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Feuilleton

So ein heißer Sommer -

eine Bilanz des deutschen

Kinojahres 2018



Vor rund zwei Wochen veranstaltete die Filmfördereinrichtung der Länder Berlin und Brandenburg (sprich: überwiegend Babelsberg), das Medienboard, wieder ihre traditionelle Weihnachtsparty in einem herausgeputzten Berliner Hotel im Prenzlauer Berg – und wie immer war es eine Riesensause mit der höchsten Promidichte außerhalb der Berlinale. Tatsächlich kann man im bierseligen Ambiente bei dieser Gelegenheit lockerere Gespräche mit Branchenvertretern führen als auf den wuseligen, hektischen Berliner Filmfestspielen. Voller Stolz konnten der Chef der Berliner Senatskanzlei Christian Gaebler sowie der Brandenburger Staatssekretär Thomas Kralinski zusammen mit den Medienboard-Geschäftsführern Kirsten Niehuus (deren Vertrag erwartungsgemäß nochmals verlängert wurde) und Helge Jürgens auf die großen Erfolge des Medienstandortes Berlin und Babelsberg hinweisen, der im Gefolge des Regierungsumzuges im Jahre 200/2001 gegenüber den damaligen Platzhirschen München und Köln immer beliebter geworden ist...



Medienbaord-Weihnachtsparty in einem Berliner Hotel vor zwei Wochen | Foto: Max-Peter Heyne


In der Hauptstadtregion werden mit rund 5.000 Drehtagen und mit 7.653 Drehminuten per anno die meisten Kinofilme produziert. Mit deutlichem Abstand folgt Bayern mit 4.326 Drehminuten als nächster Standort. Neben dem Mehr an Drehorten und kreativem Personal spielen auch die Internationalität und die Verbindung zu anderen Kultur- und Kreativbranchen eine Rolle, so die neue Produzentenstudie der Hamburg Media School ergeben vom September 2018. Berlin ist also nicht unbedingt sehr viel reicher, aber noch sexier geworden. Die symbolkräftige Rückgabe von Finanzierungshilfen, die Produzenten vom Medienboard erhalten haben (in Form überdimensionaler Schecks), beschränkte sich im zweiten Halbjahr 2018 auf einen Kinofilm (Ich bin dann mal weg, Hape Kerkelings Pilgerreise, verfilmt von Regisseurin Julia von Heinz) und ein US-Pay-TV-Movie (The Tale, für den Laura Dern für einen Golden Globe nominiert ist) – da staunt man dann doch nicht schlecht, wo überall deutsche Fördergelder drin stecken; in diesem Fall, weil Produzent Sol Bondy seine deutschen Finger mit im amerikanischen Spiel hatte.

Nun ist eine solche Rückgabe von Geldern in Form symbolisch überdimensionierter Schecks generell eine Ausnahme und keine Bedingung, denn nur wenige deutsche Filme werden Besuchermillionäre an den Kinokassen. Aber es wird immer stärker deutlich, dass sich die Gewichte bei der Förderung und den Erfolgen vom Kino in Richtung Serien und der Beteiligung an international ausgerichteten Serien verschieben. Das größte Medienereignis war eben auch eine Serie, die erfolgreich auch den Weltmarkt anpeilte: Babylon Berlin, die den Mythos um das wilde Leben im Berlin der 20er Jahre ausschmückte. Die zweite Staffel von 4 Blocks schmückt hingegen erfolgreich die Vorstellungen vom mafiösen Bandensündenpfuhl des gegenwärtigen Berlins aus – klischeefrei sind beide beachtlich entworfenen und umgesetzten Serien nicht. Aber wie schlimm es aussehen (und sich anhören) kann, wenn man nur noch Berlin-Klischees bedient, zeigen veritable Flops wie Dogs of Berlin und Beat, die den dreckigen "Schick" und die neue Beliebtheit Berlins wie Legosteinchen aufeinandertürmen.

Einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure war in diesem Jahr Nordlicht Christian Schwochow, der neben der spannenden Bänker-Banden-Serie Bad Banks auch einige Episoden der internationalen Serie Children of Mars inszenierte. Zusammen mit Kollege Marco Kreuzpaintner (Beat – schnell den Schwamm drüber!) und Tom Tykwer, der mit seinen Kumpels an der dritten Staffel von Babylon Berlin sitzt, zählt Schwochow zu jenen Filmschaffenden, die immer mehr TV- und Streaming-Kost inszenieren und eigentlich kaum noch Filme. Diese Verschiebung im Medienkonsum bzw. bei den Sehgewohnheiten vor allem bei den jüngeren Generationen lassen sich auch an den Besucherzahlen ablesen: Immer weniger deutsche Filme schaffen es, die Marke von Hunderttausend Besuchern zu überschreiten, geschweige denn mehr. Stattdessen schafften viele sehenswerte und beileibe nicht sperrige oder "schwere" Kinofilme made in Germany nicht einmal den Sprung über zehntausend Zuschauer – bei bis zu zwei Millionen Kinogänger pro Wochenende eine schlichte Katastrophe. Neben den Kinderfilmen Jim Knopf und Die kleine Hexe konnten sich gegen die amerikanischen Superhelden-Blockbuster nur noch die unvermeidlichen Schweigers und Schweighöfers an den Kinokassen behaupten, originelle und dabei unterhaltsame Filme wie z.B. Styx; Die Reise nach Jerusalem oder Die defekte Katze blieben unter den (manchmal ohnehin bescheidenen) Erwartungen. Als Überraschungserfolge können das wunderbare Roadmovie 303 – der von der Sommerstimmung profitierte – und die Wiederauferstehung von Sönke Wortmann mit Der Vorname gelten. Überhaupt war das zweite Halbjahr für den deutschen Film mit Erfolgen wie 25 km/h und Bully Herbigs Ballon besser als das vermasselte Frühjahr und der Sommer.

Schlimmer noch traf der heiße Sommer die Kinobetreiber, von denen viele angesichts der Medienkonkurrenz und dem nachlassenden Interesse der jüngeren Kinogänger ohnehin schon seit geraumer Zeit leiden. Wer sich umhört, hört Erschreckendes, nämlich das insbesondere die kleineren Häuser landauf, landab eine solche Auszehrung wie in diesem Sommer noch nie erlebt haben und bei einem harten Winter oder zu schönem Frühjahrswetter keine Reserven mehr aufbringen können, sprich: vor dem Ruin stehen. So könnte das Jahr 2018 ein Menetekel für die Freunde des klassischen Kinofilms gewesen sein: das den Graben zwischen TV/Streaming und Kino endgültig aufgerissen hat und buchstäblich ein Klima schuf, in dem das Tante-Emma-Kino außerhalb der Ballungszentren ein Auslaufmodell wurde.



Selfie mit dem Styx-Regisseur Wolfgang Fischer (re.) | (C) Max-Peter Heyne

Max-Peter Heyne - 23. Dezember 2018
ID 11120

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