unsichtbar hinter dem tragischen Schicksal der deutschen Soldaten verborgen. Eins der wenigen Interviews mit Veteranen der Roten Armee, einem Scharfschützen in Stalingrad, der die Deutschen durch sein Zielfernrohr auf einem Hausdach wahrnahm, bestätigt diese Aussage mehr als ihr einen Beweis entgegen zu stellen.


Simone Schlindwein / 10. Januar 2006
ID 00000002194
Stalingrad
90minütige Dokumentation von Sebastian Dehnhardt und Manfred Oldenburg, ZDF, Dienstag, 10. Januar 2006, 20.15 Uhr



Siehe auch:
Interview mit dem Regisseur Sebastian Dehnardt


Weitere Infos siehe auch: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/18/0,1872,3266386,00.html






 

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