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Mr. Jones



Nicht ausschließlich, aber doch sehr oft liefert die Wirklichkeit die besten Vorlagen für Drehbücher, und noch immer gibt es historisch verbürgte Ereignisse und Skandale, die nicht verfilmt wurden. Im diesjährigen Berlinale-Wettbewerbsprogramm finden sich gleich mehrere Filme mit dramatischen Storys, die auf Tatsachen beruhen, darunter die polnisch-britisch-ukrainische Koproduktion Mr. Jones der renommierten Regisseurin Agnieszka Holland (geb. 1948 in Warschau). Spätestens seit der deutschen Koproduktion Hitlerjunge Salomon (1990) hat sich Holland um die Aufarbeitung früherer politischer Ungerechtigkeiten und Verbrechen und deren Auswirkungen auf individuelle Schicksale verdient gemacht. In ihrem neuesten Werk setzt sie einem der mutigsten Journalisten des 20. Jahrhunderts ein Denkmal: Gareth Jones (1905–1935).

Jones war neben seiner journalistischen Tätigkeit außenpolitischer Berater für den ehemaligen britischen Premierminister David Lloyd George von den Liberalen und einer der wenigen Korrespondenten, die vor dessen Amtsantritt Adolf Hitler interviewt hatten. Zu dieser Zeit herrschte bekanntermaßen auch Josef Stalin mit diktatorischer Willkür und Gewalt über eine europäische Großmacht, hatte aber als vermeintlicher Kämpfer für die gerechte, sozialistische Sache sowohl in der Sowjetunion als auch im Ausland viele Bewunderer und Fürsprecher auf seiner Seite. Gareth Jones war angesichts der ständigen Jubelnachrichten über die Ergebnisse von Stalins 5-Jahres-Plänen skeptisch und reiste 1933 auf eigene Faust nach Moskau – in der vagen Hoffnung, aufgrund seiner Kontakte auch Stalin interviewen zu können.

Agnieszka Hollands Film nach einem Drehbuch von Andrea Chalupa folgt der Chronologie der Ereignisse bzw. den Stationen von Jones‘ Reise, die den ebenso naiven wie hartnäckigen Journalisten vom abgeschotteten Moskau ins Herz der Ukraine führt. Dort erlebt Jones, der seinen Aufpasser vom Politbüro abschüttelt, wie die durch die Zwangskollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe ausgelöste Hungersnot bereits ganze Dörfer und Landstriche entvölkert hat. Die Regisseurin findet hier eindringliche, blass-grau ausgewaschene Bilder vom Leiden der hungernden Bevölkerung, die in einem äußerst scharfen Kontrast zu der zuvor geschilderten Situation in den Moskauer Hotels steht, wo die quasi unter Quarantäne stehenden Journalisten mit Wein, Huren und Koks bei Laune gehalten werden.

Chalupa und Holland sparen nicht an makabren Details, die auf Jones‘ Schilderungen basieren, der Augenzeuge einer der größten Menschheitstragödien wurde, um dessen Ausmaß und Bewertung bis heute unter Historikern gestritten wird. War es ein absichtliches Töten durch Verhungern-Lassen, mit dessen Hilfe Stalin und das Politbüro den Widerstand gegen die Kollektivierung in der Ukraine zu brechen hofften, oder basierte die Hungersnot überwiegend auf Missernten? Bei wohlmöglich über 13 Millionen Toten ist es zumindest eine Tatsache, dass die positiven Meldungen von offizieller sowjetischer Seite nichts als Lügen und Propaganda waren. Im letzten Drittel des Films geht es daher um Gareth Jones‘ unbedingten Anspruch, unbequeme Wahrheiten auch dann zu verkünden, wenn es für ihn selbst und andere eine Gefahr sein kann.

Tatsächlich hatten Jones und andere Stalin-kritische Reporter (die im Film nicht vorkommen) einen einflussreichen Gegenspieler: den US-Journalisten und Pulitzer-Preisträger Walter Duranty, der die Auswirkungen von Stalins Landwirtschaftspolitik stets herunterspielte. Im Film wird er von Peter Sarsgaard als einen schmierigen Nutznießer verkörpert, der Teil des durch und durch korrupten Systems der Moskauer Politelite geworden ist.

Der bescheidene, aufrichtige Held Mr. Jones wird glaubwürdig von James Norton gespielt, dem man seine Wut und Verzweiflung über die Vertuschungen auf diplomatischer Ebene und unter Kollegen durchaus abnimmt, auch wenn das psychologische Profil der Figur etwas schärfer hätte ausfallen sollen. Gareth Jones musste wegen des politischen Drucks in seine walisische Heimat zurückkehren, von wo aus er es aber schaffte, weiterhin kritische Artikel über die Stalin-Politik zu veröffentlichen. Wie im Film zu sehen, war dabei ausgerechnet der auflagengeile Zeitungsherausgeber William Randolph Hearst sein Komplize. Jones war ständigen Vorwürfen und Nachstellungen ausgesetzt. Sein tragischer, bis heute ungeklärter Tod 1935 in dem damals von Japan besetzten Teil der Mandschurei wird im Film nur im Epilog erwähnt.

*

Immerhin ist der Film auch ohne dies deutlich über zwei Stunden lang, und es gibt einige Szenen, die nicht ganz so lang hätten sein müssen bzw. auf die man hätte verzichten können. Wenngleich es natürlich interessant ist, dass Jones’ Begegnung mit dem jungen George Orwell diesen zu seinem berühmtesten Roman, Die Farm der Tiere (1945), angeregt haben soll. Mit der Thematisierung der Verbreitung von Fake News durch Regierende, der Manipulation durch willfährige Trolle und Hetzer und des Kampfes um Glaubwürdigkeit und Integrität von Journalisten verfügt der handwerklich herausragende Film über eine hohe Zahl an aktuellen Bezügen. Und er erinnert an einen Verfechter von Aufklärung im besten Sinne des Wortes, der seine Stimme den Opfern von Gewalt und Ungerechtigkeit lieh. Ungerecht auch, würde hier nicht wenigstens ein Silberbär vergeben.


Bewertung:    



Mr. Jones | (C) Robert Palka Filmproduktion

Max-Peter Heyne - 15. Februar 2019
ID 11222
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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