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Dokumentarfilm

Die turbulente

Entstehungszeit

der Kinogenres



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Von Caligari zu Hitler – Was weiß das Kino, was wir nicht wissen? ist ein Fest für Cineasten, eine Dokumentation von Rüdiger Suchsland über die fast vergessene, aber bedeutendste Epoche deutschen Filmschaffens.

Die Weimarer Republik (1918 – 1933) ist eine turbulente und chaotische Zeit, voller Unruhen, Gewalt, Kreativität, Freiheitsdrang und düsterer Vorahnungen. Die Schrecken des verheerenden Ersten Weltkrieges waren noch nicht überwunden, die Menschen suchten Antworten in unterschiedlichsten Ideologien, die kleinen Leute versuchten zu überleben als Arbeiter, Angestellte, Verbrecher; oder sie ergaben sich den Vergnügungen, dem Rausch und dem lockeren Lebenswandel. Durch die Industrialisierung war eine Massenkultur entstanden, der eigentlich nur ein Medium wirklich gerecht werden konnte: das Kino. Damals war das noch der Stummfilm, der Menschenmassen in seinen Bann zog. Die junge, aufgezwungene Demokratie funktionierte nur schlecht, es gab ständig wechselnde Regierungen, die nur wenig zustande brachten. Hinzu kam eine dramatische Wirtschaftskrise, die das Leben und Überleben immer schwieriger machte. Der Gegenpol war eine Epoche der kulturellen Errungenschaften, die gerade beim Kino zu einer grandiosen Glanzzeit führte. Berlin war die Geburtsstätte fast sämtlicher Genres, die das heutige Kino kennt, ein Tummelplatz für begnadete und couragierte FilmemacherIinnen, die den Film zu einem eigenständigen neuen Medium, zur „siebten Kunst“, erweckten.



Lebensgefühl in den Zwanziger Jahren: Menschen am Sonntag, 1929 von Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer und Billy Wilder | © Präsens Film Zürich


Und da gab es einen Zeitgenossen, der hellsichtig war wie kaum einer sonst, der Prototyp des Filmtheoretikers, dem bis heute viele nacheifern, ihn aber selten erreichen: der Soziologe und Geschichtsphilosoph Siegfried Kracauer (1889 – 1966). Der schrieb das Buch Von Caligari zu Hitler: Eine psychologische Geschichte des deutschen Films in den 1940er Jahren im amerikanischen Exil, das sich zum Klassiker der Filmsoziologie entwickelte. In Anlehnung an dieses Standardwerk, das im vordersten Regal eines jeden Filmwissenschaftlers und geneigten Kinoliebhabers zu finden ist, hat der Historiker, Philosoph und Politikwissenschaftler Rüdiger Suchsland die erste Kinodokumentation über das deutsche Kino der Zwanziger Jahre geschaffen. Ein Feuerwerk unterschiedlichster Ausschnitte aus bekannten und unbekannteren Filmen, die ein markanter Spiegel der Weimarer Zeit sind zwischen den rauschhaften Goldenen Zwanziger Jahren und einer „Führersehnsucht“, die schon vieles vorwegnimmt, was dann im Dritten Reich so gekommen ist: Ein „Tanz auf dem Vulkan“, wie es hieß. Das Cabinet des Dr. Caligari (Robert Wiene, 1920) ist ein expressionistischer Stummfilm, der stilistisch wegweisend war und u.a. der Frage nachging, ob ein Schlafwandler, „ein Somnambuler zu Handlungen gezwungen werden kann, die er im wachen Zustand niemals begehen, die er verabscheuen würde“. Auch die Mabuse-Filme von Fritz Lang zeigen einen genialen Verbrecher mit Allmachtsfantasien, der seine verbrecherischen Intentionen sogar auf jemand anders übertragen kann.



Dr. Mabuse (Rudolf Klein-Rogge) ist ein Verbrechergenie mit Visionen und 1000 Gesichtern, Szenenbild aus Dr. Mabuse, der Spieler 1922, Fritz Lang | © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung


Fritz Lang gehört zu den einflussreichsten und innovativsten Regisseuren dieser Zeit. Sein Schaffen steht deshalb auch im Mittelpunkt von Suchslands Dokumentation. Viele Leitmotive, Archetypen und Genres haben Lang und seine damalige Frau, die Drehbuchautorin Thea von Harbou, entwickelt, die zwar eine schwierige Ehe führten, aber sich gegenseitig in ihrer Arbeit inspirierten und ergänzten. In Von Caligari zu Hitler gibt es neben einigen seltenen Ausschnitten auch ein Wiedersehen mit vielen bekannten Szenen, aus dem Science-Fiction-Film Metropolis (1925/26), dem Monumentalfilm Die Nibelungen (1924) beide von Fritz Lang, dem Vampirfilm Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau, der Literaturverfilmung Fräulein Else (1929) mit Elisabeth Bergner von Paul Czinner und viele andere. Ein Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“ ist das Gemeinschaftswerk Menschen am Sonntag über das Lebensgefühl junger Leute in den Zwanziger Jahren, an dem sich Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer und Billy Wilder beteiligten. Die Regisseure Lubitsch, Pabst und Sternberg sind ebenfalls vertreten, und spätestens bei der Namensliste wird klar, dass diese nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in Hollywood wieder auftaucht, wo einige ihrer Vertreter, wie Billy Wilder, sehr erfolgreich wurden.

1929 wurde in den USA der erste Tonfilm veröffentlicht und setzte sich, entgegen anfänglicher Unkenrufe, durch. Fritz Lang gehört zu den Regisseuren, die die Umstellung mit Leichtigkeit schafften, und schon mit seinem ersten Tonfilm M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) setzt er den Ton adäquat ein und nutzt die erweiterten Möglichkeiten der Sprache in vollem Umfang aus, um eine ausgebuffte Kriminalgeschichte nicht nur zu zeigen, sondern auch sprachlich umzusetzen. Die Szene, in der Peter Lorre als Triebmörder seine Seelenqualen schildert, gehört zu den Sternstunden des frühen Tonfilms. Lang hat dabei aber nicht die Bildsprache vernachlässigt. In einer Szene hält der legendäre Gustaf Gründgens seine behandschuhte schwarze Hand über einen Stadtplan von Berlin. Als Chef einer Verbrecherbande will er die Oberhand über Berlin gewinnen und alle, die ihn daran hindern, bekämpfen.



Eine schwarze Hand über Berlin: Gustaf Gründgens als Schränker in Fritz Langs M - Eine Stadt sucht einen Mörder © Präsens Film Zürich


1933 legte sich für zwölf Jahre eine andere „schwarze Hand“ über Berlin. Sowohl Kracauer als auch Suchsland gehen von der These aus, dass das Kino der Weimarer Zeit das schon alles antizipiert hat. Als ob die Nachkriegsgeneration des Ersten Weltkriegs schon ein inneres Wissen gehabt hätte, dass sie die Vorkriegsgeneration eines zweiten werden würde. Die Filmschaffenden verstehen die Dokumentation als eine „unterhaltsame Achterbahnfahrt in die beste Zeit des deutschen Kinos und in die Abgründe des Unterbewusstseins“.


Helga Fitzner - 1. Juni 2015
ID 8682
Weitere Infos siehe auch: http://www.caligarihitler.net


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