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Dokumentarfilm

Ein empathischer Blick auf Flüchtlinge



Bewertung:    



Spätestens seit 2015 ist die Flüchtlingskrise in den Blick der Medien und ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt. 65 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. Wir kennen die sachlichen Nachrichten über an Grenzzäunen gestrandete Menschen, die riesigen Zeltstädte und die Szenen der Überlebenden, die aus dem Mittelmeer gefischt und in wärmende Folie verpackt werden. In seinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm Human Flow präsentiert der chinesische Künstler Ai Weiwei auch die bekannten Bilder und Orte, doch ist sein Blick ein anderer, da er einen humanistischen und durchaus moralischen Ansatz hat. Er bekam 2015 von den chinesischen Behörden seinen Reisepass zurück, nachdem er wegen seiner regimekritischen Äußerungen und Aktionen mehrfach strafrechtlich verfolgt worden war. Nun lebt er in Berlin, selbst ein Heimatloser, und setzt sich nach wie vor für die Menschen ein, deren Stimme sonst vermutlich ungehört bliebe. Waren es in Europa vor dem Fall der Mauer elf Länder, die ihre Grenzen befestigt hatten, sind es nun mehr als 70.

Ai Weiwei und ein Team von 200 Mitarbeitern bereisten 23 Länder und tauchten in die Erlebniswelt der Flüchtlinge ein, die sie für uns nachvollziehbar machen. Diese kommen z.B. aus Afghanistan, Serbien, Syrien, Libanon, Israel, Kenia, Irak und sind an verschiedenen Orten gelandet wie in Griechenland, der Türkei, Jordanien und Deutschland. Sie tragen nicht nur die Schrecken aus der aufgegebenen Heimat in sich, auch den Schmerz über dort oder auf der Flucht verlorene Angehörige, sie leiden an ihrer Perspektivlosigkeit, den Strapazen der Flucht oder des Lebens im Lager. Ai hat den Blick für die kleinen Dinge. Er lässt sich aus Solidarität vor der Kamera die Haare abrasieren, was viele Flüchtlinge aus hygienischen Gründen auch machen. Eine Flüchtlingsfamilie hat ihre kleine Katze gerettet. Dieses kleine Wesen steht für wer weiß wie viele Haustiere, die ebenfalls zu Schaden gekommen sind oder deren Verbleib unklar ist und die mit so vielem anderen auch zurückgelassen werden mussten. Auch wenn das im Film nicht erwähnt wird, Ais Vater war ein Intellektueller, der von den chinesischen Behörden in einen abgelegenen Ort in der Wüste Gobi verbannt wurde, wo der Junge Weiwei aufwuchs. Als die Familie zurückkehren durfte, war er bereits 19 Jahre alt.




Nicht abreißende Flüchtlingsströme, hier an der Grenze zwischen Syrien und Jordanien | (C) 2017 Human Flow UG


Der Film Human Flow ist fließend wie die Flüchtlingsströme. Ai verzichtet bewusst auf eine übersichtliche Erzählstruktur. Der ausführende Produzent Andrew Cohen erklärt dazu: „Gelegentlich mag der Zuschauer die Orientierung verlieren, weil er nicht weiß, in welchem Land oder Camp er sich gerade befindet, aber genau diese Wahrnehmung ist für diesen Film entscheidend. Die Farben, das Klima und das Essen mögen in jedem Camp und in jeder Gemeinschaft unterschiedlich sein, aber der Film orientiert sich an den Gemeinsamkeiten der individuellen Erfahrungen. Letztlich scheint es so, als würde dieser Menschenstrom aus einer großen weltweiten Flüchtlingsgemeinde bestehen.“ Cohen berichtet weiter: „Natürlich waren manche Drehorte gefährlich, aber Weiwei hat keine Angst. Wo andere Leute Gefahren sehen, sieht er Chancen. Er hat diese warme Anziehungskraft, eine sanfte Ausstrahlung und angeborene Empathie, deshalb wollen die Leute einfach mit ihm sprechen und ihm zeigen, was wirklich bei ihnen los ist. Wir hatten auch sehr mutige Kamera- und Tonleute und sehr fähige Vermittler, die uns an diesen Orten herumführten.“

Ai konzentriert sich auf die Geflüchteten und versucht sie uns näher zu bringen. Er legt deswegen auch großen Wert darauf sich nicht nur auf das Elend zu konzentrieren. Er scherzt mit ihnen, filmt Fußball spielende Kinder und sehr viel Zwischenmenschliches. Er achtet auf Respekt und würdevollen Umgang, spricht auf Augenhöhe mit ihnen, weil er den Schmerz des Heimatverlustes nur zu gut kennt.

Kritik äußert er auch, wie bei einem in Berlin Tempelhof gestrandeten Teenager. Sie ist zwar in Sicherheit, aber in einer Flüchtlingsunterkunft und beschwert sich über Langeweile. Natürlich kann Ai es sich nicht verkneifen, an die EU wegen ihres Deals mit der Türkei zu appellieren. Verständnis und Empathie für die Geflüchteten zu generieren, ist aber sein Hauptanliegen. Human Flow ist die erste Kinodokumentation, die den globalen Zusammenhang herstellt und damit das Ausmaß verdeutlicht. 65 Millionen Menschen auf der Flucht, das sind epische Dimensionen und einer der größten Herausforderungen unserer Zeit.


Helga Fitzner - 16. November 2017
ID 10376
Weitere Infos siehe auch: http://www.humanflow-derfilm.de/


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