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Nachruf

Der Intellektuelle

Zum Tod von
Alexander Kluge


Alexander Kluge (2020) | Foto: Martin Kraft; Bildquelle: Wikipedia



Als Günter Grass gestorben war, schrieben die deutschen Journalisten, der letzte Intellektuelle sei tot. Als Hans Magnus Enzensberger gestorben war, schrieben die deutschen Journalisten, der letzte Intellektuelle sei tot. Als Martin Walser gestorben war, schrieben die deutschen Journalisten, der letzte Intellektuelle sei tot. Sie hatten vergessen, dass Alexander Kluge noch lebte. Jetzt isr auch er gestorben und hat uns mit den Journalisten zurückgelassen, für deren geistigen Horizont eigentlich auch Hape Kerkeling oder Dieter Bohlen als letzte Intellektuelle reichen sollten.

Auf der Liste der 100 wichtigsten deutschen Intellektuellen, die eine Sonntagszeitung vor mehr als zwei Jahrzehnten ermittelt hat, rangierte Kluge irgendwo zwischen Joseph Ratzinger und Siegfried Unseld. Wenn der Begriff des Intellektuellen einen Sinn machen soll, dann trifft er auf ihn zu. Alexander Kluge gehörte gleich auf mehreren Gebieten zu den anregendsten und originellsten Köpfen des Landes. Seine Bücher, lange nur von einer begrenzten Leserschaft in ihrer Bedeutung erkannt, sind aus der deutschen Nachkriegsliteratur nicht wegzudenken. Zusammen mit Oskar Negt hat er, in eigenwilliger, die Grenzen zwischen wissenschaftlich-philosophischem Fachbuch und Essay verwischender Form, maßgebliche Überlegungen zum Zustand unserer Gesellschaft veröffentlicht. Als Produzent von ungewöhnlichen Sendungen bei RTL, SAT.1 und VOX, die sich gesetzlichen Auflagen, nicht der Einsicht der Sendeanstalten (weil nicht der Quote) verdanken, widerlegte er Woche für Woche die begründete Meinung, dass Intelligenz und Fernsehen nicht vereinbar seien. In diesen Sendungen auch erwies er sich als begnadeter Interviewer mit einer unverwechselbaren Fragetechnik, an der nur der drei Jahre ältere Günter Gaus sich messen konnte, dessen Gespräche Kluge produziert hat.

Seine bekannteste Rolle bleibt jedoch die als Filmregisseur. 1962 war Kluge beteiligt am Oberhausener Manifest, mit dem eine junge Generation von (Kurz-)Filmern "Opas Kino" totsagte und sich anschickte, den "neuen deutschen Film" zu kreieren. Abschied von gestern von 1966 mit Kluges Schwester Alexandra in der Hauptrolle gehört zu den bis heute überzeugendsten filmischen Auseinandersetzungen mit dem geteilten Deutschland. Zwei Jahre später drehte Kluge jenen Film, dessen Titel bald zu einem geflügelten Wort wurde: Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos. Mit diesem und mit seinen folgenden Filmen positionierte sich Kluge unter seinen Gesinnungsgenossen – Werner Herzog, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und anderen – als der Intellektuelle unter den Filmemachern, oder, vereinfacht, als ein deutscher Godard. Wie dieser arbeitete er mit verstörenden Montagen, mit Schrift, mit Zitaten. Wie dieser auch verband er eine avantgardistische Ästhetik mit einem politischen Anspruch, der sich exemplarisch äußerte in der Teilnahme an dem Kollektivprojekt Deutschland im Herbst von 1978.

Alexander Kluge hat sich mit seinen Filmen thematisch wie in der Wahl seiner Mittel stets auf der Höhe der Zeit befunden, war ihr gar um einige Schritte voraus. Dazu gehört nur scheinbar paradox Kluges intensives Interesse für Geschichte. Fast alle seine Filme sind Recherchen zur Geschichte im weiteren Sinne und zur Geschichte des Mediums selbst. Kein anderer deutscher Regisseur der Nachkriegszeit war sich der Bedeutung und der Möglichkeiten der Montage so bewusst wie Alexander Kluge, kein zweiter hat sie so konsequent gegen die Sehfaulheit des Mainstreams eingesetzt wie er.

Das Wort „Fachidiot“ ist aus der Mode gekommen. Was es bezeichnet, hat sich rasant ausgebreitet, seit es erfunden wurde. Alexander Kluge repräsentierte noch den selten gewordenen Typus des rundum gebildeten Menschen, genauer: des Bildungsbürgers, der seine Fähigkeiten in den Dienst derer stellt, die von der Bildung und von der politischen Macht ausgeschlossen sind. Das hat etwas Einschüchterndes, aber niemals stellt es sich aus, niemals entdeckt man bei Kluge auch nur die Spur eines Imponiergehabes. Vielmehr empfindet man in jedem Augenblick seine spielerische Freude an assoziativen Einfällen, an der Entdeckung von unerwarteten Zusammenhängen. Das alles freilich prädestinierte ihn noch nicht zum Filmemacher. Was seine Arbeiten so aufregend macht, ist der Erfindungsreichtum, mit dem Kluge für all seine Ideen die jeweils richtigen, man möchte fast sagen: die einzig richtigen gesprochenen, geschriebenen, visuellen Darstellungsmittel aufspürte. Das gelang Kluge so einzigartig, weil ihm die abstraktesten Gedanken zu verbalen Bildern, zu Metaphern ("die Metapher als die höchste Form der Erkenntnis") gerannen, noch ehe er ihr Äquivalent auf der Fläche, ins gemalte, fotografische oder filmische Bild umsetzte – in einem Gespräch mit Oskar Negt reflektierte er das auch. Wahrscheinlich liegt das daran, dass in der Person von Alexander Kluge wie in keinem anderen ein genialer Schriftsteller und ein genialer Filmemacher zusammentrafen. Die langen Interviews, die verpönten „Talking Heads“ bedürfen bei ihm keiner Illustration, wo Kluges Gesprächspartner seinen Metaphern folgen können, sie aufnehmen und komplementierend ergänzen. Dabei reizen Alexander Kluges Thesen durchaus bisweilen zum Widerspruch – etwa wenn er, darin auch als Aufklärer einem romantischen Denken verpflichtet, ausschließlich für die Liebe in Anspruch nimmt, was auch für den Chorgesang, den Mannschaftssport oder die lustvolle unentfremdete kollektive Arbeit gilt –, aber das ist nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke seiner Arbeiten.
Thomas Rothschild – 26. März 2026
ID 15767
Weitere Infos siehe auch: https://kluge-alexander.de


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