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Dokumentarfilm

Der Zauber des

Alltäglichen



Bewertung:    



Die beiden sind schon ein sehr ungewöhnliches Duo, das da mit einem auffälligen Transporter, einem „Fotomobil“, unterwegs ist, das wie eine riesige Kamera aussieht. Die 90jährige Fotografin und Filmemacherin Agnès Varda (* 1928) und der 33jährige hochgewachsene französische Streetart-Künstler JR (* 1983) fahren in Frankreich durch die Lande, um zu schauen!

JR macht Fotos, die er im Wagen sofort entwickeln kann, und Varda´s diverse Kameramänner und -frauen halten diese Blicke für uns fest. Sie dokumentieren Menschen und Orte, an denen man sonst wohl einfach vorüber gehen würde, und schenken ihnen ihre Aufmerksamkeit.

*

Augenblicke - Gesichter einer Reise ist eine Dokumentation über alltägliche Personen, wie ein Briefträger, Fabrikarbeiter oder eine Rentnerin und ihr Umfeld, und es ist faszinierend zu beobachten, wie spannend diese gewöhnlichen Leute und Stätten dargestellt werden können. JR macht überlebensgroße Fotos von Menschen, die in dem Wagen als riesige Poster gedruckt werden können und klebt sie an Häuserwände, Scheunen, Container, Güterwaggons; im Grunde genommen ist keine Fläche sicher vor dem künstlerischen Ausdruck des mehrfach ausgezeichneten Künstlers. Agnès Varda hat sich als Filmemacherin schon zu Zeiten der Nouvelle vague einen Namen gemacht und 2017 den Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk erhalten. Sie ist für ihr Alter noch sehr resolut und rüstig und von umwerfendem Charme. Meistens wenigstens. Denn Varda und JR kabbeln sich unterwegs auch häufiger, denn da prallen bei vielen Gemeinsamkeiten auch Welten aufeinander. So versteckt JR seine Augen hinter einer Sonnenbrille, während Varda ihre fotografieren und an einen Güterwaggon kleben lässt, der nun durch die Lande fährt.

Ihre Tour führt sie an einer Bergarbeitersiedlung vorbei, in der nur noch eine alte Frau lebt. Auch sie wird per Foto an der Häuserwand verewigt, wie auch ehemalige Bergarbeiter aus grauer Vorzeit, die von einem alten Foto stammen. So bekommt die verfallende Straße vor ihrem Untergang noch eine Historizität und Wertschätzung. Ein öder Wassertank wird mit Fotos von Fischen dekoriert, auch eine Ziege ist als Model willkommen und ziert eine Scheunenwand. Ihre Besitzerin weigert sich nämlich, ihren Ziegen die Hörner abzusägen, wie das vielfach praktiziert wird. Varda und JR können sehr gut zuhören, und als sie erfahren, dass zwei verschiedenen Schichten einer Fabrik wegen ihrer unterschiedlichen Arbeitszeiten nie zusammenkommen, machen sie Fotos von jeder Schicht und bringen sie in einem Bild auf der Fabrikmauer zusammen.



Die Fabrikarbeiter zweier unterschiedlicher Schichten werden von Agnès Varda und JR auf einem Foto vereint | © Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016


Auch Hafenarbeiter kommen zu Wort und – das ist typisch für Varda – natürlich auch ein paar ihrer Frauen. Die arbeiten ebenfalls für den Hafen, allerdings im Büro. Alle dort meistern ihr Leben in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten. Die Frauen halten fest zu ihren Männern, Grund genug für Varda, ihnen besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Ihre Konterfeis erscheinen auf riesigen Containern und werden wohl um die halbe Welt schippern.

Die beiden machen auch persönliche Reisen, so besuchen sie JRs hundertjährige Großmutter. Varda lässt von JR ein Poster von ihrem verstorbenen Kollegen Guy Bourdain herstellen, das sie an einen alten Bunker am Strand kleben. Es wird mit der nächsten Flut weggespült. Die Vergänglichkeit wird als Teil des Lebens angesehen, auch bei dem Besuch am Grab von Vardas Kollegen Henri Cartier-Bresson. Als sie den noch lebenden Kultregisseur und Mitstreiter Jean-Luc Godard aufsuchen, werden sie versetzt. Das kränkt Varda sichtlich. So ist dieser Besuch auch eine Art Abschied.

Mit ihrer Dokumentation geben Agnès Varda und JR den Menschen eine Bedeutung und Wertigkeit, achten ihre Würde und Lebensumstände und schärfen damit auch den Blick der Zuschauer für den Zauber, der dem innewohnt. „Jedes Gesicht erzählt eine Geschichte“, sagt Varda, und so sagen auch die Gesichter von Varda und JR viel über sie und ihre achtsame Lebenseinstellung aus. Ganz nebenbei haben Varda und JR nicht nur den Menschen, denen sie begegnet sind, ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selbst.


Helga Fitzner - 30. Mai 2018
ID 10728
Weitere Infos siehe auch: https://www.facebook.com/Augenblicke.DerFilm/


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