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Unsere Neue Geschichte (Teil 17)

Wachstums-

“Störungen“



Bewertung:    



„Der Kapitalismus wird an sein Ende kommen. Das ist keine Frage der Wahl, das ist so“, meint die Wirtschaftsjournalistin und Publizistin Ulrike Herrmann. Die auf unbegrenztes Wachstum angewiesene Wirtschaftsform beutet den begrenzten Planeten Erde derart aus, dass er in absehbarer Zeit vernichtet würde: „Es ist völlig klar, dass wir aus dem Kapitalismus raus müssen, das System kann nicht überleben“, so Herrmann (zumindest nicht, wenn WIR überleben wollen). Aber wie würde "Unsere Neue Geschichte" ohne Raubtierkapitalismus aussehen: Im Augenblick gäbe es keine Brücke zwischen dem Kapitalismus und einer Postwachstumsökonomie, meint Hermann. Der Begriff „Postwachstumsökonomie“ wurde von dem Umweltökonomen Niko Paech kreiert, der im Interview darauf hinweist, dass es nicht ausreicht, nur auf Wachstum zu verzichten, sondern dass auch die bestehenden Industrieökonomien zurückgebaut werden müssen. Für ihn ist das eine „Befreiung vom Überfluss“.

*

In der Dokumentation Zeit für Utopien – Wir machen es anders stellt der österreichische Filmemacher Kurt Langbein Projekte vor, die bereits erfolgreich laufen und gar nicht so utopisch sind, wie der Titel es andeutet. Sie sind Vorläufer einer sich immer weiter ausbreitenden Ökonomie, die weniger auf einer reinen Wirtschaftsordnung als auf einem gemeinschaftlichen und nachhaltigen Gesellschaftsmodell basiert. Langbein führt mehrere, anschauliche Beispiele an.

Die Soziologin und Slow-Food-Aktivistin Petra Wähning hat in Bayern eine „Genussgemeinschaft“ gegründet, als die Käserei der Familie Haase kurz vor dem Bankrott stand. Mit anfangs 100 Leuten gründete sie eine Solidarische Landwirtschaft, bei der jeder 500 Euro einbringt und damit Teilhabe an den Produkten der Käserei erwirbt. So bleibt das Geld in der Region, die Haases haben Planungssicherheit, die Konsumenten Lebensmittel, die nach ökologischen, tierfreundlichen und ressourcenschonenden Methoden sowie fairen Preisen – auch für die Erzeuger - hergestellt sind. Wähning wollte durch ihr Konsumverhalten nicht länger Teil des Problems sein, sondern einen Beitrag zu seiner Lösung leisten.

In Südkorea herrschen die gleichen Probleme wie wohl fast überall. Doch das Projekt Hansalim ist der Beweis, dass kleine landwirtschaftliche Betriebe aus der Umgebung in der Lage sind, Produkte an eine große Anzahl von Menschen zu liefern. Durch Hansalim werden 540.000 Familien, das sind 1,5 Millionen Menschen, mit ökologischer Nahrung versorgt, seien es Obst, Gemüse, Getreide oder tierische Produkte. Die Erzeuger erhalten eine sichere Existenzgrundlage und die Käufer gesunde Lebensmittel. Hansalim basiert auf den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft und zeigt, dass das auch im Großen funktionieren kann.

Laura Gerritsen ist Mitbegründerin der NGO Fairphone, die faire Handys produziert. Das geht weit über den lokalen Ansatz der bisherigen Beispiele hinaus. In einem Smartphone stecken 54 Mineralien, und das Geschäft muss allein deshalb global verlaufen. Langbein begleitet sie zu den Minen nach Uganda und nach China, wo die Fertigung stattfindet. Fairphone ist immer noch Teil des bestehenden Wirtschaftssystems, begann aber mit 10.000 Interessenten, die für ihr faires Handy mit ihrem Geld in Vorlage gingen, obwohl es etwas teurer ist. Das ist erst ein Anfang, aber aufgrund des gewaltigen Smartphone-Marktes ein wichtiger Versuch, insbesondere als Gegengewicht zu den meist unmenschlichen Arbeitsbedingungen und der schlechten Entlohnung in den Minen wie auch der Umweltzerstörung.



Laura Gerritsen will Smartphones so nachhaltig und fair wie möglich produzieren lassen | © Langbein & Partner Media


Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer erklärt, dass der Kapitalismus aus neurobiologischer Sicht dem Menschen widerspricht, weil er ihn von sich und seiner Arbeit entfremdet. Der Mensch ist aber von Natur aus ein soziales Wesen, das auf Resonanz und auf Gemeinschaft ausgerichtet ist: „Kooperation war das evolutionäre Erfolgsticket des Menschen“, erklärt Bauer und ist es immer noch. Die Genossenschaften waren in ihrer Geschichte oft Notlösungen, heute macht das Modell von Teilhabe und Teilnahme immer mehr Schule; mit dem Wermutstropfen, dass die Teilnahme oft unserem Bequemlichkeitsstreben entgegen steht.

Die Firma Scop-Ti, Kooperative Teeproduktion Frankreich, ist der Beweis, dass Einsatz sich lohnt. Der Großkonzern Unilever wollte 2010 seine Teeproduktion Fralib in Marseille schließen. Die Angestellten streikten 1.336 Tage lang! Als Unilever endlich nachgab, wurde eine Kooperative gegründet, die heute noch von 76 Mitarbeitern geführt wird. Als Zuschauer muss man schon schmunzeln, wenn die Angestellten durch die Blume sagen, dass das viel besser ohne (unproduktive) Manager funktioniert, deren hohe Gehälter nun gespart werden und in die Firma fließen können. Auch wenn es mitunter mühsam ist, 76 gleichberechtigte MitarbeiterInnen unter einen Hut zu bekommen, sie haben es geschafft, ihren Arbeitsplatz zu erhalten und zu sichern.

Im Jahr 2006 wurde in Zürich der Wohn- und Gewerbebau Kalkbreite initiiert. Hier wohnen und arbeiten 230 Menschen nach dem Minergie-P-Eco-Standard. Der Wohnraum beträgt pro Kopf 35 Quadratmeter, ist aber trotzdem komfortabel, weil es viele Gemeinschaftsräume gibt und einen gemeinsamen Kühlraum für Lebensmittel. Das Gebäude ist gut isoliert, es gibt einen Null-Strom-Schalter und eine Wärmepumpe. Auf Autos wird bewusst verzichtet, die Straßenbahn hält aber direkt vor der Tür. So konnte er CO2-Ausstoß der Bewohner um 75 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt reduziert werden. Das ist eine beachtliche Leistung. Die Wohn- und Lebensqualität hat sich für die BewohnerInnen durch den Gemeinschaftsgedanken sogar erhöht.

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Der Filmemacher Kurt Langbein glaubt daran, dass ein Wandel möglich ist: „Ich bin überzeugt davon, wenn in einer anderen Form des Wirtschaftens der Fokus nicht auf der Vermehrung von Reichtum einzelner, sondern auf gleichmäßiger Verteilung von Wohlergehen und Gütern liegt. Eine solche Organisationsform in der Gesellschaft würde wirklich auch eine andere Welt bedeuten, in der nicht mehr Armut herrscht, in der nicht mehr Flucht die einzige Möglichkeit für Millionen von Menschen ist, um überhaupt eine Perspektive zu haben. Und in der unsere Kinder und Kindeskinder auch noch eine Chance auf ein lebenswertes Leben haben.“

Ähnlich wie die französische Dokumentation Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen konzentriert sich Langbein auf positive Beispiele. Seine Kapitalismuskritik ist dabei genauso unverblümt wie die Konzernkritik seines österreichischen Kollegen Werner Boote in Die grüne Lüge. Es tut einfach gut, wenn die Dinge mal konkret beim Namen genannt werden, denn das ist auch eine der Voraussetzungen für Veränderung.
Helga Fitzner - 18. April 2018
ID 10651
Weitere Infos siehe auch: http://www.zeit-fuer-utopien.com/


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