Gelebte
Wiedergutmachung
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Bewertung:
Er wollte nie wieder nach Deutschland zurückkehren. Albrecht Weinberg wurde im Jahr 1925 im ostfriesischen Rhauderfehn, Kreis Leer, geboren, als Jude diskriminiert und später in mehreren Konzentrationslagern untergebracht. Es ist ein Wunder, dass er überlebt hat. Nach dem Krieg emigrierte er mit seiner Schwester Friedel in die USA. Die beiden waren die einzigen Überlebenden ihrer Familie und blieben ein Leben lang zusammen, ohne je zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. 40 Jahre später widmeten sich die ostfriesischen Städte Rhauderfehn und Leer aktiv der Aufarbeitung ihrer Geschichte und luden Überlebende des Holocausts zu mehrtägigen Gedenkveranstaltungen ein. Seitdem kamen die Weinbergs bei entsprechenden Anlässen gelegentlich nach Deutschland, aber an Heimkehr war nicht zu denken.
Doch dann kam es anders: Friedel erlitt im Jahr 2012 einen Schlaganfall, und Albrecht war dabei zu erblinden. Sie waren auf Hilfe angewiesen, und diese kam aus Leer, wo ihnen Heimplätze angeboten wurden. Dort lernten sie die Altenpflegerin Gerda Dänekas kennen, und hier beginnt eine wundersame Geschichte, die von den Filmemachern Güner Yasemin Balci & Jesco Denzel in deren Dokumentation Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf erzählt wird.
Gerda Dänekas hatte sich schnell mit dem Geschwisterpaar angefreundet; und als Friedel im Sterben lag, ging sie nach Dienstschluss nicht nach Hause, sondern blieb mit Albrecht am Sterbebett. Nachdem Friedel für immer eingeschlafen war, betete Albrecht das jüdische Trauergebet Kaddisch und Gerda das Vaterunser. Das war der Beginn einer sehr innigen Freundschaft. Auch als Gerda pensioniert wurde, besuchte sie Albrecht regelmäßig bis zu dem Tag, an dem sie das aufgrund der Lockdowns nicht mehr durfte. Gerda war es als Altenpflegerin klar, dass sie einen traumatisierten Menschen wie Albrecht nicht vor sich hindämmern lassen konnte, also holte sie ihn zu sich.
Albrecht Weinberg (gestorben im Mai 2026) war so eine Art Maskottchen für die Leeraner, eine regelrechte Celebrity, und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen aus erster Hand über das Erlebte in den Konzentrationslagern zu informieren. Es wurde ein Gymnasium auf seinen Namen umbenannt, und es gibt herzerwärmende Szenen mit den Schülern. Mit stoischer Ruhe ließ er Fotos der Tätowierung seiner KZ-Nummer und Selfies mit den Kindern über sich ergehen: ein hundertjähriger Zeitzeuge zum Anfassen und Umarmen. Es ist verwunderlich, dass er nach den Torturen den Menschen so zugewandt war und trotz seines Alters an etlichen Veranstaltungen teilnahm. Und Gerda kurvte ihn unverdrossen im Rollstuhl von Ort zu Ort.
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Die Filmemacher haben hervorragendes Dokumentarfilmmaterial aus Rhauderfehn und Leer gefunden, das das Leben in den 1930er Jahren illustriert. Auf Filme aus den Konzentrationslagern und über die Todesmärsche verzichteten sie aber ganz. Albrechts Schilderungen sind ungeschönt, schockierend und öfter aus dem Off zu hören, während die Kamera Bilder von den heutigen Gedenkstätten der Lager einfängt, darunter Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen. Über dem ganzen Film schwebt die Frage, wie das geschehen konnte und warum Menschen das zugelassen haben: Nun, das Feindbild mit dem Judenhass war systematisch geschürt und abweichende Weltsichten konsequent verfolgt worden. Kontrastiert wird das mit Bildern, wie Albrecht verwöhnt wird und z.B. an seinem 100. Geburtstag gefeiert und ständig rechts und links auf die Wange geküsst wird.
Albrecht konnte aber auch stur sein. Ein pensionierter Pfarrer wollte ihn treffen und war auf Versöhnung aus. Er war in der Hitlerjugend und später in der Wehrmacht und fühlte sich schuldig. Albrecht hatte aber nicht vor, ihm so eine Art Absolution zu erteilen. Als Gerda vermittelnd eingriff, kam es dann doch zu einem halbherzigen Händedruck.
Bei aller Versöhnlichkeit war es Albrecht wichtig gegen das Vergessen zu kämpfen, und er gehörte mit 100 Jahren zu den letzten Zeitzeugen. In Ostfriesland gibt es mehrere Initiativen, die sich aktiv dafür einsetzen. Der Untertitel Es ist immer in meinem Kopf suggeriert schon, dass sich solche Erfahrungen auch gar nicht löschen lassen. Es gibt Verbrechen, die so unsäglich sind, dass man sie nicht verstehen kann. Die Dokumentation gibt einen guten Einblick in die Art und die Notwendigkeit der Aufarbeitung, die die Ostfriesen beispielhaft betreiben.
Nachgedanken
Der Film kreist um die Frage, wie das geschehen konnte. Da er das Porträt einer Einzelperson und seiner Gefährtin ist, ging er auf die Geschichte mit dem Pfarrer nur am Rande ein, und das ist auch stringent und richtig. Die Forschung hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten mit dem Dilemma der Kriegskinder sowie der transgenerationalen Weitergabe von Kriegstraumatisierungen beschäftigt und die Bezeichnung "vergessene Generation" für sie geprägt. Sie waren jung und schuldlos und trotzdem der Stigmatisierung ausgesetzt.
Als Albrecht und seine Familie drangsaliert und später deportiert wurden, war der Pfarrer selbst noch Kind bzw. Jugendlicher. Die weit verbreitete schwarze Pädagogik, die die Kinder auf Disziplin und Gehorsam abrichtete, wurde flächendeckend seit Einführung der Schulpflicht während der Kaiserzeit durchgesetzt - teilweise mit drakonischen Prügelstrafen. An Aufmucken war nicht zu denken. Und es ist eine Binsenweisheit, dass Angst gefügig macht. Da ist es ein gutes Zeichen, dass der Pfarrer seine Mitläuferschaft thematisiert, aber Albrecht ist als Opfer nicht derjenige, der ihn exkulpieren könnte. Selbstvergebung ist aber ein gangbarer Weg, der wiederum den Raum für einen konstruktiveren Umgang mit den Geschehnissen öffnen kann. Es ist nicht jedem Menschen gegeben, dass er die Schmach der kollektiven Schuld annimmt und ihr so beherzt und liebevoll etwas entgegensetzt wie die bemerkenswerte Gerda Dänekas.
Es gab "Flüsterwitze", die per Gesetz mit der Todesstrafe geahndet werden konnten, dazu gehörte das Gebet:
"Lieber Gott mach mich stumm
Daß ich nicht nach Dachau kumm
Lieber Gott mach mich taub
Daß ich nicht am Radio schraub
Lieber Gott mach mich blind
Daß ich alles herrlich find
Bin ich taub und stumm und blind
Bin ich Adolfs liebstes Kind"
(Urheber unbekannt)
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Albrecht Weinberg und Gerda Dänekas sind ein Herz und eine Seele | © Mindjazz Pictures
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Helga Fitzner - 10. September 2026 ID 16033
https://mindjazz-pictures.de/filme/albrecht-weinberg/
Post an Helga Fitzner
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