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Marighella



Nach Mr. Jones lief zum Ende des Hauptprogramms der Berlinale – wenn auch außerhalb der Teilnahme um den Goldenen und die Silbernen Bären – ein weiterer beeindruckender Film über eine historische Tragödie, die bei uns im befriedeten Mitteleuropa nur wenigen im Bewusstsein ist. Die Titelfigur Marighella war der 1911 geborene Sohn sudanesischer Sklaven, ein Schriftsteller und sozialistischer Politiker, der nach dem Militärputsch in Brasilien 1964 Anführer einer linksrevolutionären Widerstands- bzw. Terrorgruppe wurde. Der Film des Regisseurs und Ko-Autors Wagner Moura ist ein sehr dynamischer Räuber-und-Gendarm-Thriller, der dem 1969 in einem Hinterhalt der Polizei erschossenen Marighella ein filmisches Denkmal setzt.

Von Anfang an drückt Moura aufs Tempo: Einblendungen vermitteln die wichtigsten Fakten über den Putsch gegen die frei gewählte Regierung in Brasilien in 1964, der sich eine Welle an Repressionen, Zensur und Gewalt anschloss. Dann ist das Publikum auch schon mittendrin in einem Raubüberfall, bei dem eine Gruppe sozialistischer Rebellen Waffen aus einem Zug erbeutet. Weitere Überfälle und auch schiere Terrorakte – bevorzugt gegen Putschisten-freundliche US-amerikanische Personen und Einrichtungen – folgen. Wir lernen die relativ kleine Rebellengruppe, der sich auch mehrere Frauen angeschlossen haben, kennen, erleben die stetige Radikalisierung und das Sich-Hochschaukeln von Gewalt und Gegengewalt. Dass die gruppeninternen Konflikte nicht stärker aufbrechen, liegt an dem charismatischen Anführer Marighella, der sich an den Revolutionskollegen Fidel Castro, Ché Guevara, Sandino und Zapata orientiert und dessen Bücher-Pamphlete auch in Europa Anklang finden (bei Sartre natürlich).

Der, wenn man so sagen darf, actiongeladene Film war zweifellos der dynamischste des gesamten Wettbewerbs und erinnert in seinem teils gehetzten Tonfall auch an den brasilianischen Gewinnerfilm von 2008, Tropa de Elite, einem Polizeithriller, in dem Wagner Moura die Hauptrolle spielte. So gut es Moura und seinem Ko-Autoren Felipe Braga gelingt, die zahlreichen Nebenfiguren durch Miniaturen plastisch und glaubwürdig werden zu lassen, desto verbrauchter erscheinen ihre erzählerischen Ansätze: Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Rebellen und Militärs bzw. Polizei folgt den altbekannten Pfaden vieler Politthriller und Hetzjagd-Filmen. Der unbeirrte Held ist seinen Häschern eine Zeit lang immer einen Schritt voraus, muss aber erleben, dass unbedingte Entschlossenheit, technische Tricks und Versteckspielen nicht verhindern kann, dass die Terrorgruppe – von Marighella selbst als solche bezeichnet – dezimiert wird.

Marighella gilt als Staatsfeind Nummer eins, was seine Gegner dazu bringt, jede Hemmung fallen zu lassen. Zum Ende häuft Moura Gewalt- und Folterszenen auf, die nicht alle Zuschauer bzw. Zuschauerinnen erträglich oder legitim fanden. Zum konventionellen Repertoire solcher Thriller gehört auch die hemmungslose Menschenjagd, die hier durch den krypto-faschistischen Inspektor Lúcio (Bruno Gagliasso) verantwortet wird. Mit den Hosenträgern und der hochgesteckten Frisur erinnert Lúcio fatal an Mickey Rourke als unbestechlichen Anti-Mafia-Kämpfer im Polizeithriller Im Jahr des Drachen (1985).

Blut, Schweiß und Tränen verspricht Marighella zu Beginn seinen Anhängern, was er einhält. Wagner Moura bietet darüber hinaus auch etwas Humor, einen großartigen Hauptdarsteller (Seu Horge) mit kräftiger Präsenz und eine Abrechnung mit der teils unaufgearbeiteten Vergangenheit Brasiliens – dessen Schicksalsjahre von Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre sich mit dem Wahlsieg des Ex-Militärs Jair Bolsonaro zu wiederholen drohen.

Bewertung:    



Marighella | (C) O2 Filmes

Max-Peter Heyne - 16. Februar 2019
ID 11225
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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