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Dokumentarfilm

Annekatrin Hendel verknüpft in ihrem essayistischen Dokumentarfilm Persönliches und politische Geschichte in Gegenwart und Vergangenheit der beliebten Ostseeinsel



Bewertung:    



Einen Monat vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, die nicht weniger Brisanz als die Wahl Anfang September in Sachsen-Anhalt besitzt, kommt der Dokumentarfilm Hiddensee in die deutschen Kinos. Die Ostberliner Regisseurin Annekatrin Hendel (u.a. Familie Brasch) hat 8 Jahre lang an ihrem in Schwarz-Weiß gedrehten Film-Essay zum Sehnsuchtsort vieler KünstlerInnen und Freiheitsliebenden seit den 1920er Jahren gearbeitet. Der Film ist nicht nur eine Liebeserklärung an den nur 17 Kilometer langen Streifen Land in der Ostsee, sondern auch ein Abriss über 100 Jahre Inselgeschichte. Im „Romanischen Café der Ostsee“ logierten Berühmtheiten wie Albert Einstein, Sigmund Freud, Franz Kafka, Mascha Kaléko, Thomas Mann, Friedrich Wilhelm Murnau, Joachim Ringelnatz oder Else Lasker-Schüler, und auf der Insel besaßen der Schriftsteller und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der Stummfilmstar Asta Nielson oder die Ausdruckstänzerin Gret Palucca Ferienhäuser.

Die Faszination von Hiddensee erklärt sich nicht allein durch die Ruhe und Abgeschiedenheit der noch immer komplett autofreien Insel. Das hat man durchaus auch andernorts. Die Insel ist Mythos und Hype in einem. „Wer einmal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder, sagen alle.“ Eine der schönsten Wortverknüpfungen im Film zur Beschreibung des unerklärlichen Phänomens lautet „uferlose Ereignislosigkeit“. Das dürfte fast allen Erholungsuchenden Grund genug sein. Aber Hendel geht es nicht um die Glorifizierung Hiddensees, sondern vor allem um den immerwährenden Einbruch historischer und politischer Ereignisse in die scheinbare Idylle. Die Insel sei ein „Deutschland im Miniaturformat“ und „klein genug, um zu schauen, wie sich Persönliches und Geschichte ineinanderschiebt“ - so die Regisseurin in ihrem leisen begleitenden Kommentar aus dem Off.

Zum Persönlichen braucht es vor allem Personen, und die findet Hendel u.a. in der ortsansässigen Modedesignerin Maren Lass, deren Insel-Couture mit jungen Models von der Fotografin Susanne Schwarz am Strand abgelichtet wird. Beide Frauen sind seit den 1980er Jahren von der Insel fasziniert und haben sich hier ihren beruflichen Traum erfüllt. Franziska Ploetz ist seit 2005 Direktorin des Gerhart Hauptmann Haus in Kloster, führt durch das Gebäude und gibt Einblicke in Leben und Schaffen des Schriftstellers auf der Insel. Weiter treten Jana Leistner, die Leiterin des Heimatmuseums Hiddensee, und der Bürgermeister der Insel, Thomas Gens, auf. Und da wird es dann tatsächlich aktuell politisch, da beide in der Kommunalwahl 2024 für politisch gegensätzliche Wahlgemeinschaften für die Gemeindevertretung kandidierten. Der für die Wählergemeinschaft „Allianz für Hiddenseer“ wiedergewählte Bürgermeister entzog Leistner, die im Gegensatz zu Gens für eine behutsame Entwicklung der Insel eintritt, das Mandat wegen angeblicher Unvereinbarkeit mit ihrem Amt als Leiterin des kommunalen Heimatmuseums.

Nicht nur in diesen beiden Personen spiegelt sich die Zerrissenheit der Hiddenseer Bevölkerung. Auch der langjährige Insel-Pastor Konrad Glöckner befürchtet einen Verlust von Weltoffenheit und zunehmend autoritären Politikstil in Person des Bürgermeisters mit seinem politischen Spektrum vom ehemaligen Mitglied der rechtsextremen DVU über die CDU bis zum parteilosen Lokalpolitiker, der die Nähe zur AfD nicht scheut. Die Regisseurin dringt hier aber nicht näher in die Verstrickungen der kommunalen Inselpolitik ein. Sie filmt Gens in seinem Büro oder auf dem Fischkutter in Kloster, wo er selbstgeräucherten Fisch verkauft und sich sonst bei Veranstaltungen volksnah gibt. Der Film zeigt ihn auch bei der Vorbereitung einer Veranstaltung mit dem AfD-nahen Kabarettisten Uwe Steimle. Gens betreibt Politik für die Hiddenseer mit populistischer Prägung. Es geht um Stimmungen in der Bevölkerung, die nicht länger nur Hausmeister für die Urlauber sein will, und eine Art Kulturkampf, der Volksfeste gegen Buchlesungen mit Schriftstellern wie Jakob Hein oder Maxim Leo stellt.

Der an der Wand des zum Beginn des Films für die Sanierung entkernten alten Ostseehotels stehende Spruch „Hauptmann oder Ballermann“ bekommt im feucht-fröhlichen Auftritt von Mallorca-König Jürgen Drews im Hiddenseer Bierzelt seine Entsprechung. Was sich mit einem Ausbau des Segelhafens in Vitte anbahnt und mit Bautätigkeit in anderen Bereichen fortsetzt, könnte der Anfang vom Ende der unberührten Natur auf Hiddensee sein, obwohl noch immer ein Baustopp für Neubauten besteht. Die Insel kommt auch an ihre Grenzen, was die Anzahl an Ferienwohnungen betrifft. Es fehlt an Wohnraum für die Einheimischen und die im Fremdenverkehr Tätigen. Hier schlägt der Bürgermeister Alarm, und im Film spielt man eine Art von Inselmonopoly auf dem Brett.

Das war es dann aber auch schon mit der gegenwärtigen Politik. Wie das genau mit dem Grund und Boden zusammenhängt, muss sich das Publikum selbst zusammenreimen. Es würde vermutlich auch zu weit führen und den roten Faden, den die Regisseurin immer wieder von der Vergangenheit zur Gegenwart zieht, verwirren. Hier heißt es im Kommentar schon zu Beginn, dass der Ort Vitte bereits 1922 damit warb, „judenfrei“ zu sein. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde der Künstlerinnenbund der sogenannten „Malweiber“ zerschlagen und jüdische Künstlerinnen wie Clara Arnheim oder Julie Wolfthorn verfolgt, deportiert und ermordet. Geschichtlich aufgearbeitet ist das u.a. durch Stolpersteine vor ehemaligen Wohnungen der Vertriebenen. Auch der Hiddenseer Inselkönig Gerhart Hauptmann, der belegt durch Tagebucheintragungen seiner Frau die Nähe zu Nazigrößen pflegte, bekommt hier sein Fett weg. Zudem sei er eingebildet, sagt eine über hundertjährige Hiddenseerin. „Damit erreicht man hier nichts.“

Das ist eine der wenigen Hidenseer Stimmen aus dem nichtkulturellen Bereich. Anscheinend hat die Regisseurin keine weiteren gefunden. Wenn man an als Urlauber aufmerksam über die Insel fährt, kann man sie schon sehen. Die Kindergärtnerinnen, Lehrer, Kutsch- und Busfahrer, die Leute, die die Waren mit Elektrokarren von A nach B transportieren oder an den Häfen arbeiten. Ihre Meinung hätte interessiert. Dafür bekommen wir die Schauspielerin Barbara Schnitzler, Tochter der DDR-Schauspieldiva Inge Keller und des bekannten DDR-Journalisten Karl-Eduard Schnitzler, und ihre Tochter die BE-Schauspielerin Pauline Knof in einem kleinen Familien-Portrait zu sehen. Man munkelte zu DDR-Zeiten, dass Inge Keller auf Hiddensee mit Staatskredit ein Haus bauen durfte, da sie den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns im Jahr 1976 nicht unterschrieben hatte.

Da ist man dann beim Thema Künstler und politischer Opportunismus, das auch an der Person von Gret Palucca durchgespielt wird, die 1936 zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin tanzte. Absolut nicht angepasst waren die Musiker der Punkband Feeling B, die in den 1980er Jahren den Freiraum der Insel für wilde Konzerte nutzten. Der von Lutz Seiler in seinem Hiddensee-Roman Kruso verewigte Bandleader Aljoscha Rompe ist auf dem Inselfriedhof begraben. Das ehemalige Bandmitglied Christian „Flake“ Lorenz (heute bei Rammstein) schrieb die Filmmusik für Hiddensee. Der Film zeigt hier einige historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen und porträtiert auch die langjährige Inselfotografin Ilse Ebel (1912–2007). Als zusätzliches künstlerisches Element gibt es immer wieder Spielszenen mit historischen Figuren wie Hauptmann, Asta Nilson oder Ringelnatz als Marionetten des Hiddenseer Puppenspielers Karl Huck. Das alles zeigt ein durchaus stimmiges Bild der Inselgeschichte, die doch immer für jeden, der eine Beziehung zu Hiddensee hat, auch eine ganz persönliche ist. „Diese Insel, die ist mit sich selbst beschäftigt“, sagt der Pastor und verlässt am Ende Hiddensee, um für eine gewisse Zeit nach Manhattan zu gehen, die Insel auf der anderen Seite des Ozeans, deren Umrisse denen von Hiddensee gleichen sollen. Aber auch er ist zurückgekehrt.



Hiddensee | (C) Weltkino Filmverleih

Stefan Bock - 27. August 2026
ID 16006
Weitere Infos siehe auch: https://weltkino.de/filme/hiddensee


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