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Essay


Du siehst mich, ergo bin ich


Dass der Titel von Sofia Coppola neuem Film The Bling Ring an Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy (die längst als Inbegriff der Bunga Bunga-/Bling Bling-Ära gelten) denken lässt, ist kein Zufall: The Bling Ring setzt allen Selbstdarstellern ein Denkmal. Auf einer wahren Begebenheit beruhend (eine Vanity Fair-Journalistin machte die spektakuläre Einbruchserie publik, bei der Güter im Wert von über 3 Mio. US-Dollar entwendet wurden), zeigt er eine Gruppe superreicher Jugendlicher in L.A., wie sie in die Häuser von Prominenten einbrechen.

Der Kick besteht nicht so sehr darin, Chanelhandtaschen, Bargeld, Koks, Louboutins und Unterwäsche von Paris Hilton zu klauen, sondern sich dabei zu fotografieren und die Bilder im Handumdrehen online zu stellen. Momente werden nur real, wenn sie festgehalten, von anderen gesehen und, noch besser, kommentiert werden, ganz nach dem Motto: Du siehst mich, also bin ich. Das immer stärker zunehmende Phänomen der „Selfies“ (mit dem Smartphone aufgenommene Schnappschüsse der eigenen Person) ist Ausdruck des sich mit der Anonymität heutiger Kommunikationsmuster proportional verhaltenen Bedürfnisses, sich durch den Blick der anderen seiner selbst zu vergewissern.

Ist das nicht paradox? Wir ziehen uns immer mehr in den digitalen Raum zurück, aber das Bedürfnis, sich mit anderen auszutauschen, nimmt ja nicht ab, sondern findet letztendlich nur in einem anderen Rahmen statt. Scheinbar kommunikativer und eloquenter als je zuvor (die meisten jungen Leute sind täglich auf mindestens einer Handvoll digitaler Plattformen aktiv), doch offline verarmen zwischenmenschliche Beziehungen zusehends. Vor kurzem machte das Bild einer auf dem Tresen eines Coffee Shops angebrachten Schiefertafel im Netz Furore. Sie trug die Aufschrift „We don’t have WiFi, talk to each other.“ Der Post erzielte in Sekundenschnelle unfassbare viele Likes, bezeichnenderweise wieder im virtuellen Raum - Ausdruck des Möbius-Bandes, dessen Schlinge sich um den Hals eines Groβteils der Bevölkerung festgezurrt hat?



Paris Hilton (li.) und Sofia Coppola - Foto © Tobis Film



Paris Hilton, Königin aller Selfies, wurde selbst Opfer der Einbrecher (so auch Lindsay Lohan, die selbst wegen Diebstahls vor Gericht stand – eine der vielen Metaebenen des Films). Sofia Coppola erhielt die Genehmigung, in ihrem Haus zu drehen – Paris schien sich des gesellschaftskritischen Anspruchs des Films nicht bewusst zu sein, sondern stimmte dem Vorhaben begeistert zu (gibt es eine wirkungsvollere PR-Kampagne?). Der Zuschauer nimmt Paris‘ Zuhause als Spiegelfläche ihres Narzissmus wahr – die Sofakissen sind mit ihrem Antlitz bedruckt, und im Treppenhaus hängen überlebensgroβe Paris-Portraits.

Leider bleibt der Blick der Kamera lediglich an der Oberfläche haften (Spiegel der Sinnentleertheit der porträtierten Gesellschaft?). Die jugendlichen Täter werden zu wenig charakterisiert bis auf eine Schlüsselszene, in der Rebecca, die Anführerin der Bande (und Tochter einer Pädagogin), sich mit einem neu „erstandenen“ Outfit bekleidet im Spiegel betrachtet. Der Zuschauer wird Zeuge einer magischen Verwandlung – ihr Blick auf sich selbst verwandelt sich – plötzlich scheint sie sich selbst als attraktiv/liebenswert wahrzunehmen – als würde der Träger durch sein kostspieliges Gewand selbst auch aufgewertet. Coppola verzichtet darauf, das Innenleben der Figuren auszuleuchten (anders als bei ihrem Meisterwerk Lost in Translation, bei dem der Zuschauer durch die brillanten Dialoge die Gedankenwelten der Protagonisten erahnen konnte); stattdessen erklären sich die bizarren Verhaltensweisen durch das Ambiente, in dem sich die Täter/Opfer bewegen.



Emma Watson spielt die Mutter zweier Bandenmitglieder in dem Film The Bling Ling von Sofia Coppola - Foto © Tobis Film



Die Mutter zweier Bandenmitglieder ist Sinnbild alles aus der Bahn geratenen: Sie unterrichtet ihre drei Töchter (darunter Emma Watson – ihr Spiel ist eines der Highlights des Films) lieber zu Hause, damit sie keinen „schädlichen Einflüssen“ ausgesetzt sind (bevor der „Unterricht“ beginnt, unterhalten sich die Schwestern über ihre One Night Stands am vorigen Abend). Zum Frühstück verteilt die Mutter Psychopharmaka (Dystopie oder bereits Realität? 11% aller Kinder und Jugendlichen in den USA werden mit Ritalin behandelt; der Missbrauch dieses Medikaments hat Studien zufolge im letzten Jahr um 33% zugenommen). „Unterrichtsgegenstand“ sind mal Bachblütentherapie, mal das Thema Vorbilder, zu dessen Veranschaulichung die Mutter ein lebensgroβes Pappbild von Angelina Jolie („what a beautiful example of altruism“) ins Wohnzimmer trägt. Die Eltern ermuntern ihre Kinder, bei Castings vorzusprechen und sich Stelldicheins mit Filmproduzenten zu geben, was einer Aufforderung zur Prostitution gleichkommt.

Aber mit wem auβer mit Hollywoodstars sollten sich die Jugendlichen auch identifizieren? Lebenswelten auβerhalb des Show Biz scheinen für sie nicht zu existieren. Zum Vorbild wird nicht, wer Gutes tut, sondern wer sichtbar ist und Tabus bricht. So erhält Marc, das einzige männliche Gruppenmitglied, binnen weniger Minuten, nachdem sein Gesicht bei Bekanntwerden der Einbruchserie die Nachrichten geflutet hat, 600 Freundschaftsanfragen auf Facebook. Ausgerechnet er, der Outsider, mit dem niemand befreundet sein wollte. Eine success story? Nicht ganz. Der kurze Kick des Ruhms endete mit mehrjährigen Gefängnisstrafen für fast alle Beteiligten. Wie naiv zu glauben, ausgerechnet im Zeitalter der permanenten Überwachung (wie passend der Filmstart zeitgleich mit dem Bekanntwerden des NSA-Überwachungsskandals) und nach unzähligen auf Facebook geposteten Bildern, die bei den Einbrüchen aufgenommen wurden, unsichtbar zu bleiben. Oder unterlagen sie dem Glauben, Geld kaufe alles, auch Freiheit?


Lea Wagner - 2. September 2013
ID 7108
Weitere Infos siehe auch: http://theblingring.com/


lea.wagner@kultura-extra.de

Zu weiteren Essays von Lea Wagner auf die Filme:

Frances Ha

La grande bellezza



 

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