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Zum Abschluss des DOKUARTS-Filmfests 2018 in Berlin



Dass der Maler und Graffittikünstler Banksy sein eigenes Kunstwerk im Moment der Versteigerung zerschreddern lässt, ist weniger eine bizarre Provokation eines exzentrischen Künstlers als vielmehr ein trefflicher, sarkastischer Kommentar auf die wahnwitzige Überhitzung des Kunstmarktes. Wenn zweifelhafte, auf grelle Effekte reduzierte Pop-Art-Gemälde und Skulpturen auf Auktionen mittlerweile regelmäßig zweistellige Millionensummen erzielen, dann stellt das die Exzesse des Aktien- und Immobilienmarktes in den Schatten, die immerhin gewissen Regeln der Börse und staatlicher Aufsicht unterworfen sind. Der vollkommen vom egomanischen Engagement privater Sammler befeuerte Kunstmarkt hingegen scheint völlig außer Rand und Band zu sein.

Die exzessive Ökonomisierung des Kunstbetriebs ist ein Phänomen der Ära der Globalisierung, dass selbst alte Hasen des Kunstbetriebs nicht erwartet hatten. Noch in den 1980er Jahren wehrte sich das renommierte Auktionshaus Christies’s, schrille Pop-Art in ihrem Hause zu lagern, die anschließend versteigert wurde. So beschreibt es einer der Interviewpartner von US-Regisseur Nathaniel Kahn in dessen kurzweiligem Dokumentarfilm The Price of Everything, der auf dem Berliner Filmfestival DOKUARTS (vom 4. bis 21. Oktober 2018) mit Filmen über Künste und Künstler als Deutschlandpremiere zu sehen war. Erst seit den 1990er Jahren schnellten die Preise für zeitgenössische Kunst parallel zu der Zahl der Sammler in die Höhe, die – nun auch vermehrt aus asiatischen und südamerikanischen Ländern stammend – in Pop-Art wie in Immobilien investierten.

Nathaniel Kahn begleitet in The Price of Everything über Monate hinweg eine Hand voll Protagonisten aus dem Kunst-Business und wirft dabei einen erhellenden Blick hinter die Kulissen einer wichtigen Auktion mit Pop-Art in New York. Die Pole oder besser gesagt: Gräben, die sich zwischen denen auftun, die die Kommerzialisierung der Kunst mit Argwohn oder Ablehnung betrachten und jener, die sie mittragen, lässt sich mit den Namen der beiden Künstler Poons und Koons trefflich umschreiben: Hier Larry Poons, der 1937 geborene Vertreter der ersten Generation der abstrakten Malerei in den USA, der sich vor dem Hype um die Pop-Art und vor der eigenen Routine aufs Land zurückgezogen hat und von Galleristen und Kunsthändlern nur mühsam überredet werden kann, nach Jahrzehnten der Abgeschiedenheit wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu treten und in New York auszustellen. Auf der anderen Seite Jeff Koons, der 1955 geborene, geniale Selbstvermarkter, der die feine Linie, die die Pop-Art vom Kitsch und der bloßen Effekthascherei scheidet, hemmungslos überschreitet, um sich ins Gespräch zu bringen.

Natürlich ist auch der nach Koons am höchsten gehandelte, lebende Künstler der Welt, der 1932 geborene deutsche Maler Gerhard Richter, mit Werken bei der Auktion vertreten Entsprechend den Erwartungen der Organisatoren erzielen die abstrakten Gemälde deutlich über 30 Millionen US-Dollar. Da nimmt es sich natürlich kurios aus, dass Richter zwar nicht bei der Auktion, aber immerhin kurz im Film auftaucht und vor der Kamera sinngemäß sagt, dass Geld stinke. Eine der Kuratorinnen der Auktion, eine dynamische, selbstbewusste Dame, die man sich auch gut auf dem New Yorker Börsenparkett vorstellen kann, nennt Richter im Film einen Vertreter der „old school“, die nur an dem Wesen der Kunst und nicht an dessen Marktwert interessiert sind. Ein Kollege von ihr, Leiter eines angesehenen New Yorker Museums, betont, dass kein Museum der Welt mehr bei diesen Dimensionen der Bietergefechte mithalten kann, wenn es signifikante moderne Kunst erwerben will.

Versöhnlich endet Kahns Film damit, dass ein jüdisches Ehepaar, die einst vor den Nazis ins amerikanische Exil gegangen und seit Jahrzehnten ebenso kenntnisreiche wie passionierte Sammler von Pop-Art sind, einen Teil ihrer Sammlung an ein Museum spendet. Es gibt sie also noch, die großzügigen und verantwortungsbewussten Sammler, die Kunst nicht nur aus bloßer Prahlsucht kaufen und horten wie einige imponier-süchtige Neureiche, die in dem sehr unterhaltsamen Film ebenfalls zu sehen ist.

*

Das u.a. von der Kulturstiftung des Bundes und der Akademie der Künste unterstützte DOKUARTS-Filmfest zählt mit zwölf Ausgaben zu den jüngsten Filmreihen, die mittlerweile in schier unermesslicher Zahl hintereinander in einem Jahr in der deutschen Hauptstadt stattfinden. Dokumentar- und Spielfilme über Künste und Künstler – das ist schon ein eigenes Genre geworden, das einem kulturaffinen Publikum interessante Einblicke verspricht: hinter die Fassade der Kunstherstellung und -Ausstellung oder einer Künstlerbiografie. Ich freue mich als Cineast natürlich immer besonders auf die Beiträge zur Filmgeschichte oder über berühmte Regisseure.

In diesem Jahr gab es – wieder einmal – einen Film über Stanley Kubrick zu sehen, genauer gesagt: über seinen jahrzehntelangen Mitarbeiter, Assistenten und, man muss es so sagen: Sklaven, den Ex-Schauspieler Leon Vitali. Filmworker von US-Regisseur Tony Zierra würdigt die ungeheure Leistung Vitalis ausführlich und stellvertretend für die vielen, unbekannten guten Geister, die außerhalb des Rampenlichts dabei helfen, dass die Visionen eines Regisseurs oder Produzenten das Licht der Leinwand erblicken. Wer das Business kennt, weiß, dass geregelte Arbeitszeiten beim Film oft nicht funktionieren. Und wie Filmworker zeigt, ist sogar bei hoch budgetierten Projekten mit großer Selbstausbeutung zu rechnen, wenn es sich um einen besessenen Filmregisseur wie Stanley Kubrick handelt.

Leon Vitali entschloss sich 1968 nach dem Besuch des Science-Fiction-Meisterwerks 2001 – Odyssee im Weltraum, für Kubrick arbeiten zu wollen, was ihm als Schauspieler einer wichtigen Rolle im Kostümdrama Barry Lyndon 1975 auch vortrefflich gelang. Aber anschließend gab Vitali die Schauspielerei auf und wurde Kubricks wichtigster Assistent, organisierte die Drehs und Kubricks Arbeitsabläufe, schrieb alle, aber auch wirklich alle Infos in hunderte Notizbücher, kümmerte sich um den Kinderdarsteller in The Shining und schließlich auch um die Endfassungen von Kubricks Filmen und deren weltweite Bewerbung auf Video und DVD. Regisseur Zierra zeigt einen vom jahrzehntelangen Dauerstress sichtlich gezeichneten Vitali, der seinen hohen Einsatz für Kubricks Sache trotzdem nicht bereut. Vitali war es schließlich zu verdanken, dass Kubricks letztes Werk Eyes Wide Shut noch zur Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig 1999 vollendet werden konnte. Anschließend sorgte er als Hauptverantwortlicher für die werkegetreue, digitale Aufbereitung aller Kubrick-Filme.

Nicht überraschend, aber dennoch erhellend, dass der auf jedes Detail versessene Kubrick keine Hemmungen hatte, von jemandem wie Vitali das Äußerste zu verlangen. Der immens hohe Anteil an Interviewtexten wirkt in Zierras Film mit zunehmender Filmdauer leider erschlagend – vor allem, wenn man bedenkt, dass Kubrick eher Bilderfolgen geboten hat. Ähnliches gilt auch für den Dokumentarfilm über den Regisseur Hal Ashby (1929-1988), dem wir Kultfilme wie Harold & Maude (1971), Shampoo (1975), und Willkommen Mr. Chance (1979) verdanken. Das posthume Porträt HAL von Regisseurin Amy E. Scott (Deutschlandpremiere) ist noch atemloser geschnitten und mit biografischen Infos vollgestopft als Filmworker. Scott erinnert voller Anerkennung an Ashbys kometenhafte Karriere vom Oscar-gekrönten Schnittmeister (für den Krimi In der Hitze der Nacht, 1967) zu einem der renommiertesten Independent-Filmschaffenden Hollywoods, aber auch an dessen Abstieg in den achtziger Jahren, als Fantasy-, Action- und Horror-Blockbuster die klassischen Dramen mit politischer Grundierung à la Ashby an den Rand drängten.

Ashbys Versuche, einen Kompromiss zwischen Mainstream und Anspruch (wieder) zu finden, scheiterten und wurde durch seinen frühen Krebstod besiegelt. Scotts Film verweist auf viele Parallelen in Ashbys Leben, einem überzeugten Hippie, Workaholic und Womanizer, der als Ehemann und Familienvater versagte. Pointierter geht die Regisseurin Alejandra Rojo in ihrem Dokumentarfilm Raoul Rúiz, contre l'ignorance fiction! über den chilenischen Autorenfilmer Raul Rúiz (1941-2011) mit Interviews um. Hier stört eher die Kürze des Films von knapp 60 Minuten, die für einen gleichfalls besessenen Filmschaffenden, der aber fast 500 Filme gedreht hat, definitiv zu kurz ist. Rúiz zählt trotz dieses imposanten Erbes außerhalb des spanischen Sprachraumes zu den unerschlossenen Meistern der Filmgeschichte – auch bei mir, muss ich gestehen, denn nur eine Handvoll seiner Filme hatte reguläre deutsche Kinostarts, darunter Genealogien eines Verbrechens. Die mit Catherine Deneuve und Michel Piccoli starbesetzte Literaturverfilmung lief im Wettbewerb der Berlinale 1997.

Rojos Film kann die Biografie von Rúiz, die sein Werk ungleich stärker prägte als im Falle Kubrick und Ashby, weil der Chilene meist unabhängig und mit kleinen Budgets operiert hat, nur skizzenhaft vermitteln. Dafür wecken die prägnanten Ausschnitte große Lust, seine Filme anzuschauen, die auf eine klassische Dramaturgie zugunsten eines sprunghaft-assoziativen, symbolisch-mystischen und bisweilen surrealen Gestaltung gepfiffen haben.

Auf die nächste Ausgabe der DOKUARTS freue ich mich jetzt schon!
Max-Peter Heyne - 1. November 2018
ID 11003
Weitere Infos siehe auch: http://www.doku-arts.com/de


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