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Europäisches Judentum im Film

Drei neue Filme über Juden in christlichem Umfeld




Lauf Junge lauf (D/PL/F 2013) - Regie: Pepe Danquart
Filmstart: 17. April 2014

Basierend auf der wahren Lebensgeschichte des Yoram Fridman, erzählt Regisseur Pepe Danquart die erschütternden Erlebnisse des achtjährigen jüdischen Jungen Srulik, dem im Sommer 1942 die Flucht aus dem Warschauer Ghetto gelingt. Zunächst völlig auf sich allein gestellt, versteckt er sich im Wald und ist auf ständiger Flucht vor deutschen Soldaten. Er schafft es aber zu überleben, was ihm nur mit Hilfe von einigen katholischen Polen gelingt und dem Umstand, dass er eine katholische Identität annimmt. Er lernt christliche Grußformeln, Gebete und Messen kennen und geht sogar zur Kommunion, weil seine Überlebenschancen als katholisches Waisenkind größer sind, als wenn seine jüdische Herkunft herauskäme. Auch seinen jüdischen Namen legt er ab und nimmt den polnischen Namen Jurek an. Das alles ist ein großer Gewissenskonflikt für den kleinen Jungen, denn das letzte, was sein Vater ihm mit auf den Weg gab, war das Versprechen, alles vergessen zu dürfen, nur seine jüdische Herkunft nicht. Nach außen hin gelingt dem Kleinen die katholische Assimilation, er findet Gelegenheitsarbeit bei Bauern und schlägt sich durch. Als eines Tages seine Hand in eine Dreschmaschine gerät, kommt er ins Krankenhaus, wo er aber nicht operiert wird, weil er für einen Juden gehalten wird. Erst am nächsten Tag kommt der Chefarzt dazu. Da hat er alle Hände voll zu tun, das Leben des Kindes zu retten, der Unterarm aber muss amputiert werden. Es dauert eine Weile, bis Jurek sich davon erholt. Gegen Kriegsende kommt er zu einer polnischen Familie, die ihn wie einen Sohn behandelt. Er würde sehr gerne bleiben, wenn nicht nach dem Krieg ein Vertreter eines jüdischen Waisenhauses ihn zu seinen Glaubensgenossen zurückholen wollte. Jurek ist schon so sehr von seiner katholischen Identität durchdrungen und fühlt sich von seiner polnischen Familie so geliebt, dass er nicht mitkommen will. Er folgt aber nicht seinem kindlichen Herzen und bleibt, sondern entscheidet sich für das Waisenhaus, wo er eine gute schulische Ausbildung erhält und von wo aus auch die Suche nach Überlebenden aus seiner leiblichen Familie betrieben wird. Die Frage, ob er glücklicher geworden wäre, wenn er sich anders entschieden hätte, ist nicht zu beantworten.

Gespielt wird die Rolle des Jurek von den polnischen Zwillingsbrüdern Andrzej & Kamil Tkacz. Yoram Fridman, auf dessen Geschichte der Film basiert, lebt mit seiner Frau und seinen Nachfahren in Israel.



Jurek (Andrzej Tkacz) am Scheideweg. Der Mann vom jüdischen Waisenhaus (Itay Tiran) will ihn zurück zu seinesgleichen bringen - Foto © NFP


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*


Der letzte Mentsch (D/SUI/F 2014) - Regie: Pierre-Henry Salfati
Filmstart: 1. Mai 2014

Marcus Schwartz alias Menahem Teitelbaum (Mario Adorf) lebt seit dem Kriegsende im - vorwiegend christlich geprägten - Deutschland und zwar so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei ist er der einzige Überlebende des Holocausts in seiner Familie. Da er weder sich noch sein Umfeld damit belasten will, hat er seine jüdische Herkunft erfolgreich verdrängt. Mittlerweile ist er alt geworden und hat den Wunsch, wenigstens als Jude bestattet zu werden, wenn er schon nicht so gelebt hat. Dazu muss er aber beweisen, dass er Jude ist, doch er hat alle Unterlagen vernichtet und keine überlebende Familie mehr, die das bezeugen könnte. Die eintätowierte Häftlingsnummer aus dem KZ Theresienstadt ist als Beweis nicht zulässig, und da er schon zu altersschwach ist, um alleine zu fahren, bietet er 500 Euro an, wenn ihn jemand in seine Heimat Ungarn fährt. Die junge Türkin Gül (Katharina Derr) geht auf den Deal ein, und so macht sich das ungleiche Paar auf die Reise in Marcus' Vergangenheit. Doch auch in seiner Heimat gibt es keine Dokumente mehr. Das alte Archiv wurde im Krieg vernichtet, und auch in der örtlichen Synagoge suchen sie erfolglos. Dann trifft er zufällig auf Mikos, einen Bekannten aus der Jugendzeit, doch dessen Aussage nützt vor dem Rabbiner nichts, weil Mikos kein Jude ist. Nun ist Marcus auch kein Jude mehr, weil er es nicht beweisen kann und ihm dämmert, wie sehr er selbst den Nationalsozialisten in die Hände gespielt und mitgeholfen hat, seine eigentliche Identität auszulöschen. Das ruft nun auch Gül auf den Plan, die als Türkin in Deutschland aufwuchs und bislang ihre türkischen Wurzeln gerne geleugnet hat, im Laufe der Reise aber lernte, dass man sich selbst nicht entfliehen kann.



Haben viel voneinander gelernt. Marcus Schwartz (Maria Adorf) und Gül (Katharina Derr) - Foto © farbfilm verleih


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* *


Ida (PL 2013) - Regie: Pawel Pawlikowski
seit 10. April 2014 in den Kinos

Anna hat etwas Unberührtes, wie auch ihre Darstellerin Agata Trzebuchowska, die für die Rolle auserkoren wurde, ohne jemals Schauspielerin werden zu wollen. Ein unverbrauchtes, neues Gesicht für einen Film, der in Schwarz-Weiß und im altmodischen, fast quadratischen Format 1:1,37 gedreht wurde. Ida spielt im Jahr 1962, das auch in der Blütezeit des polnischen Kunstkinos liegt, das von Regisseuren, wie Andrzej Wajda und Jerzy Kawalerowicz geprägt und zu internationalem Ruhm geführt wurde. Eine wundervolle Hommage, aber auch ein sehr hoher cineastischer Anspruch, der allerdings durchgehend erfüllt wird und ein künstlerischer Hochgenuss ist.

Anna (Agata Trzebuchowska) wuchs im Waisenhaus auf und geht so innig im katholischen Glauben auf, dass sie Nonne werden will. Bevor sie aber ihr endgültiges Gelübde ablegen darf, schickt die Äbtissin die wenig begeisterte Anna zu ihrer einzigen Verwandten, ihrer Tante Wanda (Agata Kulesza). Die „rote Wanda“ war zu stalinistischer Zeit eine parteitreue Richterin. Heute geht sie viel aus, hat wechselnde Männerbekanntschaften und säuft. Von Annas Besuch ist sie wenig begeistert, aber dann kommen sich die beiden Frauen doch näher. Wanda ist erstaunt, dass ihre Nichte Nonne werden will, denn sie ist Jüdin, heißt Ida und hat den Holocaust überlebt. Gemeinsam versuchen sie ihr Familientrauma zu entschlüsseln und machen sich auf die Suche nach den Menschen, die für die Ermordung ihrer Familie verantwortlich sind. Das entpuppt sich als noch erschreckender als befürchtet. - Anna/Ida lernt Nachtclubs kennen, Tante Wandas „normales“ Leben, zu dem Rauchen, Trinken und Liebschaften gehören. Wanda leidet besonders, je mehr sie über die Ermordung ihrer Familie erfährt. Aus ihr ist nach dem Krieg eine leidenschaftliche Antifaschistin geworden, die unter Stalin als Richterin auch Todesurteile fällte... Auch die junge Ida ist im Zwiespalt, als sie sich in einen jungen Musiker verliebt, der mit ihr zusammen leben will. Durch den Einfluss ihrer Tante hat Anna/Ida das weltliche Leben und die geschlechtliche Liebe kennen gelernt, aber auch die Gräuel des Holocausts. Sie weiß nun aus Erfahrung, was sie als Nonne alles zurücklassen müsste und steht vor der Entscheidung, ob sie ihr Gelübde überhaupt noch ablegen kann. Kann sie den Weg der Vergebung und Entsagung von der Welt überhaupt noch gehen? - Oder gerade jetzt?



Die Gegensätze könnten nicht größer sein. Die Novizin Anna (Agata Trzebuchowska) und ihre Tante Wanda (Agata Kulesza) - Foto © Arsenal Filmverleih


Bewertung:    


[Anm. d. Red.: Unsere Autorin Helga Fitzner konzentriert sich in ihrer Reihe EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM auf mögliche Lösungsansätze, wie Opfer und Täter mit den Traumata des Holocausts umgehen und im Idealfall befreiter leben können. Dies sind natürlich nur Teilaspekte. Über Ida hatte unsere Gastautorin Lea Wieser bereits eine umfassende Besprechung verfasst.]



Helga Fitzner - 13. April 2014
ID 7750
Siehe auch: EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM


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