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Hans-Christian Schmid - Regisseur von Requiem - im Interview

siehe auch Requiem - Filmbesprechung


Hans-Christian Schmid

Über die Dreharbeiten

Kultura extra:
Sind Sie bei den Dreharbeiten an Ihre Grenzen gekommen?


Hans-Christian Schmid:
Das komme ich immer, weil es sehr kräftezehrend ist, sich sechs Wochen lange diesem ganzen Druck auszusetzen. Das sind extrem vollgepackte, konzentrierte Wochen. Bei „Requiem“ kam noch dazu, dass wir fast chronologisch gedreht haben, so dass am Ende die Sequenzen im Elternhaus, als sich der Exorzismus anbahnt, wirklich für das ganze Team sehr belastend waren. Wir haben körperlich und psychisch mit der Hauptfigur mitgelitten. Ich erinnere mich, dass ich wirklich erschrocken bin, als Sandra Hüller das zum ersten Mal am Stück durchgespielt hatte, bis zu dem Moment, als sie den Vater anschreit und mit der Mutter in der Küche steht. Da habe ich einfach nur gedacht, hoffentlich hat sie das überstanden, hoffentlich geht es ihr gut.

Kultura extra:
Sie wurden schon sehr früh gelobt für Ihre Fähigkeiten in Sachen Schauspielerführung. War das bei „Requiem“ schwieriger als sonst?


Hans-Christian Schmid:
Sandra Hüller kommt von der Ernst-Busch-Schauspielschule und arbeitet am Schauspielhaus Basel. Die ist von selbst hochmotiviert. Das ist bei Schauspielern einfach so, dass sie sich auf Szenenfreuen freuen, in denen wie was zeigen können und auch was zu spielen haben. Ich habe in dem Punkt auch nicht so wahnsinnig viel mit ihr arbeiten musste, weil sie sehr schnell die Rolle begriffen hatte und so viel Talent besitzt, dass da nicht mehr viele falsche Töne kommen. Ich versuche immer, ein aufmerksamer Beobachter zu sein, und immer jemand zu sein, der was kommentiert. Aber häufig war es so toll, das man es so lassen konnte.

Kultura extra:
Wie haben Sie Sandra Hüller entdeckt? Dies war ihre erste große Filmrolle.


Hans-Christian Schmid:
Es gab eine Casting-Agentin für den Film und Sandra war der erste Vorschlag von ihr und ich dachte, so einfach kann das doch jetzt nicht sein. Da habe ich erst einmal weitergesucht. Aber nachdem wir uns umgesehen hatten, war es sehr schnell klar, dass Sandra die Beste dafür ist.

Kultura extra:
Wie haben Sie es geschafft, die Figuren so echt aussehen zu lassen?


Hans-Christian Schmid:
Ich glaube, es spielt alles zusammen. Film ist wirklich die Zusammenarbeit von vielen einzelnen Leuten und Departments und auch jemand wie Sandra Hüller kann in dem Film nicht glänzen, wenn das Drehbuch schlecht ist oder wenn sie falsch gesetzt ist. Das kommt schon zusammen. Man braucht ein gutes Buch, man muss die Besetzung genau und richtig treffen. Dann kommt noch ein Szenenbildner und ein Kameramann dazu, die sich um eine wirklichkeitsnahe Filmsprache bemühen. Wenn das alles zusammenpasst, dann hat man am Ende alles richtig gemacht.

Kultura extra:
Der Film handelt von Ereignissen in den Siebziger Jahren. Sie hätten die Ereignisse also aus der Perspektive der Zeit beschreiben können. Sie haben sich aber überwiegend auf den psychologischen Ansatz konzentriert.


Hans-Christian Schmid:
Ich glaube nicht, dass man nur aus dem Zeitkolorit heraus eine ganze Geschichte entwickeln kann. Mein Interesse galt der Person dieser jungen Frau. Für mich stand immer im Vordergrund, ein Psychogramm von ihr zu zeichnen. Aber die Folie, vor der das alles spielt, ist die gesellschaftliche Schicht, die Aufbruchstimmung in den Universitätsstädten und im Gegenzug dazu die Provinz und die Rückständigkeit dort. In dem Zusammenhang war es mir schon wichtig, das auch in den Siebziger Jahren verankert zu sehen.

Kultura extra:
War es schwer sich von der Thematik des Exorzismus in „Requiem“ zu distanzieren?


Hans-Christian Schmid:
Unser Ansatz war, wie wir die Figuren und die damaligen Geschehnisse verstehen können. Damit nähert man sich ihnen an, auch wenn die Dinge tun, die wir nicht gut heißen. Wir sind erst einmal mit Respekt und einer nicht denunzierenden Haltung, ans Werk gegangen. Ob man dann eine Distanz entwickelt, ist schon möglich, obwohl es in erster Linie viel schwerer fällt, eine Nähe herzustellen. Aber uns geht es darum, die Mechanismen zu erklären, und zu zeigen, dass auch jemand wie der Pfarrer aus seiner Weltsicht betrachtet, das Beste für das Mädchen will.

Kultura extra:
Konnten Sie die Seelenqualen der Michaela nachvollziehen?


Hans-Christian Schmid:
Das ist zuerst für die Darstellerin ganz schön schwer, sich hinzustellen, und 1 Minute und 25 Sekunden lang zu sagen: Ich höre Stimmen. Wir haben alles getan, dass man möglichst weit mit ihr mitgeht. Wir haben auch zu zeigen versucht, wie diese Verwurzelung im Glauben aussieht, dass sie ihr auch Stärke verleiht, wie in der Szene, wo sie vor den Kommilitonen steht und der Professor sie fragt, woran sie glaubt. Sie antwortet: Ich glaube an Gott! Sie ist eine kräftige, entschlossene junge Frau, die weiß, was sie sich wünscht. Da kommen Momente, die mit der heiligen Katharina zu tun haben, die am Schluss darauf hinauslaufen, dass sie glaubt, Besessene zu sein und eine Sühneleidende. Wir haben versucht, das, so gut es geht, zu erklären.

Kultura extra:
Diese Art von Glauben an Dämonen und Exorzismus entspricht wohl einer fundamentalistischen Glaubensauffassung.


Hans-Christian Schmid:
Das sehe ich auf alle Fälle so. Das ist fundamentalistisches Verhalten, wenn Menschen nicht mehr bereit zu einem offenen Gespräch sind, wenn ihre eigene Haltung sie dazu bringt, sich abzuschotten und sie am Ende in ihrem Glauben auch soweit zu gehen, dass jemandem wie Michaela medizinische Hilfe versagt bleibt.

Kultura extra:
Hätte Michaela medizinische Hilfe angenommen?


Hans-Christian Schmid:
Ich glaube nicht. Sie war ja auch fundamentalistisch. Die Eltern und Michaela waren am Ende ja ganz konform in der Auffassung dessen, was da passiert.

Kultura extra:
Sehen Sie einen Unterschied zwischen katholischem und islamischem Fundamentalismus?


Hans-Christian Schmid:
Der harte, fundamentalistische Flügel der katholischen Kirche ist sicherlich mit der Glaubensausübung beim fundamentalistischen Islam vergleichbar. Aber es gibt bei den Katholiken keine Tendenzen, junge Leute in den Tod zu schicken. Soweit würde ich auf keinen Fall gehen, aber was Gläubigkeit, Strenge, Gottesvorstellung, Praxis beim Beten betrifft, ist das schon vergleichbar.

Kultura extra:
Glaube kann im günstigen Falle auch Kraft verleihen.


Hans-Christian Schmid:
Es ist eine Auslegungsfrage, woran man sich als Gläubiger halten möchte. An die durchaus positive und frohe Botschaft, die im katholischen Glauben steckt oder an diese eher niederdrückende Schicksalsergebenheit.

Kultura extra:
Haben Fundamentalismus und Angst etwas gemeinsam?


Hans-Christian Schmid:
Auf jeden Fall gehören bestimmte Auslegungen des Katholizismus und Angst zusammen. Angst vor sexuellem Erwachen und Schuldgefühle, die da impliziert sind. Schuld und Angst führen dann schließlich zum Inhalt dieser Wahnvorstellungen, die die Epilepsie begleiten. Das ist bei Michaela nicht zu trennen vom Lebensinhalt und von katholischen und fundamentalistischen Tendenzen.

Kultura extra:
Ist Michaelas Sexualität mitverantwortlich für die Verschlechterung ihres Zustands?


Hans-Christian Schmid:
Der Film lässt es offen, ob es Michaelas erwachende Sexualität ist, die die Wahnvorstellungen auslöst. Michaela bekommt einen epileptischen Anfall, nachdem sie ihren späteren Freund Stefan kennen gelernt hat. Die Vermutung eines Zusammenhangs ist schon gewollt



Über sich selbst

Kultura extra:
Kann man sagen, dass der gemeinsame Nenner ihrer Filme das Erwachsenwerden ist?


Hans-Christian Schmid:
Es ist schwer, sich selbst zu definieren. Ich suche immer nach Stoffen und was immer mir begegnet und auf mein Interesse stößt, darüber denke ich nach. Es ist sicher eine starke Linie in meinen Arbeiten, dass es oft junge Leute sind in dem Moment, wo es um Ablösung geht. Jeder sucht seinen Platz im Leben und jeder versucht, das Beste für sich möglich zu machen.

Kultura extra:
Sie sind im bayrischen Altötting geboren, einem berühmtem Wallfahrtsort. Was gibt es da zu besichtigen?


Hans-Christian Schmid:
In Altötting gibt es mittlerweile über 30 Kirchen bei 10.000 Einwohnern, aber das Heiligtum, das seit 500 Jahren verehrt wird, ist die Schwarze Madonna, eine Eschenholzstatue der Mutter Gottes. Vor über 500 Jahren soll da ein Wunder passiert sein. Eine Mutter, deren Kind ertrunken war, legte es auf den Altar. Da erwachte es wieder zum Leben. Seitdem gibt es Wallfahrt dorthin - in die Gnadenkapelle.

Kultura extra:
Wie ist Ihre Ablösung von Altötting erfolgt?


Hans-Christian Schmid:
Das ist mir so ergangen, wie den meisten aus der Provinz, dass ich mir mit sechzehn, siebzehn Jahren gesagt habe: Jetzt ist es an der Zeit, diese engen Grenzen zu verlassen. Ich habe dann an der Filmhochschule in München studiert. München kam mir damals wie eine Riesenstadt vor. Jetzt wohne ich seit fünf Jahren in Berlin, und wenn ich nach München komme, denke ich: Ach, ist das hier klein und überschaubar.

Kultura extra:
Ist der Katholizismus noch eine Art zu Hause für Sie?


Hans-Christian Schmid:
Nein, mit der Art von Katholizismus habe ich, glaube ich, abgeschlossen. Ich fahre gern nach Hause, aber nicht, weil das ein katholischer Wallfahrtsort ist.

Kultura extra:
Michaela wurde das im Film auch gefragt. Woran glauben Sie?


Hans-Christian Schmid:
Ich glaube sehr stark an die Eigenverantwortlichkeit der Menschen für sich selbst. Ich glaube, dass die Religion eine Projektion unserer Bedürfnisse ist. Das gehört zu uns. Wenn man bedenkt, wie wenig wir teilweise die Welt und ihre Zusammenhänge verstehen, dann ist es natürlich, dass wir uns ein Wesen oder ein Glaubenssystem wählen, mit dem wir diese Dinge erklären können.

Kultura extra:
Glauben Sie an Wunder?


Hans-Christian Schmid:
Nein, ich glaube nicht an Wunder. Muss man aber auch nicht, wenn man aus Altötting kommt. Ich glaube auch nicht an dämonische Besessenheit.

Kultura extra:
Sind Sie als Kind sehr katholisch erzogen worden?

Hans-Christian Schmid:
Nein, ganz normal. Ich bin in einer sehr jungen und modernen Familie aufgewachsen. Ich kenne das nur aus dem Milieu meiner Großeltern, dieses Strenge, Geduckte, das Leiden erdulden müssen und auch können. Aber mich hat das nicht beeinflusst. Ich bin in Altötting auf ein als links geltendes Gymnasium gegangen. Es gab damals auch in der Provinz moderne und aufgeklärte Lehrkräfte. Das waren allerdings zwei Parallelwelten: das, was sich bei den Pilgern und der Wallfahrt abspielte, oder das, was sich bei uns zu Haus oder in der Schule so thematisiert wurde.

Kultura extra:
Sie haben mittlerweile Ihre eigene Produktionsfirma gegründet. War das eine spontane Idee?


Hans-Christian Schmid:
Spontan auf keinen Fall. Ich habe mir das rund fünf Jahre lang überlegt und wusste nicht, ob ich mir das zutrauen sollte und ob sich der finanzielle Einsatz lohnt. Als aber klar wurde, dass ich „Requiem“ verfilmen würde, und dass dieses Buch noch nicht fest bei einem anderen Produzenten liegt, war das die Chance, diesen Schritt zu gehen.

Kultura extra:
Ist das Filmemachen für Sie als Produzent leichter?


Hans-Christian Schmid:
Ja, man behält mehr Kontrolle, vom ersten eingereichten Ideenentwurf bis hin zur Fertigstellung und Vermarktung des Films. Gleichzeitig macht es viel mehr Arbeit, Kleinigkeiten, um die man sich kümmern muss. Am Ende ist es dann aber so, dass einem der Film gehört. Das ist mir wichtig.

Kultura extra:
Es gibt nicht so viele Künstler, die als Geschäftsleute erfolgreich sind.


Hans-Christian Schmid:
Ich habe keine Angst vor Herausforderungen und hatte immer schon so etwas wie einen Geschäftssinn im Gegensatz zu einem sehr vergeistigten Menschen, der überhaupt nicht mir Geld was zu tun haben möchte.

Kultura extra.
Wir danken für dieses Interview und wünschen Ihnen und „Requiem“ viel Erfolg.


Das Interview führte Helga Fitzner am 8. März 2006 in Köln.

Weitere Infos auch unter:
Requiem - Filmbesprechung








 

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