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Essay

Das Mädchen mit den gekrümmten

Schultern


Alice Rohrwachers neuer Film LAND DER WUNDER entlarvt das vermeintliche Toskana-Idyll einer Aussteigerfamilie als Kulisse für die Gewaltherrschaft eines Familienvaters

Fast wird einem schwindelig von so viel Freiheit – unberührte Felder, soweit das Auge reicht, von Autos, Häusern, Zivilisation keine Spur, wehende, zottelige, hüftlange Kinderhaare, und ein Tagesablauf, der nichts als dem Rhythmus der Natur gehorcht.

Dem deutsch-italienischen Paar Wolfgang und Angelica scheint es gelungen zu sein, für sich und seine vier Töchter eine perfekt abgeschottete Parallelwelt zu entwerfen, ganz nach dem Vorbild der Alt-68-er. Das erbarmungslos ehrliche, an vielen Stellen schockierende Porträt dieser Aussteigerfamilie hat auch die Juroren des diesjährigen Filmfestivals in Cannes überzeugt. Alice Rohrwasser, Regisseurin und Drehbuchautorin und selbst Spross einer deutsch-italienischen Familie, erhielt für Land der Wunder neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen den vielbeachteten „Preis der Jury“ überreicht. Verdient hat sie ihn zweifelsohne.



Szene aus Land der Wunder - Foto (C) Delphi


Der Zuschauer freut sich zu früh (obwohl die wackelnde Handkamera und die fehlende Musik schon andeuten, dass Rohrwacher ihr Publikum keineswegs mit netten Landschaftsaufnahmen und sympathisch-unterhaltsamen Szenen einer Groβfamilie inklusive Lämmlein auf der Wiese langweilen wird). Könnte man zunächst aber meinen: Eine ins sanfte Morgenlicht getauchte mittelitalienische Hügellandschaft (der Film spielt genau genommen in Umbrien an der Grenze zur Toskana) bildet den Auftakt. Das Kameraauge ruht auf Familienvater Wolfgang, der die Nacht in einem uralten schmiedeeisernen Bett verbracht, das er mitten auf einem Acker aufgestellt hat. Wir hören Wolfgang schimpfen und schreien, sein unwirscher Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel an seinem Zorn – er hat Schüsse gehört und verflucht nun (auf Deutsch!) die Jäger.

Wolfgang, der in seinem früheren Leben seine 68-er Ideale auch mit vehementen Mitteln zu verteidigen bereit gewesen war, hat beschlossen, dem Kapitalismus und allen mit ihm verbundenen Übeln den Rücken zu kehren und mit seiner Frau Angelica ein Taka Tuker-Land zu errichten, in dem das Paar mit seinen vier naturschönen Töchtern und Wolfgangs Exfreundin Coco‘ ein Leben als Bienenzüchter führen kann. Es gelten dieselben Regeln wie in einer Kommune - alle Entscheidungen werden demokratisch getroffen, alle Mitglieder tragen zur Sicherung des Lebensunterhaltes bei, und alles wird mit allen geteilt. Auch schlafen gelegentlich alle (Exfreundin Coco‘ mit inbegriffen) in einem Bett.

Die älteste Tochter Gelsomina (“Gelso“), Papas („Babbos“) Liebling und Familienoberhaupt, ist diejenige, die Risse ins Idyll bringt und unter der Oberfläche der ach so netten Aussteigerfamilie verheerende Missstände ans Licht befördert. Gelso ist 14 und läuft herum wie neun – mit ihren Karottenjeans und unförmigen T-Shirts wirkt sie auf fast rührende Weise ihrer Zeit entrückt. Sie trägt kein Makeup (das verbietet der Babbo) und ist scheu im Umgang mit Gleichaltrigen, denen sie sich meilenweit unterlegen fühlt. Einen Fernseher gibt es auf dem Hof nicht, und das Radio wird klammheimlich angestellt, wenn der Babbo nicht da ist. Einmal begleitet die Kamera sie und Luna (die zweitälteste Tochter) in die Scheune, wo schnell klar wird, dass die Schwestern jetzt etwas Verbotenes tun werden. Man vermutet Zigaretten, vielleicht sogar ein Treffen mit Jungen aus der Nachbarschaft, doch weit gefehlt: Gelso singt einen Popsong, und Luna führt mit theatralischen Gesten eine selbst einstudierte Choreographie dazu vor. Der Zuschauer ist zugleich erleichtert, amüsiert und zugleich seltsam berührt ob der Harmlosigkeit dieses Regelverstoβes. Wie groβ die Angst der Kinder vor dem Zorn ihres Vaters sein muss, lässt sich bereits erahnen.

Doch es kommt noch ärger: Ernsthaft ins Wanken gerät Wolfgangs Parallelwelt durch die Ankunft eines Fernsehteams im Dorf. Ein Privatsender ist auf der Suche nach lokalen Produzenten, die noch die ursprünglichen Werte des ländlichen, vorindustriellen Italiens verkörpern (ironischerweise wird die Moderatorin der Fernsehshow von Monica Bellucci gespielt). Gelso ist wie besessen von Milly (so der Name von Belluccis Filmfigur), ihrer Schönheit und Weltläufigkeit. Die erste Begegnung zwischen Gelso, zwei ihrer Schwestern und Monica Bellucci alias Milly hat etwas Surreales: Milly und ihr Fernsehteam drehen gerade die Ankündigung der nächsten Episode (für die das Casting im Dorf läuft). Bellucci blinzelt in einem hautengen Hauch von einem Kleid verheiβungsvoll in die Kamera – Wolfgang und seine Töchter waren gerade im nahe gelegenen See baden und sind nun beim Anblick Belluccis, des 20 Mann starken Kamerateams und allem, was mit dieser Glitzerwelt verbunden ist, wie von Sinnen, jeder auf seine Weise. Wolfgang sieht sich in seinem natürlichen Rückzugsraum bedroht: dies ist schlieβlich die Welt, der er den Rücken gekehrt hat. Er fürchtet um die Unschuld seiner Kinder, deren Gehirne er nicht „dem Non-Sense“ der Popkultur ausgesetzt sehen möchte. Die Mädchen sind jedoch wie verzaubert, was Milly zelebriert, indem sie eine (falsche) Blüte aus ihrem Haar nimmt und sie feierlich Gelso überreicht, deren Neugier „auf das echte Leben da drauβen“ daraufhin nicht mehr zu stillen sein wird.

Doch Gelso ist nicht dumm. Im Gegensatz zu ihrem Vater, einem hoffnungslosen Träumer (er entschädigt die Kinder für die harte Arbeit der letzten Monate mit einem Kamel, das er einem Zirkus abgekauft hat, und das nun verloren auf dem Hof herumsteht), besticht Gelso durch ihren wachen Verstand, ihren Realitätssinn und ihre Standhaftigkeit. Sie rechnet und schuftet und grübelt – und passt dabei noch auf ihre drei kleinen Geschwister auf.



Monica Bellucci in Land der Wunder - Foto (C) Delphi


Laissez-faire Mutter Angelica gibt eine schwache Figur ab und bleibt fast die ganze Zeit im Hintergrund. Als sie zum dritten Mal droht, ihren Mann zu verlassen, um daraufhin – nichts – zu tun, verliert sie auch beim Zuschauer jegliche Glaubwürdigkeit. Gelso weiβ, wie schlecht es um das Familienunternehmen bestellt ist. Die EU hat eine Richtlinie für die Honigherstellung erlassen, die den Produzenten strenge Regeln auferlegt, die wiederum mit kostspieligen Investitionen verbunden sind. Da kommt der Aufruf des Fernsehteams wie gerufen: Dem Gewinner wird eine sechsstellige Summe in Aussicht gestellt. Der drohende Ruin der Familie und die Notwendigkeit, sich mit der eigentlichen Welt da drauβen auseinandersetzen und über eine Teilnahme an der Show (in Wolfgangs Augen reine Prostitution) entscheiden zu müssen, stellt eine Art Wendepunkt dar. Sie lässt Wolfgangs wahre Natur zum Vorschein kommen: der vermeintliche Pazifist, der jegliche Form von Autorität ablehnt, entpuppt sich als Choleriker und Despot.

Die dramatischste Szene – wie er seine Tochter, die ihn nochmal um eine Teilnahme bei der Show bittet – dermaβen schwer verprügelt, dass die tagelang ein blaues Auge hat – wird elliptisch ausgespart. Mutter Angelica wagt kurz einen vorsichtigen Blick hinter Gelsos auffällig groβe schwarze Sonnenbrille. Doch ist la Mamma mehr als dankbar, als das Geschrei der kleineren Geschwister sie davon abhält, weitere Nachforschungen anstellen zu müssen. Die Kinder sind der Willkür und Gewaltherrschaft ihres Vaters auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Die Abgeschiedenheit des Hofes, der mangelnde Austausch mit der Auβenwelt und das Fehlen einer korrektiven Instanz wie einer Schule lassen den ursprünglich gut gemeinten Aussteigertraum der Eltern zum Gefängnis ihrer Kinder werden (Vergleiche mit der Odenwaldschule tun sich auf). So vergreift sich dann auch Coco‘ an Pflegekind Martin (ebenfalls 14 Jahre alt), das die Familie aus finanziellen Gründen kurzfristig aufgenommen hat. Coco‘ fühlt sich ungeliebt und unattraktiv und hat sich ganz wie Wolfgang für einen Rückzug von der „Welt des Bösen“ entschieden. Durch die TV-Show, bei der sich die Familie schlieβlich doch beteiligt (was auch auf Wolfgangs Reue nach der an seiner Tochter verübten Handgreiflichkeit zurückzuführen ist), wird auch sie mit ihren unterdrückten Ängsten konfrontiert: Ihr Gefühl, unattraktiv, unzulänglich und daher nicht liebenswert zu sein, tritt zum Vorschein. Daraufhin sucht sie sich ein noch schwächeres Opfer – erst will sie Gelso und Martin zwingen, sich zu küssen, und als dies scheitert, nähert sie sich selbst Martin an. Dieser nimmt daraufhin Reiβaus, verschwindet tagelang in den Wäldern und weigert sich, noch einmal zu seiner Pflegefamilie zurückzukehren. Wir dürfen annehmen, dass Martin selbst ein Opfer schweren psychischen und physischen Missbrauchs war, bevor er straffällig wurde und daraufhin (als Wiedereingliederungsmaβnahme) auf Wolfgangs Hof gebracht wurde. Als Lehrerin wäre Coco‘ ihres Diensts suspendiert worden, auf dem Hof hat ihr Verhalten jedoch keinerlei Konsequenzen.

Die Show selbst wird ein Desaster. Wolfgang, ein in seinem gewohnten Umfeld wortgewaltiger, physisch imposanter und angsteinflöβender Mann, bekommt vor Schüchternheit kaum einen Ton heraus. Er kann sich und sein Unternehmen nicht medienwirksam verkaufen. Die Moderatorin lässt ihn links liegen. Es gewinnt stattdessen ein traller, leutseliger Schweinezüchter. Gelso ist den Tränen nahe, und dann ist Martin auch noch weg (der Übergriff hat parallel zur Show stattgefunden). Für sie brechen gleich mehrere Welten zusammen. Gelso bleibt jedoch ihrer Überzeugung treu – ein Zurück gibt es für sie nicht mehr. Sie beschlieβt kurzerhand, sich auf die Suche nach Martin zu begeben und die Nacht mit ihm im Wald zu verbringen. Die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden scheint über Freundschaft hinauszugehen – dezent und mit den Schatten, die das Lagerfeuer an die Decke einer Höhle wirft, deutet Rohrwacher den Beginn einer jungen Liebe an. Als Gelso am nächsten Morgen auf den väterlichen Hof zurückkehrt, ist sie wie verwandelt. Erst nach längerem Zögern kehrt sie in das noch immer auf dem Acker stehende Familienbett zurück - doch eigentlich hat sie sich längst losgesagt von den Zwängen ihrer Groβfamilie und der Gewaltherrschaft ihres Vaters. Wenngleich sie gleich zweier Illusionen beraubt wurde (das Land der Wunder ist weder das familiäre Umfeld noch die von Monica Bellucci verkörperte Welt „da drauβen“), zeigt die Schlussszene ein junges Mädchen, das zuversichtlich in eine selbstbestimmte Zukunft blickt. Der Abspann bildet mit dem Charthit „T’appartengo“ der Popikone Ambra eine wunderbar bissige Parodie auf den vergeblichen Versuch Wolfgangs, seine Töchter von der Realität fernhalten zu können.



Alice Rohrwacher - Foto (C) Delphi


Lea Wagner - 20. Oktober 2014
ID 8180

Post an Lea Wagner



 

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