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Rezension


15. bis 21. September 2011, Filmhaus Köln

Visions of China 2011

5. Chinesisches Filmfestival



Die Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs von „Visions of China“ 2011

Den Hauptpreis erhält das Sozialdrama „Lost“ von Zhou Xiaowen. Lobende Erwähnungen gehen an „Shadow“ und „Once Upon a Time In Tibet“. Den Choices-Award ergattert “Shadow”; und Peter Klas, Vorsitzender des Filmhaus Köln e. V., würdigt den Regisseur Chen Tianxing für den Martial-Arts-Film „Nunchucks“ mit dem Filmhaus-Preis. Nach seiner überschwänglichen Dankesrede demonstrierte der Action-Star vor einem begeisterten Publikum noch ein paar Martial-Arts-Übungen live.


Festivalleiter Peter Klas prämiert den Filmemacher und Martial-Arts-Performer Chen Tianxing für seinen Film „Nunchucks“ (China 2011) - Foto (C) Visions of China, Filmhaus Köln

“Lost“ (China 2011) ist der erste Film des Regisseurs und Drehbuchautors Zhou Xiaowen (* 1954 in Beijing) nach zwölf Jahren. Er war mit Produktionen wie „Obsession“, „The Black Mountain“ und „Ermo“ in der Vergangenheit sehr erfolgreich. Für „Lost“ hat er mehrere Jahre intensiv recherchiert, um sich dem wachsenden gesellschaftlichen Problem der Wanderarbeiterinnen zu nähern. Baihe (Wang Zitong) ist auf dem Lande in der Provinz Shaangxi geboren und in die Millionenstadt Shenzhen gezogen, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Durch ihre Naivität gerät sie immer wieder in Schwierigkeiten. So lässt sie sich von einem Lastwagenfahrer schwängern, der sich nie wieder blicken lässt. Nachdem ihr Sohn geboren ist, erfährt sie, dass er eine schwere Herzkrankheit hat und sie die Riesensumme von 80.000 RMB für eine Operation auftreiben muss, damit er nicht stirbt. So gerät Baihe in die Hände von Kindesentführern, Organhändlern und anderen Ganoven. Ihre aufgeweckte Freundin Hu Jinling (Zhao Yaqi) verhindert zwar oft das Schlimmste, aber sie kann nicht immer um Baihe herum sein. Baihe wird von der Autorin Liu Nan (Lu Liping) entdeckt, die ihre Lebensgeschichte aufschreiben will. Zunächst will sie im Internet aber eine Spendenaktion für Baihes Sohn initiieren...


LOST von Regisseur und Drehbuchautor Zhou Xiaowen. - Baihe (Wang Zitong) findet sich im Moloch der Großstadt nicht zurecht. - Foto (C) Visions of China, Filmhaus Köln


Während die Geschichte zunächst eng am Einzelschicksal der Baihe bleibt, bietet Zhou Xiaowen drei Schlüsse an. Sämtliche Alternativen enden tragisch, ob es Kriminalität, Prostitution oder andere Ausweglosigkeiten sind. Er verdeutlicht damit, dass diese Geschichte stellvertretend für die geschätzt 20 Millionen Migrantinnen in China steht.

Die vierköpfige Jury, bestehend aus den Regisseuren Michael Endepols und Lothar Spree sowie aus den Regisseurinnen Solveig Klaßen und Nicole Weegmann begründete ihre Entscheidung so: “Der Film ‚Lost’ von Zhou Xiaowen ist ein einfach scheinendes, aber ergreifendes sozial-realistisches Drama über Baihes Kampf um eine Zukunft. Die junge Wanderarbeiterin vom Lande steht für Millionen ähnlicher Schicksale in China, und der Film schafft es mit einfachen Mitteln, uns dieses immer noch große gesellschaftliche Problem authentisch, emotional aber auch in aller Komplexität nahe zu bringen.

Die Struktur des Films vertraut auf die sorgfältigen Recherchen des gestandenen Filmemachers, wird aber durch die überragende schauspielerische Leistung des möglicherweise kommenden Stars Wang Zitong zum glaubwürdigen, eindringlichen und authentischen Bericht. Dieser Film überzeugt uns durch seine Nähe zu den Problemen und Brüchen in der Gesellschaft Chinas, die er mit künstlerischer und sozialer Kompetenz darstellt. Der komplexe und im positiven Sinne medienreflektive Schluss zeugt von der Fähigkeit und dem Mut des Filmemachers, Momente der Ausweglosigkeit und des Scheiterns aufzuzeigen. Der Film hat uns durch Authentizität, Klarheit, Einfachheit, einer mutigen sozialkritischen Position und durch professionelle Bescheidenheit überzeugt.“


Eine der zwei „Lobenden Erwähnungen“ erhielt „Once Upon a Time In Tibet“ (China 2010). Dieser ist nach “Ganglamedo” (China 2007) der zweite Teil einer geplanten tibetischen Liebes-Trilogie der ehemaligen Musikregisseurin Dai WEI. Hintergrund der Handlung sind wahre Begebenheiten während des Chinesisch-Japanischen Kriegs. 1942 bauten die USA die Luftbrücke „The Hump“ auf, um von Indien aus die chinesische Provinz Yunnan zu versorgen. Der Flug über den Himalaja war lebensgefährlich. Etwa 3000 Piloten verloren bei diesen Einsätzen ihr Leben.

*


Auch der US-Pilot Robert Smith (Joshua Hannum) wäre bei einem solchen Einsatz beinahe ums Leben gekommen, wenn er nicht rechtzeitig abgesprungen wäre. In den eisigen Gebirgsketten des Himalaja findet er sich nicht zurecht und wird schneeblind. Bewohner eines abgelegenen Dorfes finden ihn. Sie nennen ihn der „rothaarige Teufel“ und bringen ihn bei einer Frau unter, die die Dorfgemeinschaft als Hexe verbannt hat. Sie soll ihn aufpäppeln und dann schnell wieder los werden. Doch Yongcho (Song Jia) und Robert verlieben sich trotz aller Sprachbarrieren und Gegensätzlichkeiten ineinander. Derweil sucht das Militär und ein tibetischer Clan nach einem US-Soldaten, der eine tibetische Frau umgebracht hat. Robert wird verdächtigt, dieser Mann zu sein und von Jian (Peter Ho) und dessen Männern gejagt. Jian hat gleich zweierlei Interesse, Robert zu finden. Die ermordete Frau stammte aus seinem Clan und er wird die bislang verweigerte Erlaubnis bekommen, seine Liebste zu heiraten, wenn er Robert aufspürt.

Während die Geschichte melodramatisch daherkommt und eher nach Soap-Opera klingt, lebt der Film von der Schauspielkunst der Hauptdarstellerin Song Jia und den atemberaubenden Aufnahmen der Landschaft Tibets rund um den heiligen See Namtso. Der taiwanesische Kameramann Mark Lee Ping-Bing (im Jahr 2000 beim Filmfestival in Cannes preisgekrönt für die Kameraarbeit bei „In the Mood For Love“, Hongkong 2000) hat für unvergessliche Bilder gesorgt.

Die Jury sagt dazu: ”’Once Upon a Time In Tibet’ ist ein Film von karger Schönheit, der die Landschaft Tibets und die Ursprünglichkeit seiner Figuren in ruhiger und emotional ergreifender Weise erzählt.

Die Geschichte selbst – nichts als eine Liebesgeschichte – ist aber gewebt aus den Fäden großer Politik: Der Film spielt vor dem Hintergrund des Chinesisch-Japanischen Krieges und der Amerikanischen Unterstützung durch die ‚Fliegenden Tiger’. Der Amerikaner, wie ein Astronaut in eine andere Galaxie geschleudert, wird nur gerettet durch eine andere verlorene, d.h. verstoßene Seele – die nicht-konforme, buchstäblich “verteufelte” Außenseiterin in einer Gesellschaft, die keine Außenseite(r) akzeptiert.
Mit großer bilderreicher Sensibilität, in krasser Sprachlosigkeit, in atemberaubender Weite bewegen sich die beiden ‚A-Sozialen’ aufeinander zu, obwohl alles in ihrer Umwelt dagegen spricht. Der Kern der Geschichte ist die Behauptung, die eine Beobachtung ist, dass auch die unterschiedlichsten Wesen unter den Menschen aufgrund der Macht der Liebe neue Welten schaffen können.

Besonders erwähnenswert ist hier die überragende Leistung der chinesischen Schauspielerin Song Jia, die mit großer Hingabe und Disziplin eine unvergessliche Frauenfigur schafft. Der Film bietet insgesamt einen neuen, ungewöhnlichen Blick auf Tibet und seine komplexe Geschichte.“



SHADOW, Meister Ma (Li Jun) beim Schattenspiel - Foto (C) Visions of China, Filmhaus Köln


Ebenfalls eine „lobende Erwähnung“ bekam der Film „Shadow“ (China 2011) von Zhang Wei (Drehbuch und Regie), den wir in der Ankündigung für das Festival schon besprochen haben. (http://www.kultura-extra.de/film/filme/filmkritik_shadows_nunchucks_visionsofchina.php)

Die Jury sagte dazu: „’Shadow’ ist ein liebevoll und sorgfältig gemachter Film, der mit den Mitteln des anspruchsvollen Unterhaltungsfilms Fragen zum schwierigen Thema Kulturerbe und Traditionserhalt aufklären, hinterfragen und kritisch beleuchten will. Er zeigt die Faszination, die Westler für das chinesische Schattenspiel als einen Vorläufer des Kinos hegen, in sensibler und verständnisvoller Weise – wirft aber auch die aktuellen Fragen nach dem schwierigen Unterfangen der Erhaltung traditioneller Kultur, Gebräuche und Künste auf. Anders als viele ähnliche Filme verherrlicht ‚Shadow’ nicht einfach das kulturelle Erbe des Schattenspiels als die so übliche superlative Sensation, sondern problematisiert die Erhaltung des Kulturerbes in differenzierter und kritischer Weise.

Ob der Rettungsversuch der französischen Journalistin ein Segen oder nur ein weiterer Ausbeutungsversuch ist, ob die Regierungsinitiative zur Förderung des Kulturgutes ernst gemeint war oder in Korruption unterging, ob es ein höherer Wert ist oder nur eine Marotte, das Schattenspiel gegen Fernsehen und iPads durchzusetzen – all das wird in schönen, cinematografisch hochwertigen Bildern gezeigt. ‚Shadow’ stellt - verkleidet als ein zugleich sentimentales und leicht didaktisches, anspruchsvoll-folkloristisches Mainstream-Movie - die Frage nach dem Wert der Erhaltung des Kulturerbes, aber auch nach der Position der Kunst und des Künstlers in der chinesischen Gesellschaft in ungewohnt kritischer Weise – und gibt keine falschen Antworten.“


Der Film endet je nach Ansicht tragisch oder auch nicht. Der Puppenspieler Meister Ma (Li Jun) ist einer der letzten der Vertreter der alten Kunst des Schattenspiels. Er sollte in der Großstadt groß herausgebracht werden. Nach anfänglichen Erfolgen kommt die Ernüchterung. Am Schluss spielt er selbst in seinem Dorfe vor leeren Reihen. Irgendwann treibt der behinderte Baogen Kühe vor die Leinwand, die interessiert davor stehen bleiben und dem Schattenspiel zusehen. Tragisch? Gescheitert? Nachdem Kunst von Politik, Werbung und Kommerz immer wieder instrumentalisiert wird, ist sie möglicherweise in ihren idealtypischen Urzustand zurückversetzt worden: zu einer völligen Ungebundenheit von Zweckerfüllung und Sinngebungsdruck. Meister Ma tut mit Freude und Inbrunst das, was er fast sein ganzes Leben lang gemacht hat. Er spielt.


Helga Fitzner - 20. September 2011
ID 00000005391

Weitere Infos siehe auch: http://www.visionsofchina.de/


Post an Helga Fitzner



 

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