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UNSERE NEUE GESCHICHTE (Teil 60)

"Gegengewicht

zu Hitler

und Stalin"



Bewertung:    



Die Berufstätigkeit von Astrid Lindgren während des Zweiten Weltkriegs war so geheim, dass sie darüber nicht einmal in ihren privaten Kriegstagebüchern von 1939 bis 1945 schrieb. Diese sind auch erst Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2015 veröffentlicht worden und erstaunten die Leserschaft. Lindgren (1907-2002) schrieb Kommentare zum Kriegsgeschehen, klebte Zeitungsartikel ein und schuf so ein Dokument, das sowohl den politischen als auch ihren privaten Bereich behandelte. Sie hasste Hitler und Stalin, denn sie war sich deren Schreckensherrschaft bewusster als die meisten Bürger im unbesetzten Schweden. Sie war angestellt worden, um die Korrespondenz in Schweden zu zensieren, damit z.B. Soldaten keine militärischen Geheimnisse preisgaben und auch ihre Familien die Soldaten nicht mit schlechten Nachrichten aus der Heimat beunruhigten. Das ist in Kriegszeiten ein übliches Verfahren. Dabei erfuhr sie auch von den unfassbaren Gräueltaten, die begangen wurden.

Der deutsche Filmemacher Wilfried Hauke schuf nun mit Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren eine Dokumentation über diese für sie prägenden Jahre:


"Für mich als Autor und Regisseur war es ein atemberaubender Moment, als ich 2015 die erste gedruckte Ausgabe von Astrid Lindgrens Kriegstagebüchern in den Händen hielt. Ich las, mit welch leidenschaftlicher Empörung sie mit Hitlers Verbrechen gegen die Menschlichkeit abrechnet. Lindgren beschreibt auch, wie wehrlos eine Demokratie ist, wenn Menschen sich verführen lassen. Sie führt uns vor, wie durch Populismus und Terror allmählich das Gefühl für Mitmenschlichkeit stirbt. Die Kriegstagebücher der später weltberühmten Autorin sind das intimste Dokument ihres Lebens, ein ergreifendes Zeugnis der Sinnsuche und des Coming-out einer Künstlerin." (Wilfried Hauke)


Hauke drehte an Originalschauplätzen und mit einigen ihrer Nachkommen, darunter Lindgrens 1934 geborene Tochter Karin Nyman, die noch lebhafte Erinnerungen an ihre Mutter hat:


"Sie war so verzweifelt. Was sollte aus der Menschheit werden, die ganze Welt stand in Flammen."


Die zwischen 1939 und 1945 spielenden persönlichen Geschichten werden von Sofia Pekkari (als Astrid), Tom Sommerlatte (als ihr Mann Sture Lindgren), Lennard Leiste (als Sohn Lasse) sowie Edda Braune (als kleine Tochter Karin) und Ida Malene Schütte (als etwas ältere Tochter Karin) gespielt. Sofia Pekkari spricht dabei gelegentlich in die Kamera, um den dokumentarischen Ansatz des Films zu unterstreichen. Die Bücher werden neben der betagten Karin Nyman von Astrid Lindgrens Enkelin Annika Lindgren und ihrem Urenkel Johan Palmberg vorgestellt, die auch durch die verschiedenen Wohnorte führen. Das dokumentarische Filmmaterial über das Kriegsgeschehen und das Leben in Schweden ist gründlich recherchiert, und man hat in Deutschland vieles davon selten oder gar nicht gesehen. Es belegt nicht nur das Geschehen der Zeit, sondern spricht für sich selbst, weil es einfach hervorragend ist.

Schweden wurde von den Nationalsozialisten zwar nicht besetzt, aber es musste trotzdem mobil machen, auch Sture Lindgren wurde eingezogen. Lebensmittel und Heizmaterial wurden auch in Schweden rationiert, aber man lebte weitgehend ohne direkte Kriegseinwirkung. Sture Lindgren verdiente so gut, dass die Familie in eine große Wohnung umziehen konnte und in relativem Wohlstand lebte, während der große Rest von Europa in Schutt und Asche gelegt wurde. Das hatte etwas Surreales, und Lindgren litt mitunter an depressiven Verstimmungen, weil sie ja an jedem Arbeitstag unzensiert von der wirklichen Lage erfuhr.

Im Jahr 1941 wird die kleine Karin sehr krank und erholt sich vier Monate lang nur schlecht von einer Lungenentzündung. In dieser Zeit erfindet Astrid Lindgren, die schon Geschichten in Zeitungen veröffentlicht hatte, die Fabel von einem Mädchen, das ohne Eltern und ohne Zwänge groß wird und tut, was es will. Die kleine Karin kann nicht genug von ihr bekommen und erfindet den Namen Pippi Langstrumpf für sie. Später zu Karins zehntem Geburtstag 1944 schenkt Lindgren ihr ein Manuskript der Erzählungen. Nach dem Krieg, Ende 1945, gewinnt Lindgren einen Wettbewerb damit. Das Buch wird gedruckt, und der Rest ist Geschichte.

Lindgren war der Auffassung, dass, wenn Kinder freundlich und mit Respekt behandelt werden, sie sich zu reifen Menschen entwickeln, die auch andere respektvoll behandeln. Das war ihr Gegengewicht zur Manipulation der Menschen, insbesondere der Jugend, durch die totalitären Regime des Dritten Reichs und der Sowjetunion. Glücklichsein hängt für sie nicht von Äußerlichkeiten ab:


"Eines habe ich gelernt, wenn man glücklich sein will, muss es aus dem Inneren kommen", erzählt sie in den Tagebüchern, und: „Am glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe."


Lindgren war voller Hass gegen Hitler und die Gestapo, aber sie hatte Mitgefühl mit der deutschen Zivilbevölkerung, insbesondere mit den Kindern, die gegen Kriegsende massiven Bombardierungen ausgesetzt waren. Das Schreiben am Manuskript von Pippi Langstrumpf war ihre Art, um einfach nicht aufzugeben. Vermutlich hätte sie früher oder später Kinderbücher geschrieben, doch es ist wohl indirekt Hitler und Stalin zu verdanken, dass das unmittelbar nach dem Krieg geschah. Es folgten viele weitere Bücher, wie die über Karlsson, die Räubertochter Ronja, Michel, Lotta und andere. Auch die Kinder von Bullerbü wurden berühmt und in viele Sprachen übersetzt. Der Begriff Bullerbü hat sich seitdem verselbständigt und steht für ein utopisches Kinderparadies. Pippi Langstrumpf steht für Unabhängigkeit, Selbstermächtigung, Freundlichkeit, Mitgefühl und vieles mehr. Sie hat die Verantwortung für ihr eigenes Glück übernommen. Vielleicht macht sie das so zeitlos.

Den Filmemachern ist es gelungen, den Zuschauern die Person Astrid Lindgrens, vor allem aber ihr Leben während des Krieges, näherzubringen und auch zu vermitteln, warum ihre Bücher einen so bedeutsamen Stellenwert bekamen. Sie hatten einen völlig anderen pädagogischen Ansatz, als es in dieser Zeit üblich war, und Lindgren war damit ihrer Zeit ziemlich weit voraus. - Mit von der Partie waren der Co-Drehbuch-Autor Hermann Pölking, der Komponist der Filmmusik George Kochbeck, Kamerafrau Sabine Panossian, Cutterin Friederike Dörffler u.a. Wer immer die Recherche des Dokumentarmaterials durchgeführt hat, sei an dieser Stelle hochgelobt.



Astrid Lindgren (Sofia Pekkari) schreibt ihre Kriegstagebücher | © farbfilm

Helga Fitzner - 22. Januar 2026
ID 15662
http://www.farbfilm-verleih.de/filme/astrid-lindgren-die-menschheit-hat-den-verstand-verloren/


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