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EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM

Geh und lebe


Drehbuch und Regie:
Radu Mihaileanu


Der historische Hintergrund

Afrika 1984: Die Hungersnot hat katastrophale Ausmaße angenommen. Es herrscht ein Massensterben. Aus 26 afrikanischen Ländern sind die Menschen vor der Dürre in die riesigen Lager in den Sudan geflohen. Dort werden sie notdürftig versorgt. Für ein paar tausend Auserwählte könnte es aber dauerhafte Rettung geben. Die israelische Regierung hat beschlossen, eine Luftbrücke zwischen dem Sudan und Israel zu errichten, mit der sie jüdisch-stämmige Äthiopier evakuieren will. „Operation Moses“ wird dieses Unterfangen genannt, angelehnt an den Exodus der Juden aus Ägypten in biblischer Zeit. Rund 12.000 äthiopische Juden machen sich auf den beschwerlichen Weg in den Sudan. 4.000 davon sterben auf dem Weg an Hunger, Krankheit und Entkräftung. Im Sudan erwartet sie eine böse Überraschung. Der Sudan ist zu der Zeit ein islamischer Gottesstaat, der mittels der strengen Scharia (Gesetzgebung) regiert wird. Die jüdischen Äthiopier dürfen sich nicht als Juden zu erkennen geben, sonst erwartet sie die Todesstrafe. 8.000 von ihnen schaffen es wirklich, nach Israel evakuiert zu werden.

Im Gelobten Land kommt es zu einem Erwachen der unerwarteten Art. Niemand will sie wirklich da haben. Der religiöse Streit darum, ob es überhaupt schwarze Juden geben kann, ist weder mittels Bibelauslegung, noch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen erwiesen. So fristen Tausende ein Leben in Israel, fern der Heimat, in einem Land, das ihnen fremd ist und wo sie oft auch als Fremde behandelt werden.



Schlomos Mutter (Meskie Shibru Sivan)


„Hüte dein Geheimnis. Du bist jetzt Jude“

Die Filmhandlung beginnt mit dem Tod eines jüdischen Knaben im sudanesischen Lager. Die Mutter soll das gerade verstorbene Kind zurücklassen, um in das Flugzeug nach Israel einzusteigen. Völlig teilnahmslos und betäubt steht sie in der Reihe. Eine Christin hat die Tragödie der Frau mitbekommen. Sie ergreift nun die Chance, das Leben ihres eigenen Sohnes zu retten, indem sie ihn fortschickt. Der Junge ist entsetzt und weigert sich, aber die Mutter ist konsequent. Sie will, dass ihr Kind überlebt. Trotz ihres Schmerzes reagiert die Jüdin instinktiv, als plötzlich ein fremder Junge ihre Hand ergreift. Sie nimmt ihn mit nach Israel.



Schlomo (Moshe Agazai) in der Kantine


In Israel muss der Junge seine Identität und Wurzeln verleugnen. „Er heißt, Salomon“, bezeugt seine neue Mutter. „Bei uns wirst du von nun an Schlomo heißen“, verkündet der israelische Urkundenbeamte. Die äthiopischen Flüchtlinge werden strengen Prüfungen unterzogen als Beweis, dass sie wirklich jüdischer Abstammung sind. Auch Schlomo muss sich den Ahnenstamm seiner vermeintlichen Familie einprägen, den ihm seine Retterin mehrfach erklärt und einschärft.
Das Leid nimmt aber kein Ende. Schlomos jüdische Mutter erkrankt schwer und stirbt. Schlomo ist nun allein mit sich und seinem Geheimnis, das er niemals verraten darf, weil er sonst zurück müsste. Sein Geheimnis und seine falsche Identität begleiten ihn durch seine Kindheit und Jugend. Schlomo wird von einem weißen israelischen Ehepaar adoptiert, das schon zwei Kinder hat. So wächst er unter annähernd normalen Umständen auf, wenn man von den ständigen Anfeindungen absieht, die er und die anderen schwarzen Juden erfahren. So verbietet der Vater seiner Jugendfreundin ihr den Umgang mit ihm. Trotzdem kann er die Liebesgeschichte zwischen Schlomo und Sarah (Rodi Hadar) nicht aufhalten. Ein Teil von Schlomos Kampf um seine Liebe findet in der Synagoge statt. In einem Rededuell gewinnt er gegen einen sehr fähigen Kontrahenten. Damit hat er offiziell sein Judentum bewiesen. Nur Schlomo weiß, dass das eine Lüge ist, denn er schreibt heimlich Briefe an seine leibliche Mutter in Äthiopien, obwohl er gar nicht weiß, ob sie noch lebt oder sich noch im Flüchtlingslager befindet. Diese Briefe sind Ausdruck seiner Sehnsucht nach Heimat und ein Festhalten an seiner wahren Identität.



Drei Schlomos (Moshe Agazai, Mosche Abebe, Sirak M. Sabahat)


Erwachsen geworden, will er nicht zum Militär. Er will mit friedlichen Mitteln seinen Beitrag leisten und studiert Medizin in Paris. Nach seiner Rückkehr heiratet er Sarah, ohne sie jedoch in sein Geheimnis einzuweihen, unter dem er immer mehr leidet. Als Sarah ein Kind erwartet, fühlt er verpflichtet, ihr die Wahrheit zu sagen. Aber wie wird Sarah reagieren, wenn sie erfährt, dass ihr Mann und der Vater ihres ungeborenen Kindes gar kein Jude ist? Wie wird Sarah das verkraften, nachdem sie wegen Schlomo von ihrer Familie verstoßen wurde?

Regisseur Radu Mihaileanu („Zug des Lebens“, 1998) erklärt: „Der Stil des Films sollte einerseits dokumentarisch sein, um die geschichtliche Realität gewissenhaft zu respektieren, er sollte aber auch eine Geschichte haben, damit aus den Figuren außergewöhnliche Menschen werden. Gleichzeitig habe ich es mir aber untersagt, aus den Prüfungen, die diese Menschen durchleben mussten, ein Spektakel zu machen“. Herausgekommen ist dabei ein einfühlsamer und sehr intensiver Film, der das Leben eines aus Äthiopien stammenden Flüchtlings über einen Zeitraum von 20 Jahren schildert. Der Film lebt vom beeindruckenden Spiel der drei Darsteller des Schlomo, von Moshe Agazai als Kind, Mosche Abebe als Jugendlicher und Sirak M. Sabahat als erwachsener Schlomo. Viele internationale Auszeichnungen hat er schon angehäuft, darunter den Preis der Ökumenischen Jury auf der Berlinale 2005.

Radu Mihaileanu fasst den Aberwitz der Geschichte zusammen: „Die Menschen werden allzu oft nach alten und überholten Stereotypen beurteilt: Araber, Juden, Rumänen, Franzosen, Deutsche... Solche Identitäten sind restriktiv und grob. Sie können nicht ausdrücken, wie Kulturen aufeinander einwirken, wie sich individuelle Wege kreuzen und beeinflussen. Dieses Kind, das da heranwächst, ist in meinen Augen das Kind des Jahrhunderts. Es schließt einen Kompromiss mit dem Irrsinn der Geschichte. Während des Zweiten Weltkrieges hätte ihm die gleiche Lüge, die ihm 1984 das Leben rettet, ohne Zweifel den Tod gebracht.“


Helga Fitzner - 1. April 2006
ID 2320
Weitere Infos siehe auch: http://www.geh-und-lebe.de/

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