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COLOGNE CONFERENCE 2014

Abschlussbericht



Mit der Komödie Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss (ab 13. November in den Kinos) von Florian Mischa Böder eröffnete die 24. Cologne Conference am 5. Oktober 2014 ihre Pforten. Hier treffen sich alljährlich die Medienschaffenden zum Schauen und zum Austausch, und auch das Publikum kann die Trends des internationalen Fernsehens und Kinos mitverfolgen. Die Komödie um einen offiziellen Auftragskiller der EU, der allerdings seit acht Jahren arbeitslos ist, macht sich u.a. über die Verwaltungsstrukturen der EU lustig. Die 31 Programme aus 16 Ländern liefen teilweise parallel, deswegen können hier nur einige exemplarisch besprochen werden.

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Die Kinofilme

Unter den gezeigten Kinofilmen waren Weltklasseproduktionen, darunter Winterschlaf (ab 11. Dezember in den Kinos) des türkischen Autorenfilmers Nuri Bilge Ceylan, der für diesen Film in diesem Jahr die Goldene Palme in Cannes erhielt. In der kargen, aber faszinierenden Höhlenlandschaft Kappadokiens im Osten der Türkei sind die Menschen im Winter weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten, die privaten und gesellschaftlichen Konflikte werden durch die Einsamkeit geschürt und von Nuri Bilge Ceylan und seiner Co-Autorin Ebru Ceylan in präzisen, klarsichtigen, teilweise sogar witzigen Dialogen festgehalten und nehmen manchmal Tschechowsche Ausmaße an. - Mit Zwei Tage, eine Nacht (ab 30. Oktober in den Kinos) ist den belgischen Brüdern Jean-Pierre & Luc Dardenne) ein stilles, sehr einfaches, aber unter die Haut gehendes Sozialdrama gelungen. Die Arbeiterin Sandra (Marion Cotillard) hatte Depressionen und geht nach ihrer Genesung wieder zur Arbeit. Der Arbeitgeber hat die Belegschaft aber abstimmen lassen, ob die lieber weiterhin Überstunden macht und eine Prämie von 1000 € kassieren will oder ob Sandra bleiben soll. Die Belegschaft hat sich gegen sie entschieden. Es soll aber in zwei Tagen eine nochmalige Abstimmung erfolgen, so dass Sandra zwei Tage und eine Nacht bleiben, die Belegschaft zu überzeugen, dass sie ihren dringend benötigten Job behalten kann. In kleinen, alltäglichen und unspektakulären Szenen zeichnen die Dardenne-Brüder die Zersetzungsprozesse nach, die die heutigen Arbeitsbedingungen verursachen, und haben einen Film geschaffen, der wegen seines Wiedererkennungswertes unter die Haut geht. - Auch Höhere Gewalt (ab 20. November in den Kinos) handelt von einem Ereignis, das schleichend Beziehungen beeinflusst und zu zerstören droht. Tomas (Johannes Bah Kuhnke) ist mit seiner Familie im Skiurlaub. Als eine Lawine auf sie zurast, ergreift er die Flucht und lässt seine Frau und seine Kinder zurück. Die Lawine richtet keine großen sichtbaren Schäden, aber die Beziehung der Eheleute und Kinder wird auf harte Proben gestellt.



Zwei Tage, eine Nacht: Sandra (Marion Cotillard) kämpft um ihre Existenz © Christine Plenus, Alamode Film


Die Dokumentarfilme

Der Anteil an Dokumentarfilmen ist laut der Direktorin der Cologne Conference, Martina Richter, rückläufig, die Qualität der ausgewählten Filme ist aber respektabel. Ein bildästhetischer Hochgenuss ist Johannes Holzhausens Das große Museum (ab 16. Oktober in den Kinos) über den Alltagsbetrieb im Kunsthistorischen Museum in Wien. Ob es das Auspacken und Aufstellen von Exponaten ist, Pressekonferenzen, Führungen, Mitarbeitergespräche oder die Renovierung einer der Hallen, die Bilder sind immer selbsterklärend und gewähren einen Einblick in das Museumsgetriebe, das den nächsten Museumsbesuch sicher erhellen wird. Es gibt keinen Kommentar. - Ebenso ist das bei Der Anständige (seit 18. September in den Kinos) der israelischen Regisseurin Vanessa Lapa. Heinrich Himmler gehörte während des Dritten Reiches zu den Hauptverantwortlichen der Massenermordung von Juden, Roma, Homosexuellen, Regimegegnern, Kriegsgefangenen und vielen mehr. US-Soldaten hatten nach dem Krieg die Korrespondenz Himmlers beschlagnahmt, die die Regisseurin Lapa jetzt auswertete. Der mitunter herzliche, oft auch banale Briefwechsel mit seiner Frau und seiner Tochter wird manchmal illustriert, manchmal aber auch mit Dokumentaraufnahmen von Kriegsverbrechen kontrastiert. Lapa verzichtet auf jeglichen Kommentar und lässt die Bilder für sich sprechen, während Tobias Moretti und Sophie Rois die Briefe von Heinrich und Magda Himmler verlesen. Die Auswahl an Archivaufnahmen von der Kaiserzeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ist beeindruckend.



Das große Museum von Johannes Holzhausen © Realfiction


Die Fernsehfilme

Die US-amerikanische und britische Konkurrenz war groß, aber auch deutsche Produktionen konnten im internationalen Vergleich mithalten. Für Altersglühen (am 12. November in der ARD) sind gleich 13 gestandene Mimen zu einem Speed Dating für Senioren angetreten. Es gab kein Drehbuch, nur ein paar Vorgaben über die zu spielende Figur, so dass die Schauspieler auf ihr Improvisationstalent angewiesen waren und auch aus dem Erfahrungsschatz ihrer Berufstätigkeit und ihres eigenen Lebens schöpfen mussten. Ein erbaulicher Film mit herrlichen Darstellern, wie Michael Gwisdek, Senta Berger, Angela Winkler, Mario Adorf, Matthias Habich und anderen. Auch in Besondere Schwere der Schuld (am 1. November in der ARD) wurde nicht mit großen Namen gespart. Götz George spielt einen Verbrecher, der nach 30 Jahren aus der Haft entlassen wird und seltsame Dinge unternimmt. Erst in den letzten Minuten des Films wird seine Motivation aufgelöst und selbst für ihn gibt es eine Überraschung. Die Spannung durch die intensive Darstellung lag vor allem an der Undurchsichtigkeit des Skripts. Götz George sagte nach der Vorstellung des Films, dass er die Handlung nicht vollständig verstanden hätte: „Wir Komödianten sind simpler gestrickt, als Sie meinen“, behauptete er. „Ich habe einen Menschen gespielt, dem die Seele abhanden gekommen ist, für eine Weile. Ich wollte die Figur nicht entschlüsseln.“ Auch Hannelore Elsner enträtselt ihre Rolle nicht vollständig und sagte, dass sie sie instinktiv gespielt habe. „Ich weiß allerdings nicht, wie das, was ich empfinde, auf der Leinwand wirkt. Das ist die Aufgabe des Lichts, der Kamera und der Regie“, sagte die gut aufgelegte Hannelore Elsner, die den Film an dem Abend das erste Mal gesehen hatte.



Götz George, Hannelore Elsner und die Filmschaffenden von Eine besondere Schwere der Schuld © Cologne Conference


Fernsehserien

Die Briten waren mit etlichen Produktionen vertreten, darunter die schwarze Komödie Babylon, in dem Regisseur Danny Boyle die öffentliche Überwachung und die Polizeigewalt in Großbritannien aufs Korn nimmt. Es ist nicht nur der Staat, der überwacht, im Internet kursieren Videos von Polizeigewalt, die den Verantwortlichen zu schaffen macht, weil auch sie unter Beobachtung stehen. In dem ganzen Chaos sollen dann auch noch Mordfälle gelöst werden. Auch The Fall handelt von der Polizeiarbeit, allerdings in Belfast. Der Mörder steht von Anfang an fest, Regisseur Allan Cubitt wirft in diesem Psychothriller einen sezierenden Blick hinter die alltägliche Fassade. Zu The Honourable Woman kann man nicht viel sagen. Es wurde nur die erste Folge gezeigt, aber da es sich um das Thema Nahost handelt, ist das viel zu komplex, um schon eine Aussage treffen zu können. Kameraführung und Darstellung sind hervorragend. Ob die „ehrbare Frau“ im Titel, gespielt von Maggie Gyllenhall, tatsächlich so ehrenhaft ist, wie sie scheint, kann man in dieser vielschichtigen politischen Gemengelage nicht voraussagen. - Die US-Amerikaner warteten u.a. mit der 13-teiligen Serie Extant auf, einem Sci-Fi-Thriller mit Halle Berry in der Hauptrolle. Steven Spielberg fungiert als ausführender Produzent und hat die Serie in Spielfilmqualität gedreht. Sie gilt als Paradebeispiel für die „neue“ Art seriellen Erzählens mit komplexen Drehbüchern und hohem Standard.


Der Große History Day

In diesem Jahr war ein ganzer Tag der Geschichte gewidmet. 2014 hat mehrere bedeutende historische Jahrestage: 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkriegs, 75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkriegs und 25 Jahre Fall der Mauer. Julia Esperance von Eurodata TV Worldwide hatte als Research Managerin ein paar Daten bereit. Die meisten Geschichtssendungen stammen von öffentlich-rechtlichen Sendern. 93 Prozent davon sind Dokumentationen. Mit über 250 Sendungen zwischen 2011 und 2014 liegt Großbritannien weit vorn an der internationalen Spitze. Die Macharten sind sehr unterschiedlich. Der Klassiker sind kommentierte Archivaufnahmen, seit längerer Zeit werden immer häufiger historische Ereignisse in Form von inszenierten Spielszenen gezeigt. Digitale Bearbeitungen und Animationen werden immer beliebter, auch die nachträgliche Farbbearbeitung von schwarz-weißem Ursprungsmaterial hat sich als erfolgreich erwiesen. Zwar liegt die Weltgeschichte immer noch vorn, es gibt aber immer mehr Sendungen, die sich mit örtlicher Geschichte beschäftigen. Was geschah in meiner Wohngegend oder in deren Nähe?

Jörg Schönenborn, der Fernsehdirektor des WDR, stellte die Frage, warum wir gerade jetzt gutes Geschichtsfernsehen brauchen. Er moderiert den Presseclub in der ARD, und es wird deutlicher denn je, dass sich Kriegssituationen zugespitzt haben. „Journalisten und Experten haben oft keine Erklärungen mehr“, berichtet Schönenborn, „deshalb sollten historische Formate ihren Platz behalten und sich inhaltlich wie formal weiterentwickeln. Die aktuelle politische Entwicklung ist nicht zu verstehen ohne die Neuordnung von Staaten nach dem Ersten Weltkrieg. Das ist einer der Gründe, warum die Welt aus den Angeln geraten ist. In Osteuropa, zum Beispiel, hat es nicht wie im Norden und Westen Europas, feste Nationalstaaten gegeben. Geschichtsfernsehen kann Aufschluss darüber geben. Nur wenn wir die Vergangenheit kennen, können wir Lehren aus ihr ziehen.“ Schönenborn will sich dafür einsetzen, dass das Fernsehen weiterhin Raum für historische Reflexion bietet und seine Analysekraft behält. Er sprach von journalistischer Verantwortung, mit der eine glaubwürdige Einordnung und Deutung zu erfolgen habe.

Christoph Krachten, Präsident des Mediakraft Networks, Köln, erzählte von einem sensationellen Projekt. Seine Firma hat 85.000 historische Wochenschauen von British Pathe aus London für Youtube aufbereitet, die von 1902 bis 1970 internationale Wochenschauen für das Kino drehten. Diese sollen jetzt für „ewig“ auf Youtube bleiben und es gibt sogar ein Format für die Beantwortung von Zuschauerfragen. „Es ist auch geeignet für informationshungrige Jugendliche und wir erreichen Schüler, die das im Unterricht durchnehmen“, meinte Krachten. Seit dem 28. Juni 2014 und bis 2018 wird man den Verlauf des Ersten Weltkriegs chronologisch mitverfolgen können. Das Ganze wird von Krachten moderiert und aufpoliert mit Rubriken, wie „Was geht ab?“ und „Backgroundcheck“.


Die Preisträger

Lars von Trier kam wegen des ihm selbst auferlegten Sprechverbots nicht zum Werkstattgespräch, während der Preisverleihung bedankte er sich aber doch für den diesjährigen Filmpreis Köln.

Martina Gedeck erhielt den international actors award.cologne. Heute berühmt und international gefragt, war sie in ihren Anfängen betrübt über die kleinen Rollen, die sie bekam. „Ich konnte meine Lust zu spielen gar nicht zeigen“, sagte sie. Doch dann stellte sie sich eine Geschichte für ihre kleinen Rollen vor und baute für sich eine innere Verbindung zu ihnen auf. „Ich hatte den inneren Impuls, meine Figuren mit wirklichem Leben anzureichern. Der Mensch hat immer etwas Verletzliches. Das macht ihn aus. Ich habe es nicht geschafft, dieses Verletzbare nicht zu zeigen“, erzählte sie. „Wenn ich eine Rolle spiele, bringe ich das ein und bin auch bereit, einen Anteil von mir selbst zu geben.“ Mit dieser Art der Schauspielerei hat sie sehr viel Erfolg. Bis heute hält sie auch kleine Rollen hoch und achtet bei der Rollenwahl darauf, dass man auch etwas dabei entdecken kann. „Langeweile ist ein ganz guter Seismograf“, meinte sie.

Bertrand Tavernier freute sich über den TV-Spielfilmpreis. Der versierte Allround-Regisseur erzählte von seinem Antrieb, dass er Emotionen mit anderen teilen will. Seine Inspirationen hole er sich nicht nur von anderen Filmemachern, sondern von überall her. In seinem neuen Film, der Komödie Quai d'Orsay – Hinter den Kulissen der Macht, nimmt er die Politik aufs Korn. „Die sind wahnsinnig, chaotisch, ein Haufen von Verrückten“, erklärte er, und liegt damit gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt. Er betonte allerdings auch, dass er keinen Film über Figuren machen könne, die er nicht leiden mag.

Tom Tykwer ist der diesjährige Kandidat für den Hollywood-Reporter-Award. Er wollte von Anfang an Weltkarriere machen, hat sich früh von Vorbildern losgesagt, weil er nicht ähnlich sein wollte wie jemand anders. Regisseur Rosa von Praunheim war es, der ihn auf seine eigene Exzentrik aufmerksam machte, die er bis dahin nicht wahrgenommen hatte. „Ich habe mich getraut, persönliche Filme zu drehen und mich verletzbar zu machen“, meinte er, „dann werden die Filme interessant und vielleicht auch Kunst“. Derzeit dreht Tom Tykwer fürs Fernsehen. Er führt die Regie in zwei Folgen der neuen Netflix-Serie Sense8. Die Veränderungen auf dem Fernsehmarkt mit Serien, die Erzählstrukturen über mehrere Folgen, sogar Staffeln haben und die in immer aufwändigere Qualitätsproduktionen münden, findet er aufregend: „Inhaltlich finde ich das 'neue' Fernsehen genial. Es ist historisch, was da passiert. Da will ich mit dabei sein.“ Allerdings beklagte er den Zeitdruck, unter dem die Dreharbeiten stehen, bei denen wochenlange 18-Stunden-Tage keine Seltenheit sind. Er nahm die Erfolgsserie Breaking Bad als Beispiel. Die hätten milliardenschwere Finanziers im Hintergrund und trotzdem unter wahnsinnigem Druck arbeiten müssen. Tykwer bedauerte, dass sich Filmschaffende immer wieder diesem Druck beugen würden und deshalb keine Besserung bewirkt werden könne.

Auch in diesem Jahr hat die Cologne Conference die aktuellen Film- und Fernsehtrends in einem umfangreichen und anspruchsvollen Programm gezeigt, von dem wir hier nur einen Bruchteil vorstellen konnten.


Helga Fitzner - 14. Oktober 2014
ID 8164
Weitere Infos siehe auch: http://www.cologne-conference.de


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