Gut erfunden
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Bewertung:
Der neueste Dokumentarfilm der beiden Regisseure Benjamin Rost & Erec Brehmer rollt einen der größten Medienskandale der neunziger Jahre noch einmal auf, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist – wenn sich Fernsehzuschauer*innen denn überhaupt noch daran erinnern können. Ich gebe zu, auch ich hatte nur noch eine sehr vage Vorstellung von dem Fall, der einst die Gemüter stark erregte. Basierend auf neu gedrehten Interviews, Archivmaterial und vor allem bisher nicht gezeigten Originalaufnahmen aus dem Privatbesitz Michael Borns nähern sich Rost & Brehmer der widersprüchlichen und zerrissenen Persönlichkeit Michael Borns an, des dreisten Fälschers von Fernsehreportagen der deutschen TV-Geschichte. Zu Hilfe kam den beiden Filmemachern der letzte enge Freund des verstorbenen Reporters, Roland Berger (keine Verbindung zum Unternehmensberater), der ihnen die Videobänder mit Borns Ursprungsaufnahmen und TV-Berichten zur weiteren Verwendung auslieh.
Der Film schildert nach einer Einleitung, der an den Justizprozess gegen Born erinnert, dass dieser keineswegs von Anfang an Berichte gefälscht hat. Born hatte sich zu Beginn seiner Journalistenkarriere damit Respekt verschafft, auch in Krisen- und Kriegsregionen zu reisen, die die meisten Fernsehreporter als zu gefährlich mieden. Die Belieferung von Nachrichtensendungen der Privatsender wurde ein lukratives Geschäft – nur fehlten den Redakteuren manchmal spektakuläre Bilder von Leid und Tod, über das Born in die Kameras sprach. So entschied er sich nach einer Weile, schockierende Elendsbilder doch zu verwenden oder gar selber zu inszenieren. Bald schon reiste Born nicht mehr ins Ausland, sondern erfand Aufreger-Geschichten, die sich vermeintlich irgendwo in Deutschland abspielten: Geheimtreffen eines Ablegers des amerikanischen Ku-Klux-Klans; Übungsgefechte ausländischer Islamisten; Jäger, die ausgerissene Hauskatzen erlegen; die angebliche Wunderwirkung von Krötenhaut.
Borns Berichte bedienten wie später die gefälschten Artikel von Claas Relotius im SPIEGEL und anderen Publikationen den Wunsch nach reißerischen bzw. heiklen und pikanten Informationen, die bei Bewegtbild-Medien auch schon Jahre, bevor das Internet ein Massenmedium wurde, für Quoten sorgten. Zwar musste sich neben Born auch der damalige Moderator und Chefredakteur von Stern-TV, Günther Jauch, sich vor Gericht rechtfertigen, aber die Redaktion und der Sender als Ganzes kamen glipflich davon. Denn Fake-News unter die Leute zu bringen, ist nicht strafbar, solange Menschen oder juristische Personen nicht geschädigt werden oder messbare Streitwerte entstehen.
Warum der Skandal seit nunmehr fast dreißig Jahren keinen Widerhall mehr auslöste, mag darin begründet sein, dass die Zeit darüber hinweggegangen ist. Aber Benjamin Rost & Erec Brehmer verweisen sehr zu Recht auf die Aktualität der teils verheerenden Wirkungen von gefälschten Bildern, die sehr viel raffinierter sind als Borns seinerzeit aus der Hüfte gedrehten TV-Clips und die als Prompts von Künstlicher Intelligenz demnächst massenhaft verbreitet werden. Die Regisseure hatten ursprünglich vor, die Verbindung zwischen dem marktschreierischen (Privat-)Fernsehen der frühen 90er Jahre mit der aktuellen Entwicklung bei KI noch stärker hervorzuheben, zumal ihnen zu Beginn der Filmarbeit gutes Bildmaterial fehlte so wie einst Born, wenn er im Schnittraum seine Reportagen anfertigte. Doch nachdem sie Borns Videokassetten erhalten hatten, begnügten sie sich mit einer Szene, in der der 2019 verstorbene Born quasi aus dem Reich der Toten spricht und selber die Verbindung zu KI zieht – eine inhaltlich gerechtfertigte und gleichermaßen gespenstische wie aufschlussreiche Szene.
Die Jury, die den bereits mehrfach preisgekrönten Film beim letzten Festival im schwäbischen Biberach als besten Dokumentarfilm des Wettbewerbs prämierte, sagte: „Auf unterhaltsame Weise sensibilisieren sie uns - Medienmacher und Macherinnen und das Publikum gleichermaßen- bleibt wachsam.“
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Born to Fake | (C) Across Nations Filmverleih
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Max-Peter Heyne - 30. Mai 2026 ID 15883
Weitere Infos siehe auch: https://www.borntofake.tv
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