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Dokumentarfilm

Armee im

Schatten



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Wer weiß, wie intensiv professionelle Dokumentarfilmer für ihre Filme recherchieren und wie viel Zeit das Sammeln und Zusammenfügen von filmfähigem Material in Anspruch nimmt, der kann über Alex Gibney nur staunen. Wie macht der Amerikaner das bloß, oft mehr als eine abendfüllende Doku pro Jahr zu produzieren und zu präsentieren? Vor allem, wenn man bedenkt, dass Gibney sich den heikelsten und geheimsten politischen Themen widmet, die er investigativ durchleuchtet. Wahrscheinlich kann er seit seinem „Oscar“-Gewinn für Taxi zur Hölle 2008 (die Geschichte des zu von US-Soldaten zu Tode gefolterten afghanischen Taxifahrer Dilawar) einen Stab an Mitarbeitern leisten. Nachdem noch We steal secrets zum Skandal über den Wikipleaks-Plattformgründer Julian Assange 2013 einen regulären Kinostart hatte, sind Gibney weitere Filme, z.B. über Steve Jobs (The Man in the Machine, 2015) und die Scientology-Sekte (Scientology: Ein Glaubensgefängnis) gleich ins deutsche Free-TV und parallel auf DVD erschienen – letzterer erst Mitte Mai.

Auch Zero Days startet bundesweit nur mit einigen wenigen Kinokopien sowie parallel auf DVD und wird nach seiner fulminanten BERLINALE-Wettbewerbspremiere somit unter Wert verkauft. Das zeigt, wie schwer es selbst außergewöhnliche Dokumentarfilme zurzeit haben, im Kino ihr Publikum abzuschöpfen – das Angebot ist schlicht zu groß. Gibneys Film über den Computervirus Stuxnet, der den globalen Cyberkrieg mitentfacht hat, ist eine denkwürdige und ideale Ergänzung zum deutschen Dokumentarfilm Krieg und Spiele über bewaffnete Drohnen. Denn gegnerische Staaten oder Konzerne noch eleganter unter Beschuss zu nehmen als mit Drohnen, ist die Bekämpfung via Software-Viren, Malware und Hackern.

Was Gibneys Film materialreich, flott und visuell attraktiv erzählt: Der grenzüberschreitend so folgenreiche Stuxnet-Virus wurde nicht etwa von spielwütigen oder kriminellen Hackern ausbaldowert, sondern war ein mit viel personellem und organisatorischem Aufwand entwickelte Virus, den eine hochprofessionelle Gruppe von Software-Entwicklern mit finanzieller Rückendeckung ihrer Regierungen und eines Teils der Geheimdienste in die Welt gesetzt.

Nach einer ausführlichen Vorgeschichte über die weltweit registrierten Software-Störungen, die auf die Existenz des Stuxnet-Virus zurückzuführen sind, schildert Alex Gibney die schier unglaubliche Geschichte einer Verschwörung der israelischen und amerikanischen Regierungen gegen das iranische Mullah-Regime vor rund zehn Jahren. Damals investierte die persische Theokratie viel Geld in den Aufbau einer vermeintlich friedlichen, für zivile Zwecke gedachte Atomaufbereitungsanlage bei Natanz. Für Israels Regierung unter Premier Benjamin Netanjahu, die diese Pläne um jeden Preis vereiteln wollten, war ein konventionell-militärischer Angriff auf Natanz (wie zu Saddam Husseins Zeiten gegen dessen irakische Atomanlage) eine gemachte Sache. So gerieten die USA unter Druck, die nach den desaströsen Kriegen in Afghanistan und Irak nicht noch mehr Gewalt im Nahen Osten wollten. Aber was tun, um Druck auf die widerspenstigen Mullahs auszuüben?

Zusammen mit israelischen Experten wurde also eine Malware entwickelt, die erstmals nicht einfach Computerprogramme lahmlegen, sondern eine ganz bestimmte physische Wirkung entfalten sollte: wichtige Teile der iranischen Anlage sollten so gezielt manipuliert werden, dass dadurch verursachte Schwingungen die gesamte Anlage zu zerbersten drohten. So entwickelten die US-Geheimdienste zusammen mit begabten Hackern Stuxnet, der zur Verblüffung derjenigen, die ihn finanziert hatten (darunter Ex-Präsident George W. Bush jr.) tatsächlich die erwünschte Wirkung entfaltete und die iranischen Atomexperten ratlos kalt erwischte.

Der auf ein sehr enges Softwaregebiet zugeschnittene Stuxnet sollte eigentlich nie entdeckt werden – was vermutlich sogar geklappt hätte, wäre die damalige israelische Regierung nicht wieder einmal voreilig gewesen: Der israelische Geheimdienst wollte den Virus quasi als Allzweckwaffe nutzen und machte den Code dadurch für IT-Experten nachvollziehbar. Bald schon konnten auch andere staatliche Hacker – vor allem in bevölkerungsreichen und entwickelten Staaten wie Russland und China – auf die Viren also zugreifen und sie für den Cyberwar benutzen. Der Zauberlehrling lässt grüßen, mit der Folge, dass die großen Nationen demnächst Regeln für den virtuellen Krieg festlegen werden müssen.

Weitere Ironie: Die US-Hacker nutzen Propagandaberichte im staatlichen iranischen Fernsehen (also einem Massenmedium aus der vor-digitalen Zeit), um sich über die Konstruktion der Atomanlage in Kenntnis zu setzen. All diese Erkenntnisse, die Gibneys Film bisweilen etwas gehetzt und komprimiert über den Zuschauer ausschüttet, sind nie offiziell zugegeben worden. Und auch im Film eiern etliche Gesprächspartner Gibneys wie der ehemalige CIA-Direktor um klare Aussagen herum, bestreiten aber auch nicht vehement das ohnehin Offensichtliche. Das sind dann kleine Höhepunkte innerhalb einer straffen und flott geschnitten (Schnitt: Andy Grieve) Dokumentation, die dem Zuschauer die Konzentration durch kleine und größere Spannungsbögen erleichtert.



Zero Days | (C) dcm, Berlin

Max-Peter Heyne - 1. Septemnber 2016
ID 9512
Wer keine Gelegenheit hat, Alex Gibneys spektakulären Film Zero Days in einem Kino in der Nähe zu sehen, kann ihn auch ab 6. September im DVD-Handel erwerben.

Weitere Infos siehe auch: http://www.zerodays.de


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