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Feuilleton


Facettenreicher Auftakt des Filmfestivals der „Aktion Mensch“ – Bundesweite Tour bis Ende Mai 2013




Die Kunst, sich Gehör zu verschaffen

Im fünften Jahr seines Bestehens kehrt das Filmfestival der „Aktion Mensch“ zu seinen programmatischen Ursprüngen zurück und widmet sich Filmen über die Probleme und Chancen von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft. Das „Inklusive-Filmfestival“ verweist mit seinem Motto „Überall dabei“ auf das langfristige Ziel der „Aktion Mensch“ zur Inklusion, also zur „vollständigen und gleichberechtigten“ Teilhabe von Behinderten an gesellschaftlichen Prozessen, was über bloße Integration hinausgeht. Deshalb sind alle Spielstätten der Festivaltournee, die bis Mai 2013 durch insgesamt 40 deutsche Städte führt, für Rollstuhlfahrer geeignet, und die sechs ausgewählten Filme für Seh- und Hörbehinderte mit Untertiteln und Audiodeskriptionen ausgestattet. Außerdem werden Diskussionen für Gehörlose durch Gebärdensprachdolmetscher und eingeblendete Mitschriften simultan übersetzt. Maßnahmen, die nicht aus technischen, sondern ökonomischen Gründen im Kinoalltag die große Ausnahme sind, wie Martin Georgi vom Vorstand der „Aktion Mensch“ bedauernd feststellt. Die 1964 gegründete „Aktion Mensch“, der alle namhaften Wohlfahrtsverbände angehören, ist Deutschlands größte private Förderorganisation im sozialen Bereich.

Die Zahl der Filme, die sich der Situation von Behinderten widmen, ist in diesem Jahr auffällig stark – allen voran der französische Kassenschlager Ziemlich beste Freunde –, deshalb drängte sich dieser Schwerpunkt für das Inklusive-Festival förmlich auf. Zum Auftakt von „Überall dabei“ wurden den Besuchern in Potsdam, Berlin und Weimar indes nicht nur Filme, sondern auch andere, facettenreiche Eindrücke geboten: In Berlin eröffnete das „Überall dabei“-Filmfest deren Schirmherr, Schlagersänger Guildo Horn, der sich bereits seit langem für die Belange geistig behinderter Menschen einsetzt, seit er während eines freiwilligen sozialen Jahres in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet hat.

Zusammen mit Horn sahen sich 300 behinderte und nicht-behinderte Zuschauer den schwedischen Spielfilm Die Kunst, sich die Schuhe zu binden an, der auch regulär in deutschen Kinos zu sehen ist. Regisseurin Lena Koppel erzählt darin etwas zu sentimental, aber humorvoll und warmherzig, die wahre Geschichte des Glada-Hudik-Theaters nach: Die 1996 gegründete Bühne, auf der Menschen mit Down-Syndrom und anderen Handicaps professionelle Theaterproduktionen aufführen, ist ein besonders erfolgreiches Beispiel eines Inklusionsprojekts. Für den Film wurde aus dramaturgischen Gründen noch die Teilnahme an einer Castingshow hinzu erfunden, bei der das Behinderten-Ensemble sich quasi selbst spielt. Einige Winkelzüge des Drehbuchs wirken allzu idealistisch bzw. Verständnis-erheischend, wo Verständnis eigentlich vorausgesetzt hätte werden können, aber der enormen Erfolg an den schwedischen Kinokassen gibt der Regisseurin Recht: Es wird bereits eine Fortsetzung gedreht.

Wie reizvoll die Kombination aus Sprechen und Gebärdensprache bei der Aufführung von Gedichten oder gar Theaterstücken sein kann, demonstrierten im Filmmuseum Potsdam Schüler der Wilhelm-von-Türk-Schule und die jungen Schauspielerinnen des Theaterstückes ME DEA F! – eine betont moderne, mit Videoprojektionen akzentuierte Bearbeitung der antiken Medea-Tragödie, die mehrere Male auch im Berliner Ballhaus Ost zu sehen war. Die jungen Schauspielerinnen – teils gehörlos, teil nicht – verflechten ihre jeweiligen Ausdrucksmittel zu einer reizvollen Sprache-Gestik-Symbiose. Der amerikanische Dokumentarfilm Deaf Jam zeigte danach am Beispiel der selbstbewussten und quirligen Gehörlosenschülerin Aneta die Entwicklung der stummen Variation des so genannten Poetry Slam, des öffentlichen Vortragens eigener Gedichte: Der Deaf Jam ist eine kreative Mischung aus blitzschneller Gebärdensprache und symbolhafter Gestik, die sich teilweise auch Hörenden erschließt. Seine besondere Wirkung entfaltet der Film dank des unbändigen Selbstbehauptungswillens seiner Protagonisten, die mit ihrer Gestik wahre Wirbelwinde zu entfachen vermag. Als Hörender wird man von Anetas Temperament angesteckt und nach ca. zwanzig Minuten des Zuschauens stellt sich der intensive und irritierende Impuls ein, ebenfalls mit den Händen gestikulieren bzw. sprechen zu wollen, weil diese Art der Kommunikation viel lebendiger und ursprünglicher wirkt als das abstrakte Worte-Formulieren.

Ob Deaf Jam sich in den Clubs amerikanischer Großstädte noch zu einer eigenen Kunstform entwickelt hätte, wenn die Medizintechnik schon einen Schritt weiter gewesen wäre und mikroelektronische Hör-Implantate zur Serienreife gebracht hätte? Werden sich die meisten Gehörlosen diese Neuroprothesen eines Tages implantieren lassen, wenn dies für sie erschwinglich ist – und wird es dann noch Gebärdensprache bzw. Deaf Jam geben? Auch solche existentiellen Fragen, die die Identität von Behinderten und damit ihr Verhältnis zur restlichen Gesellschaft berühren, wollen die Organisatoren mit dem Filmfest zur Diskussion stellen, zu deren Filmprogramm neben den genannten Titel auch noch der japanische Thriller Blind und der Dokumentarfilm Aus dem Leben einer Sexarbeiterin über eine Prostituierte, die behinderte Kunden empfängt, zählen.

Inwieweit eines nicht mehr allzu fernen Tages – Experten sprechen von ca. 50 Jahren – nicht nur Behinderte, sondern auch künstliche Menschenroboter, so genannte Cyborgs oder Androiden, ein integrierter Teil unserer Gesellschaft werden sollen oder müssen, damit beschäftigten sich die Filmemacher Alexander Kluge, Urgestein der 60er-Autorenfilmszene, und Basil Gelpke, Schweizer Journalist. Im Auftrag der „Aktion Mensch“ haben Kluge und Gelpke aus der bereits im Fachhandel (vom Anbieter absolutmedien.de) erhältlichen, mehr als 700 Minuten langen Materialsammlung über die weltweite Entwicklung von künstlicher Intelligenz, eine rund zweistündige Kinofassung erstellt: Mensch 2.0 – Die Evolution in unserer Hand, der seit 27.9. auch regulär in deutschen Kinos läuft, ist eine Mischung aus „konventioneller Dokumentation“, sagt Gelpke über seine Teile, und essayistischer, assoziativer Reflexion auf einer Metaebene, wie man sie aus Kluges Fernsehsendungen gewohnt ist.

Einer der im Film gezeigten Roboter, „Bina 48“, und ihr Entwickler, der Amerikaner Bruce Duncan, standen den Zuschauern vor der Vorführung als Gesprächspartner zur Verfügung. „Bina 48“ wurde von Duncan nach einer realen Person gestaltet und mit deren Biografie und Ansichten ‚gefüttert‘ – ganz klassisch per Tastatur. Der zweite Teil ihrer ‚Gehirn‘-Software besteht aus Schemata, die Menschen bei der Kommunikation nutzen wie z. B. Begrüßungsformeln. Aus diesen beiden Teilen kann sie Antworten generieren – die Bina sich ebenso merkt wie das gesamte Gespräch und das Gesicht des Gegenüber, denn sie verfügt über Kameras hinter den künstlichen Augen. Sie kann also – vorläufig – nur das kombinieren und per Stimmmodulator wiedergeben, was ihr alter ego schon einmal gedacht hat, lernt aber täglich neue Informationen hinzu. (Siehe dazu auch das Interview mit Alexander Kluge!)




Der sog. Bina 48 Roboter in Alexander Kluges sowie Basil Gelpkes Film Mensch 2.0 - Die Evolution in unserer Hand - Foto (C) Max-Peter Heyne


Max-Peter Heyne - 5. Oktober 2012 (2)
ID 6250

Weitere Infos siehe auch: http://www.aktion-mensch.de/filmfestival/filme.php


Post an Max-Peter Heyne



 

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