Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Dokumentarfilm

Im Biotop



Bewertung:    



Die Monarch - im Film von Tristan Ferland Milewski wird sie DREAM BOAT genannt - "ist bekannt für ihre familiäre Atmosphäre und dem eher intimen Milieu von mittelgroßen Schiffen. Ein Schiff, das die perfekte Größe für unser Gemeinschaftsgefühl bietet, das wir alle so lieben." Auf ihrer schiffsinternen Homepage steht dann außerdem: "Also, schließe dich uns an auf dieser epischen Reise und genieße das 5-stöckige Atrium und die 12 Decks, die Platz für 2.386 Passagiere bieten. (...) Eine reiche Palette an Möglichkeiten wurde sorgfältig zusammen gestellt: sagenhafte Landausflüge, gutes Essen, Dutzende an Bordaktivitäten, Unterhaltung und Partys, zusätzlich die Möglichkeit, sich zurück zu lehnen und einfach nichts zu tun. Während der Kreuzfahrt stellen wir die Leinwand und geben dir den Pinsel, um den perfekten Urlaub zu malen, inspiriert durch die eigene Inspiration in jedem Moment."

*

Aus 89 Nationen stammen all die Passagiere, die die Filmcrew eine Woche lang begleitete.

Auf jenem DREAM BOAT - einem Traumschiff für (wahrscheinlich zahlkräftige) Schwule.



"Schon Monate vorher fiebern die Passagiere dieser Reise entgegen. Sie stählen ihre Körper, statten sich mit Push-Up-Badehosen, sexy Outfits und glamourösen Kostümen aus. Für die Männer ist die Fahrt auf dem DREAM BOAT eine Befreiung von politischen, sozialen oder inneren Restriktionen. Tag und Nacht, Zeit und Raum verschmelzen im Rhythmus der Partymusik. Im Schwebezustand dieser traumhaften Reise werden die Protagonisten umso härter mit ihrer eigenen Realität konfrontiert. Durch die paradiesische Oberfläche scheinen grundlegende Themen ihres Lebens: die Frage nach Lebensentwürfen im Alter, Familie, der Wunsch nach Zugehörigkeit, die Suche nach Selbstakzeptanz und Liebe. Sie werden mit dem Körperkult der schwulen Community konfrontiert und spüren, dass man sich auch zwischen 3.000 potenziellen Partnern ziemlich einsam fühlen kann. So wird die Urlaubsreise für manche ganz unerwartet zur inneren Odyssee, einer Reise zum eigenen Kern."

(Quelle: realfictionfilme.de)

* *

Und wie es halt dann immer oder meistens auf so "eingezäunten" Biotopen ist - es tritt bei Manchem (nicht bei Allen, wohl gemerkt) so eine Art von Psycho-Koller ein, d.h. die nachvollziehbare Natursehnsucht des Einzelnen nach einem sehnsuchtsvollen Ort der momentanen Abgeschottetheit kann sicherlich, bei dieser Massen-Ansammlung, arg schwer befriedigt werden; die Kabine und das Deck bieten vielleicht - in frühen Morgenstunden, wenn die gute Partylaune der vergangenen durchtanzten Nacht von umsichtigen und sich meist dann unsichtbar verhaltenden Besatzungsmitgliedern in Müllsäcke gefegt wird - Rückzugsmöglichkeiten. Diese zeitlichen Momente nutzt Milewski, um mit Marek, Dipankar, Philippe, Ramzi und Martin über Dies & Das was näher ins Gespräch zu kommen - dabei ist der Filmemacher für den Filmzuschauer unsichtbar, auch hört man seine Stimme nicht. Er lockt die Selbstaussagen und gezeigten Regungen seiner fünf "Auserwählten" scheinbar wie von selbst aus ihnen raus.

Wir staunen oftmals gar nicht schlecht, was sich für Lebensläufe so entäußern, wie der Eine oder Andere sein Schwulsein erstmals wahrgenommen hat, wie er oder seine Verwandten damit umgehen - und was für Lebensumstände, Lebensbedingungen des DREAM BOAT-Passagiers dann überhaupt dazu geführt haben, sich justament auf einen derartigen Lust- und Laune-Trip mit Tausenden von scheinbar "Gleichgesinnten" einzulassen. Und wo alle schwul zu sein vorgeben, sind (wahrscheinlich) alle gleich, also gleichschwul?

Auch: And're Länder, and're Sitten:




Ramzi, 31, wurde in seiner Heimat Palästina als Schwuler von der Polizei verfolgt. Um seine Familie zu schützen, flüchtete er nach Belgien. | (C) gebrueder beetz filmproduktion, 2017



Der Franzose Philippe, 47, sitzt rund 20 Jahren im Rollstuhl. Zu Fremden findet er nur schwer Zugang. Umso wichtiger ist ihm das Gefühl der Zugehörigkeit zu seiner schwulen Ersatzfamilie. | (C) gebrueder beetz filmproduktion, 2017



Dipankar, 32, aus Indien, drohte bis vor zwei Jahren eine arrangierte Ehe. Eine schwule Beziehung hatte er noch nie. Auf dem DREAM BOAT wähnt Dipankar nun seinen Traummann. Eine ganz neue Perspektive für ihn. | (C) gebrueder beetz filmproduktion, 2017


Als Klassiker unter den Traumschiff-Situations könnte man ja diese ziemlich ausgelutschte und vielleicht dann mehr zu Komikzwecken taugende Filmdrehbuchfrage, wer am Kapitänstisch sitzen darf, bezeichnen; also so was drängt sich beispielsweise dann bei mir, der ich noch nie im Leben eine Kreuzfahrt auf dem Wasser unternahm, sofort dann auf. Das hat etwas von ganz bestimmter Neugier auf was generell dann Andersartiges; also sehr nah beim Kapitän zu sein, um ihn vor/während/nach dem Dinner vollzutexten und dabei viel Wissenswertes über Bug und Heck und Seemannsknoten usw. aus beruf'nem Munde zu erfahren oder so...

Versteht mich wer, was ich mit Obigem dann sagen wollte?

Dass mir bei dem insgesamt doch schönen und sehr anrührenden Film so ein a-queerer und ja trotzdem ganz besonders menschlicher Extra-Bezugspunkt fehlte. Dieses Konfrontieren oder (besser:) Oszillieren zwischen Schwul & Nichtschwul. Dieser ausgeblieb'ne Sonderanlass einer oder mehrerer Begegnungen fernab der für die schwulen Männer so besonders überambitionierten Sexualität an sich.

Der Inder Dipankar - dessen Geschichte seiner Einsamkeit mich fast zu Tränen rührte - brachte es dann auf den Punkt, indem er sagte, dass das allgemeine Interesse der auf jenem DREAM BOAT anwesenden Klientel sich lediglich auf Schwanz & Arsch beschränken würde; ja natürlich, was denn sonst. (Es ist wie wenn ich in die Schwulensauna gehen würde, in der Schwulensauna hab' ich, außer Schwitzenwollen, auch bloß Lust auf Schwanz & Arsch und was man damit alles Schönes anstell'n könnte.)

* * *

Und weswegen ich den Film anstatt mit 5 letztendlich "nur" mit 4 KE-Punkten bewidme: Weil seine Berieselungsmusik in ihrer nervtötenden Süßlichkeit mich fast zur Weißglut hätte bringen wollen.

Aber sonst war alles schick.



Andre Sokolowski - 12. Juli 2017
ID 10140
http://www.realfictionfilme.de/filme/dream-boat/


http://www.andre-sokolowski.de

Rosinenpicken

DOKUMENTARFILME



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



 

FILM Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ANTHOLOGIE

BERLINALE

DOKUMENTARFILME

EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM
Reihe von Helga Fitzner

FERNSEHFILME

FEUILLETON
Beiträge zu Film und Festivals

INTERVIEWS

SPIELFILME

TATORT IM ERSTEN
Gesehen von Bobby King

TÜRKISCHE FILME
[Archiv]

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de