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Besprechung


„Darwin’s Nightmare - Darwins Alptraum“

(Österreich, Frankreich, Belgien 2004)

Regie: Hubert Sauper
Starttermin: 17.03.2005

Dem Militär und der Polizei im afrikanischen Tansania sind die seltsamen Fremden ein Dorn im Auge. Der österreichische Regisseur Hubert Sauper und sein einziger Mitarbeiter Sandor sehen während der Dreharbeiten fast genauso viel von Polizeistationen und örtlichen Gefängnissen wie von der Landschaft, denn sie werden von der Polizei immer wieder verhört und eingesperrt. Was die Polizisten nicht wissen: Hier wird eine Dokumentation gedreht, die ihre europäischen Zuschauer mit Erschütterung zurücklassen wird. Der Film schildert Zustände, in denen Charles Darwins Theorie vom Überleben des Stärksten ins Alptraumhafte gesteigert ist.


Tansania: Die Wiege der Menschheit. In einer märchenhaften Landschaft liegt der größte See Afrikas, der Viktoriasee. Im Hintergrund erheben sich schneebedeckte Vulkane. Die grüne Landschaft beherbergt jene Tierwelt, die Touristen an Ostafrika so fasziniert. Der Viktoriasee ist die jetzige Heimat des „Viktoriabarsches“, einer Fischart, die auf kaum einer europäischen Fischtheke mehr fehlt. Der Barsch ist ein großer Exporterfolg und wird von der Europäischen Union subventioniert, da die Fischindustrie Arbeitsplätze schafft und damit der Armut entgegenwirken soll. Die Rechnung ist aber nur bedingt aufgegangen. Was den wohlmeinenden EU-Kommissaren verborgen blieb, hat Hubert Sauper mit der Kamera eingefangen. Während mitunter mehr Fisch gefangen wird, als sich in Europa absetzen lässt, hungern und sterben die Menschen rund um den See. Was geschieht da?



Rückblick: In den 50er war der Viktoriasee wegen seiner Artenvielfalt noch ein El Dorado für Evolutionsbiologen. Doch dann wurde ein Experiment begonnen, das sich zu einer ökologischen Katastrophe entwickelte. Der Nilbarsch, eine dort nicht heimische Fischart, wurde ausgesetzt. Der Nilbarsch, heutzutage fälschlicherweise als Viktoriabarsch bezeichnet, ist ein Raubfisch, der fast den gesamten Artenreichtum an Fischbeständen ausrottete und sich heute weitgehend von seinen eigenen Artgenossen ernährt. Durch ihn hat sich auch das Ökosystem des Sees verändert, das 68.800 qkm große Gewässer gerät aus dem ökologischen Gleichgewicht und wird in rund 10 Jahren völlig zerstört sein. Doch auch außerhalb des Wassers hat sich eine „kannibalische“ Gesellschaft entwickelt, in der die Kleinen von den Großen „gefressen“ wird.
Heute ist für die meisten Afrikaner, die um den See herum leben, die Fischindustrie kein Segen. Die Fischer leben in Armut. In der Stadt Mwanza gibt es viele Straßenkinder, einige davon sind AIDS-Waisen. Junge Frauen arbeiten als Prostituierte. „Die können aber nichts dafür“, verteidigen die Fischer sie. „Wenn die Männer gestorben sind, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig“. Und so verbreiten die Frauen und Männer die HIV-Infektion immer weiter. Medizinische Versorgung oder Schmerzmittel gibt es für sie nicht.

Einzig in der Fischfabrik geht es sauber und hygienisch zu. Dort werden die Fische filetiert und für den europäischen Markt vorbereitet. Die EU überwacht die Einhaltung der Standards. Vor den Toren der Fabrik aber spielen sich ganz andere Szenen ab. Die Abfälle der Fischfilets, das sind die Köpfe mit dem Skelett daran, werden unverpackt auf Lastwagen geworfen, ins Umland transportiert und zu Geld gemacht. Die hungernden Afrikaner müssen für die verschmutzten Abfälle, die zum Teil schon von Maden befallen sind, auch noch bezahlen. Wegen der Hungersnot werden schon Nahrungsmittel nach Tansania eingeflogen. Die Hilfsorganisationen haben Alarm geschlagen. Doch eine dauerhafte Lösung ist das leider nicht. Über umfassende strukturelle Veränderungen denken weder die EU, die Weltbank noch die Hilfsorganisationen wirklich nach. Das zeigt der Film sehr deutlich. Dabei ist irgendwie keiner wirklich schuld oder böse.



Sauper hat sich im Film auf die neutrale Position des Hinschauens zurückgezogen. Seine eigene Meinung hat er sich natürlich schon gebildet: „Wo immer in einer relativ armen Gegend ein wertvoller Rohstoff entdeckt wird, gehen die Menschen im Umfeld des neuen Reichtums elend zugrunde. Ihre Söhne werden zu Wächtern und Soldaten, ihre Töchter zu Dienerinnen und Huren.“

Sauper hat aber noch genauer hingeschaut. Die Piloten, die auf dem Rückweg den Fisch mitnehmen, kommen nicht mit leeren Flugzeugen. Auf dem Hinweg transportieren sie Waffen und Kriegsmaterial für Bürgerkriegsländer. Der Fischtransport ist nur ein kleiner Nebenverdienst für die Hintermänner, und ein nettes Alibi. So werden Lebens-Mittel und todbringende Mittel mit den selben Maschinen überbracht. Eine Antwort auf die sich daraus ergebenden Fragen kann Sauper nicht geben, aber sein Resümee ist niederschmetternd:„’Darwins Alptraum’ könnte ich in Sierra Leone erzählen, nur wäre der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria oder Irak schwarzes Öl. Die meisten von uns kennen die destruktiven Mechanismen unserer Zeit, und doch können wir sie nicht richtig begreifen. Es ist sehr schwer, das, was man weiß, auch glauben und wahrlich verstehen zu können.“ Vielleicht können die mutigen Menschen, die für die sehr ehrlichen und intimen Interviews zur Verfügung standen, die Herzen des Publikums erobern und wenigstens ein tiefergreifendes Bewusstsein für die Problematik schaffen. Sauper zeigt mit diesem Film still, aber eindringlich die globalen Zusammenhänge auf. Afrika mit seinen tödlichen Krankheiten, den Hungersnöten und Bürgerkriegen ist nicht irgendwo weit weg. Mit dem „Viktoriabarsch“ hat es Einkehr in unsere eigenen Küchen gefunden.


Helga Fitzner, 16. März 2005
ID 1744
„Darwins’s Nightmare“ hat 2004 schon eine ganze Reihe von internationalen Preisen eingeheimst:
Europäischer Filmpreis
„Label Europa Cinema“-Preis, Venedig
Wiener Filmpreis
NFB Documentary Award, Montreal
Bester Film, Dokumentarfilmfestival Kopenhagen
Grand Prix, Festival de Film d’Environnement, Paris
und es werden sicher noch viele folgen.

Weitere Infos siehe auch: http://www.arsenalfilm.de/darwin/index2.html






 

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