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Interview

Claes Bang

So authentisch wie möglich


(C) Alamode Film


Claes Bang wurde 1967 in Dänemark geboren, ging in Kopenhagen auf die Schauspielschule und arbeitet schon seit 30 Jahren als Schauspieler. Den deutschen Zuschauern dürfte er aus mehreren Serien wie Der Landarzt, Soko Wismar oder Notruf Hafenkante bekannt sein, in denen er Gastauftritte hatte. Die dänische Serie Anna Pihl – Auf Streife in Kopenhagen wurde auch im deutschen Fernsehen gezeigt, in der er den Freund der Hauptdarstellerin darstellt. In der ZDF-Serie Sibel und Max spielte er Dr. Tobias Olsen über die gesamte Staffel. Auch im Kino war er gelegentlich zu sehen, The Square ist für ihn aber die erste Hauptrolle auf der großen Leinwand. Seit der Film 2017 die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes gewonnen hat, ist der Medienrummel groß. Bang hat derzeit ein Theaterengagement in Dänemark, ist zwischendurch aber auf Tour, um den Film vorzustellen. The Square wurde von den Schweden ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt. Das Interesse dürfte also noch eine ganze Weile anhalten.


* * *


Sie sind gerade auf großer PR-Tour zum Kinostart von The Square. Macht es Ihnen noch Spaß, ständig herumgereicht zu werden und Fragen zu beantworten?

Claes Bang:
Es gibt in dem Film so viele Themen, die man besprechen kann, dass das sehr abwechslungsreich ist. Die Leute erleben ihn sehr unterschiedlich, so dass das auch für mich interessant ist. Eigentlich finde ich das okay.


Welches ist Ihre Lieblingsszene?

C. B.:
Vielleicht zwei. Die Szene, wo wir den Zettel an die Diebe schreiben und die Szene mit Elisabeth Moss, als sie mich nach unserer Liebesnacht wieder trifft und fragt, ob ich überhaupt ihren Namen weiß. Wir haben eine ganze Weile mit der Szene herumgespielt und unwahrscheinlich viele Takes gemacht. Das macht Ruben Östlund ständig.


Stimmt das mit den 70 Takes pro Szene?

C.B.:
Ja, schon. Die Szene, in der wir den Zettel schreiben, haben wir ungefähr 50 mal gedreht mit verschiedenen Einstellungen. Eigentlich ist das keine Improvisation, aber Ruben macht das, damit die Szene ganz organisch, ganz authentisch wirkt. Dann dreht er es noch mal und noch mal, und man muss immer in dieser Stimmung bleiben und in dieser Lage und tiefer und tiefer einsteigen. Die Drehtage von diesen beiden Szenen haben den größten Eindruck bei mir hinterlassen.




Christian (Claes Bang) und Michael (Christopher Læssø) beim Verfassen des Drohbriefes | (C) Alamode Film


Ich habe lange überlegt, ein Wort zu finden für diese Art des Schauspielens, die Östlund Ihnen abverlangte. Ich bin dann auf den Begriff Unmittelbarkeit gekommen. Und um dahin zu kommen, hat Östlund Sie so lange „getriezt“, bis sie alles Erlernte und jeden Widerstand aufgaben?

C.B.:
Genau, die Widerstände und die Ideen, die im Kopf der Schauspieler sind, dass das so und so gemacht werden muss. Das will er nicht. Er will nicht, dass man irgend etwas produziert. Er will nur, dass man sich verhält und einfach da ist. Das ist so sein Ding, dass es so authentisch wie möglich wirkt. Die Reaktionen, die im Film zu sehen sind, sind ja dicht an mir, glaube ich.


Ich hoffe aber sehr, dass Sie nicht so wie Christian sind.

C.B.:
Nee. Aber der ist kein schlechter Mensch, oder? - Er will eigentlich Gutes tun, aber auch ich hoffe, dass meine Sozialkompetenz ein bisschen ausgeprägter als seine ist. Ruben wollte, dass wir uns so verhalten, wie wir es in uns spüren. Ich glaube, deshalb steckt auch ganz viel von mir im Film. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn jemand auf mich zukäme und mich fragt, was machen wir jetzt, nachdem wir miteinander ins Bett gegangen sind. Ich glaube nicht, dass ich mich so wie er verhalten würde. Er ist so ein bisschen aloof [distanziert].


Ich war richtig erleichtert, als Christian der Name seiner Geliebten noch einfiel.

C.B.:
Am Anfang war es so geplant, dass er sich nicht an den Namen erinnert.


Ich war auch sicher, dass er nicht drauf kommt.

C.B.:
So haben wir die ganze Szene auch gespielt. Dann gab es aber eine kleine Drehpause, und ich habe heimlich zu Ruben gesagt: so jetzt drehen wir eine Szene, in der ich auf den Namen komme. Elisabeth Moss wusste es aber nicht, und so war ihre Überraschung echt. Diese Szene ist dann auch im Film zu sehen.


Bei der Liebesszene sind Sie sich allerdings nicht sehr nah gekommen, denn der Kameramann Fredrick Wenzel saß währenddessen auf Ihnen, und Elisabeth Moss saß auf ihm. Ich stelle mir das sehr schwer vor, dabei ernst zu bleiben.

C.B.:
Es ist wahnsinnig ungewöhnlich, dass wir bei einer Liebesszene direkt in die Kamera gucken, denn das macht man ja nur in Pornos.


Das passt aber ins Bild, denn es geht Östlund ja auch ums Kreatürliche.

C.B.:
Ja, genau.


Wie sah es mit der Sprache aus? Sie haben als Däne in einem schwedischen Film mitspielt. Haben Sie schwedisch gesprochen?

C.B.:
Nein. Ich bin Däne und habe dänisch gesprochen. Viele Schweden verstehen das? Aber diese kleinen Nuancen und verschiedene Witze verstehen vielleicht nur die Skandinavier. Es gibt so ein Bruder/Schwester-Verhältnis und eine Hass-Liebe zwischen den Dänen und den Schweden. Das kriegt man als Ausländer nicht mit. So sagt Christopher Læssø [n der Rolle des Michael] beim Verfassen des Zettels zu mir: Jetzt sei nicht so schwedisch. Das Klischee von den Schweden besagt, dass die etwas zu politisch korrekt sind. Da sind wir in Dänemark etwas liberaler.


Der Kunstmarkt und die Ausstellungen und die ritualisierten und „politisch korrekte“ Verhaltensweise gibt es auch in Deutschland und ist wahrscheinlich überall so.

C.B.:
Ja, das ist wohl überall so.


Östlund stellt zwei sehr verschiedene Welten vor. Einmal die Kunstwelt, die auch eine sehr künstliche ist, kontrastiert mit der Welt der Bettler und Obdachlosen. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass die für uns zum normalen urbanen Straßenbild gehören, aber das darf nicht normal sein. Im Film kommen sie in allen Variationen und sehr häufig vor.

C.B.:
Es geht ihm um noch mehr. Das ist ein Snapshot, wie die gesamte Lage derzeit aussieht. Wollen wir, dass es so ist oder wollen wir etwas verändern?


In diesen Momentaufnahmen setzt er der Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt uns unsere Unzulänglichkeit. - Eine Szene, die mich erschüttert hat, ist die, als Christian den Jungen die Treppe herunterstößt. Er sieht nicht nach ihm. Er geht zweimal in den Hausflur, weil er Hilferufe hört, geht aber nicht nachsehen.

C.B.:
Das ist ganz, ganz furchtbar. Das muss man sich fragen, was für ein Mensch er ist.


Er ist Vater und ein überraschend guter...

C.B.:
Vielleicht ist ihm alles zu viel. Er hat ja keine Kräfte mehr. Innerhalb der letzten zwei, drei Tage ist sein Leben völlig durcheinander geraten. Wenn man ihm irgendwie verzeihen will. Ich weiß es nicht.


Wir wissen nicht, was aus dem Jungen nach dem Sturz geworden ist.

C.B.:
Wir wissen nicht, ob er gestorben ist. Ruben hat mehrmals gesagt, dass er glaubt, dass der Junge gestorben ist.


Als Drehbuchautor müsste er das wissen oder entscheiden können.

C.B.:
Nee, im Film gibt es keinen Hinweis darauf, was mit ihm geschehen ist.


Das ist für mich das Schockierendste.

C.B.:
Ja. Ruben lässt uns im Skript da hängen.


Keine billigen Lösungen.

C.B.:
Wir kriegen nicht, was wir wollen. Und viele Leute, die den Film sehen, würden Antworten wollen. Das ist für die sehr irritierend. Aber so war es auch bei „Höhere Gewalt“, die Leute steigen aus dem Bus aus und keiner erfährt, wohin die gehen.


Ich finde es aber gerade grandios, dass er uns in vielen Sachen einfach hängen lässt. Es gibt noch eine unverständliche Szene am Ende. Christian, eigentlich kein schlechter Vater, nimmt seine Töchter mit in das Wohnsilo, um nach dem Jungen zu suchen. Er will sie unten allein im Auto allein warten lassen, in so einer Gegend.

C.B.:
Ja, es gibt unwahrscheinlich viele Dinge, die man nicht erklären kann. Dabei ist gar nicht sicher, ob die Gegend so gefährlich ist. Das spielt sich vielleicht nur in seinem Kopf ab. Er hat sehr viele Vorurteile. Als er das Video für den Jungen aufzeichnet, redet er auch darüber.


Das ist ja mehr als eine Entschuldigung und fast schon eine philosophische Abhandlung.

C.B.:
Ja, und die war auch noch viel länger, wie viele andere Szenen auch. Wenn wir alles drin gelassen hätten, wäre der Film sechs bis acht Stunden lang geworden. Man stellt zum Schluss die Frage, ob man seine soziale Stellung ein, zwei Stufen herunterfahren kann, um dafür zu sorgen, dass es anderen Menschen besser geht. Würde ich das tun, wenn ich die Möglichkeit hätte? Dann beantwortet Christian das und sagt, nein, das würde er nicht machen. Das haben wir dann herausgeschnitten, aber das war seine Antwort. Das hatten wir probiert, aber das wäre zu programmatisch geworden.


Leider ist die Zeit schon um. Ich danke Ihnen, dass Sie uns die Gelegenheit zu diesem Gespräch gegeben haben, und wünsche Ihnen und diesem wunderbaren Film vielen Erfolg.



[Das Gespräch fand am 16. Oktober 2017 in Köln statt.]
Interviewerin: Helga Fitzner - 18. Oktober 2017 (2)
ID 10322


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