Der Mann, der
einfach nicht
schweigen kann
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Bewertung:
Die Ausbürgerung des Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann im Jahr 1976 löste ein Beben aus und schlug nicht nur im geteilten Deutschland hohe Wellen, sie wurde auch international diskutiert. Nach elf Jahren Berufsverbot in der DDR hatte Biermann nach Köln reisen dürfen, wo er ein umjubeltes Konzert gegeben hatte. Drei Tage später erfolgte der Donnerschlag. Weil Biermann ein überzeugter Kommunist war, traf ihn das besonders hart. Er hatte seine DDR reformieren wollen und wollte trotz erheblicher Repressalien dort bleiben. Doch die überfälligen Reformen blieben aus, während sich das Ereignis auf die Künstler und intellektuelle Elite der DDR auswirkte. Das wird von einigen als Anfang vom Ende interpretiert, denn 13 Jahre später fiel die Mauer, was im Rahmen der Zeitgeschichte ein Wimpernschlag ist, von einer entwurzelten Person durchaus anders empfunden werden kann...
In den fast 90 Jahren seines bewegten Lebens hat Wolf Biermann nicht nur viele persönliche Höhen und Tiefen durchschritten, er ist auch Zeitzeuge der Umbrüche während des Dritten Reichs, der DDR und der BRD - vor und nach der Wiedervereinigung - gewesen, die er in unterschiedlicher Form auch persönlich und teils öffentlich zu spüren bekam. Der Dokumentarfilmer Jens Meurer hat in Biermann – Warte nicht auf bessre Zeiten versucht, sich dem Phänomen in Rückblicken und mit aktuellen Gesprächen anzunähern:
"Was für eine Gelegenheit, mit zwei faszinierenden deutschen Persönlichkeiten zugleich zu arbeiten: dem jungen und dem alten Biermann. Dem Sechseinhalbjährigen, der Bombenkrieg und Holocaust überlebte. Und dem Hochbetagten, der uns bis heute vorlebt, was Haltung bedeutet... Vor mir lag die Aufgabe, der Essenz der beiden Biermanns nahezukommen – nicht nur dem Zeitzeugen, sondern dem Künstler, Musiker, Liedermacher, Bürger, Staatsfeind, Sohn, Vater, Mann: ohne den eingefahrenen Biermann-Erzählungen von links wie rechts nachzulaufen. Dies ist kein Ost-Film, sondern die Begegnung mit einem langen, großen deutsch-deutschen Leben."
Jens Meurer hat sich als Dokumentarfilmer schon öfter mit komplexen Persönlichkeiten und Themen auseinandergesetzt, wie z. B. 2022 mit An Impossible Project oder 2023 Seaside Special, die er in einen historischen Kontext und die Gegenwartslage einbettete. Nun stand er vor der nahezu unlösbaren Aufgabe, aus einer ungeheuren Fülle an Dokumentarmaterial Schwerpunkte auszuwählen. Allein die Staatssicherheit der ehemaligen DDR hat Unmengen über Biermann zusammengetragen. Das Drehbuch schrieb Meurer zusammen mit dem Autor und Historiker Dirk Kämper sowie Biermanns Ehefrau Pamela Biermann und sie halten sich grob an die Chronologie der Ereignisse und fügen Interviews mit Prominenten und Wegbegleitern hinzu. Die Dokumentation enthält auch Leerstellen: So wird über die Jahre im Exil und auch über sein Privatleben sehr wenig berichtet. Er ist das dritte Mal verheiratet und hat zehn Sprösslinge.
Biermann wurde 1936 als Sohn von zwei glühenden Kommunisten in Hamburg zu Beginn des Dritten Reiches geboren. Sein Vater war Widerstandskämpfer und wurde inhaftiert. Er war nicht nur Regimegegner, sondern auch Jude, und im Jahr 1943 in Auschwitz getötet worden. Um so leidenschaftlicher glaubten seine Witwe und sein Sohn an den Kommunismus. Sie erlebten 1943 in Hamburg die „Operation Gomorrha“, den verheerenden Feuersturm durch das Flächenbombardement der Alliierten, und überlebten. "Das Wasser hat gebrannt", erinnert sich Biermann, (die Alliierten hatten u. a. Phosphorbomben eingesetzt). - Nach diesen schrecklichen Erfahrungen zog Biermann mit 16 Jahren auf eigenes Bestreben in die DDR, um dort den Kommunismus mit aufzubauen. Er ging dort zur Schule, und arbeitete später eine Zeit lang als Regieassistent am Brecht-Theater Berliner Ensemble. Die Theaterstücke, an denen auch er teils mitwirkte, wurden häufiger verboten und er etablierte sich als Liedermacher. Seine Liedtexte wurden mit Misstrauen beäugt, bis er mit einem langjährigen Berufsverbot belegt wurde. Es ist ihm damals wie heute nicht gegeben zu schweigen, wodurch er auch immer wieder aneckt.
Mit der Ausbürgerung Biermanns im Jahr 1976 hatte das DDR-Regime seine totalitären Züge selbst entlarvt und viele – darunter Künstler und Intellektuelle – fielen vom Glauben an Reformen ab. Biermanns „Waffe“ waren Worte und seine Gitarre, die er heute noch ständig mit sich herumträgt. Auch mit der zunehmenden Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Verfolgung von – gewaltfreien - Kritikern trug das DDR-Regime zu seinem eigenen Untergang bei. Biermanns Ausbürgerung erinnerte zu sehr an eine Praxis aus dem Dritten Reich, die zur NS-Zeit auch Bertolt Brecht und Helene Weigel ereilt hatte. Biermann war sein einst glückseliger Kinderglauben an den Kommunismus abhanden gekommen. Der Staat hatte eine Richtung eingeschlagen, die er (und eine wachsende Anzahl von DDR-Bürgern) nicht mehr mittragen konnten. Biermann bereut seine alten Überzeugungen eher nicht, aber er sagt: "Ich hatte den Mut, mich zu ändern und zu korrigieren." Auch darin zeigt er Haltung. Nach der Wende sagte er zu ostdeutschen Journalisten:
"Die meisten von euch sind ja wie Heimkinder, die in einem Erziehungsheim daran gewöhnt waren, dass jeden Tag der Fraß auf den Tisch kommt, über den man schimpft. Aber sich um sich selbst zu kümmern, verantwortlich zu sein, für sich selbst und dann auch für die Gesellschaft, das sind alles Tugenden, die die Menschen in diesem System nicht gelernt haben."
Jens Meurer ist es gelungen, die bedeutendsten Handlungen und Wandlungen Biermanns auf eindrückliche und teils unterhaltsame Weise zu inszenieren. Der mitteilsame Barde weiß sich durchaus darzustellen. Darunter aber verbirgt sich ein couragierter, kluger, einfühlsamer und möglicherweise tieftrauriger Mensch, der kurz vor seinem 90. Geburtstag steht und - salopp formuliert - noch immer nicht „die Klappe“ halten kann.
Auszug aus seinem Kultlied Ermutigung von 1968:
"Wir woll'n es nicht verschweigen
in dieser Schweigezeit!
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir woll’n das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid."
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Biermann heute und Biermann damals – Wolf Biermann vor dem Foto für das Plattencover Warte nicht auf beßre Zeiten in Wandgröße als Teil der Ausstellung über sein Leben im Deutschen Historischen Museum in Berlin | (C) Majestic/ Sebastian Ganschow, Bernd Fischer, (C) Foto im Hintergrund Roger Melis
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Helga Fitzner - 29. Oktober 2026 ID 16116
Weitere Infos siehe auch: https://www.majestic.de/biermann/
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