Halacha und
High Heels
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Bewertung:
Mit einer Ahnenreihe von Rabbinern, die sage und schreibe 38 Generationen zurückverfolgt werden kann, scheint Rabbi Amichai Lau-Lavies Lebensweg im Schoße der jüdischen Orthodoxie vorgezeichnet. Sein Onkel ist kein Geringerer als der damalige Oberrabbiner Israels: Yisrael Meir Lau, er selbst feiert am israelischen Unabhängigkeitstag Geburtstag.
Doch der Junge ist schon früh von den weiblichen Aspekten Gottes angezogen: der Schechina, laut Kabbalah die weibliche Präsenz Gottes in der Welt. Und ist nicht auch der Schabbat eine Braut? Von Queerness und jüdischer Spiritualität gleichermaßen angezogen findet sich Amichai bald in innerem Widerstreit mit der ultraorthodoxen Welt, die ihn umgibt.
Politisiert von den Frauenprotesten an der Kotel, die von religiösen Hardlinern gewaltsam vom Beten abgehalten werden, zieht Amichai 1997 in den Big Apple – und findet in der Stadt mit dem zweitgrößten jüdischen Bevölkerungsanteil der Welt und mit einer pulsierenden, wenn auch schwer von der AIDS-Epidemie gezeichneten Schwulenszene seine „Edge of Heaven“, wie es George Michael vielleicht ausgedrückt hätte.
Sein geistiges Zuhause findet Amichai bei den „Radical Faeries“, wo er sowohl sein Queersein als auch seine Spiritualität ausleben kann. Und in New York City baut Amichai etwas bisher nie Dagewesenes auf: Strukturen, Orte und Projekte, die zum Heimathafen für alle jüdischen Queers werden sollten.
1999 gründet er das Projekt „Storahtelling“, mit dem er den Menschen mittels Theater und innovativen Methoden einen im besten Sinne unorthodoxen Zugang zu traditioneller jüdischer Literatur bietet. Aus diesem Projekt geht 2013 „Lab/Shul“ hervor, eine Pop-Up-Synagoge und – wie der Name schon andeutet – ein „Ort, an dem Experimentelles passiert“.
In New York legt Amichai auch seine ersten Auftritte als Drag Queen Rebbetzin Hadassah Gross hin, Witwe von gleich sechs Rabbinern – eine Kunstfigur, die Trauma und Camp zugleich verkörpert.
Der junge Wahl-Amerikaner sprüht vor Witz und Kreativität, und je mehr Puzzleteile seines Lebens aufgedeckt werden, umso mehr bestätigt sich der Eindruck, dass beides Ressourcen für ihn sind, aus denen er Kraft schöpft.
Denn für seine orthodoxe Familie und Community ist er ein Abtrünniger; seine Mitstreiter in NYC schütteln wiederum den Kopf darüber, weshalb gerade er, der so vielen Menschen ein transgressives Ausleben ihres Judentums in einer liebevoll-anarchischen Community ermöglicht, in manchen Punkten am Konservatismus festhält und sich am eher liberalen, wenn auch nicht grenzenlos toleranten Jewish Theological Seminary zum Rabbiner ausbilden lässt. Es ist ein Spagat zwischen zwei Welten, und die Spannung, die er erzeugt, überträgt sich auch auf die Zuschauer.
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Für Regisseur Sandi DuBowski ist das Thema alles andere als Neuland: Seit vielen Jahren arbeitet er schwerpunktmäßig zum Verhältnis von Religion und Sexualität, auch seine Doku Trembling Before G-d (2001) dreht sich um homosexuelle Orthodoxe, darunter auch Frauen. Die Arbeit mit Amichai ist indessen ein bemerkenswertes Langzeitprojekt:
Über einen Zeitraum von 21 Jahren (!) begleitet DuBowski seinen Protagonisten mit der Kamera und dokumentiert seinen Werdegang zwischen Halacha und High Heels, zwischen Kaddisch und interreligiösen Hochzeiten. Durch die lange Drehzeit wirkt sein Dokumentarfilm Sabbath Queen nicht ganz aus einem Guss; er springt zwischen Zeitebenen hin und her und verlangt seinen Zuschauern auch eine lange Aufmerksamkeitsspanne ab. Doch der lange Atem sorgt auch für Detailreichtum und gibt dem Film eine emotionale Tiefe, die noch lange nachwirkt.
Dafür sorgen auch die Einspieler mit Amichais Bruder Benny Lau, seinen Eltern, Mitstreiter:innen und Freund:innen, die ihm sichtbar zugetan sind, seine Lebensentscheidungen aber auch mit Unverständnis kommentieren. Und schließlich ist da das Filmmaterial aus Buchenwald, der mit großem Trauma besetzte Ort, von dem Lavie-Laus Vater und Onkel dem sicheren Tod entkommen konnten. DuBowski fängt mit der Kamera behutsam ein, wie die beiden Brüder nach Jahrzehnten wieder diesen Ort besuchen. Man kann nur mutmaßen, wie Amichai als Sohn eines Holocaust-Überlebenden zumute ist, wenn er aus den Reihen der Orthodoxen hört, „Mischehen“ einzugehen bedeute, den Job zu Ende zu bringen, den Hitler angefangen hatte. Schließlich vollzieht er selbst solche Hochzeiten: Den Rahmen des Films bildet die eines Juden mit einem Buddhisten.
DuBowskis Blick auf seinen Protagonisten ist vom Respekt vor dem Andersdenkenden geprägt. Entstanden ist ein einfühlsamer Film, der keine Fragen endgültig beantworten will oder kann und stattdessen ein eindringliches Plädoyer ist für Dialog – und sei es auch nur das Zwiegespräch mit sich selbst, das eine große innere Zerrissenheit ein wenig heilt. Amichai hat seine Vision jedenfalls nicht aufgegeben. Das zeigt sich auch in seinem – trotz Anfeindungen – sichtbaren Engagement für die Rechte von Palästinenser:innen und für Frieden in Nahost. Und auf seiner Website kann man sich vergewissern: Hadassah Gross ist noch immer auf ihrer Mission, „das Göttliche Feminine aus den Klauen des Patriarchats zu befreien“.
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Bildquelle: sabbathqueen.com
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Jo Ojan - 22. September 2026 ID 16053
In München wird es am 22. November um 19 Uhr im NS-Dokumentationszentrum eine kostenlose Filmvorführung geben, mit anschließendem Q&A mit Regisseur Sandi DuBowski und Filmemacherin und Journalistin Eva Gemmer.
In Berlin wird der Film am 23. November 2026 um 19 Uhr in der Gethsemane-Kirche gezeigt. Regisseur Sandi DuBowski und Hauptdarsteller Rabbi Amichai Lau-Lavie werden anwesend sein; der Eintritt ist auch hier frei.
Weitere Infos siehe auch: https://www.sabbathqueen.com/
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