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12. achtung berlin - new berlin film award | 13. - 20. 4. 2016

Fazit (2)

Genrefilme



Auch zwei vorab schon viel gelobte Genrefilme im Spielfilm-Wettbewerb des 12. achtung berlin-Filmfestivals haben ungewöhnliche Frauenfiguren im Fokus.

Da wäre zunächst der Langspielfilm Der Nachtmahr des Regisseurs und bildenden Künstlers Achim Bornhak (Das wilde Leben), der nun neu unter dem Pseudonym AKIZ firmiert. Ohne Förderung mit nur 80.000 Euro Budget und eigener Produktionsfirma OOO-Films hat er einen kleinen Horrorfilm inszeniert, der sich ähnlich der absurden Groteske Der Bunker von Nikias Chryssos nicht ins übliche Schema pressen lässt. Regisseur AKIZ spielt dabei mit vielerlei kunsthistorischen Anleihen und filmischen Vorbildern, die vom Maler Johann Füssli, von dessen Gemälde Der Nachtmahr sich der Film den Titel leiht, über die Psychoanalyse von Sigmund Freud bis zu Filmregisseuren der Neuzeit wie Steven Spielberg oder David Lynch reichen. Der 1969 geborene AKIZ ist da ganz Kind der 1980er und 90er Jahre, was sich auch in seinem Fabel für Street-Art und Techno-Musik zeigt. Als echter Gimmick ist die Ex-Bassistin der Kult-Band Sonic Youth Kim Gordon als Englischlehrerin besetzt, in deren Unterricht Gedichte des düsteren Romantikers William Blake gelesen werden.

Durchaus zeitgemäß ist aber die eigentliche Story des Films, bei der die 17jährige Tina (Carolyn Genzkow) mit ihren Freundinnen von einer schrillen, wummernden Techno-Party zur nächsten zieht. Der Film arbeitet mit ordentlich Stroboskoplicht und binauralen Beats, die sich stimulierend aufs Hirn legen sollen. Das ist schon echt Hardcore. Es machen Selfies und skurrile Handy-Videos die Runde, Alkohol wird konsumiert und so manch andere Substanz. Das allein wäre schon genug für eine handfeste Psychose. Die wachsende Paranoia der jungen Filmheldin hat aber einen ganz realen Grund, den zunächst nur sie selbst sehen kann und deswegen von den hilflosen Eltern (Julia Jenkins und Arnd Klawitter) zum Psychologen geschickt und von ihrer Clique für verrückt erklärt wird.

Der titelgebende Nachtmahr, der sich in der heimischen Küche und Tinas Kinderzimmer zu schaffen macht, ist ein gnomartiges Wesen zwischen ET und einer Missgeburt in Spiritus aus der Anatomischen Sammlung. AKIZ hat es schon vor der ersten Filmidee modelliert und die Geschichte drum herum nach und nach entworfen. Tina muss nun zum Psychologen (Alexander Scheer), der ihr Tabletten verschreibt und rät die Kreatur in ihren vermeintlichen Albträumen doch einfach anzusprechen oder zu berühren. Der handfeste Beweis der Echtheit zeigt sich dann in Handlungen, die der Nachtmahr vollzieht und die sich wie Selbstverletzungen am Körper Tinas manifestieren.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine geistige, fast symbiotische Beziehung. Regisseur AKIZ verarbeitet im Film eigene Nahtoterfahrungen, Teenagerprobleme wie Liebeskummer, Bulimie oder ungewollte Schwangerschaften genauso wie psychologische Projektionen des Unterbewusstseins. Damit hält er den nach Erklärungen suchenden Zuschauer geschickt in einer dauerhaften Spannung. Echt skurril wird es nochmal, wenn der von der Polizei eingefangene Nachtmahr tatsächlich wie ET im Krankenhaus an Drähten hängt. Neben Horrorfilm und Psychothriller ist Der Nachtmahr aber auch eine ganz klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich die Protagonistin von ihren Ängsten löst und lernt zu sich selbst und ihrem Körper zu stehen.

Der Film hat auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFk) erhalten und startet bereits am 26. Mai in den deutschen Kinos.

Bewertung:    



Der Nachtmahr | (C) achtung berlin


*

Bereits mit einem First Step Award für den Kameramann Johannes Waltermann ging der Diplomfilm After Spring Comes Fall von Daniel Carsenty in den Spielfilmwettbewerb. Nun ist noch der Preis für die Beste Produktion beim achtung berlin-Filmfestival hinzugekommen. Während die Dokumentation Research Refugees Kommentare zur allgemeinen Lage von Flüchtenden in Europa abgibt, behandelt Carsentys Film einen ganz konkreten Fall von Flucht und Verfolgung, bei dem der syrische Bürgerkrieg die vor ihm geflohene Mina (Halima Ilter) in Deutschland wieder einholt. Auch Carsenty begann zunächst einen Dokumentarfilm über einen geflüchteten Syrer in Deutschland zu drehen, der vom syrischen Geheimdienst bedrängt wurde. Um seinen Protagonisten zu schützen, hat sich der Regisseur entschlossen, die recherchierten Fakten zu fiktionalisieren.

Es beginnt in Damaskus (wofür im Film ein Set in Potsdam-Babelsberg gebaut wurde) mit einer leidenschaftlichen Romanze zwischen Mina und ihrem Geliebten Khaled (Murad Seven), die abrupt durch Schüsse eines Snipers unterbrochen wird. Mina flüchtet nach Berlin und muss Khaled in einem Krankenhaus in Damaskus zurücklassen. Hier lebt sie illegal allein in einem Kreuzberger Apartment. Die Kamera beobachtet sie lange beim Weg zur Arbeit in einer Wäscherei, beim Telefonieren mit dem Geliebten und beim Geldschicken nach Daheim. Mina ist einsam und hat das Gefühl verfolgt zu werden. Die Paranoia ist nicht unbegründet, denn eines Morgens sitzen drei Männer vom syrischen Geheimdienst an ihrem Bett. Sie haben den Weg des Geldes verfolgt.

Mina wird nun mit Drohungen und Foltermethoden zur Mitarbeit für den Geheimdienst in Berlin gezwungen. Sie gibt sich als Journalistin aus und interviewt den syrischen Oppositionellen Mansour (Asad Schwarz), der Professor an der Humboldt-Uni ist und wiederum Beziehungen zu anderen Oppositionellen unterhält. Mina begleite ihn auf Demos und macht Fotos. Ihr Führungsoffizier Abbas (Tamer Yigit) und seine Männer sind zynische Befehlsempfänger, die einfach ihren Job machen, um das marode Assad-Regime am Leben zu halten, an das sie selbst kaum noch glauben. Nicht nur die Schergen, auch die Beamten in der Flüchtlingsaufnahmestelle, in die Mina kurz nach einem Zusammenbruch eingeliefert wird, oder der Schichtleiter der Wäscherei, der sie kurzerhand feuert, überall wo Mina hinkommt, handeln alle mit blankem Zynismus und Gleichgültigkeit.

Daniel Carsenty zeigt ein graues, unwirtliches Berlin, wie man es seit den 1980er Jahren in kleinen, dreckigen Agentenfilmchen wie Der Westen leuchtet! nicht mehr gesehen hat. Der kalte Krieg, der auch autoritäre Systeme wie das syrische geschaffen und gestützt hat, wirkt nun zurück bis in unsere freie Welt, die für die aus den Krisengebieten vor den Restriktionen Geflüchteten wieder zur Falle wird. Der Film schwankt zwischen Agententhriller und persönlichem Martyrium einer Frau, die aus Angst um ihre Liebe handelt und keinen Ausweg aus der Gewaltspirale sieht. Das ist sicher nicht so spektakulär gefilmt wie die gerade im deutschen TV laufende Berlin-Staffel von Homeland, aber ein trauriger Film Noir unserer Tage mit düster-jazzigen Klängen, glaubhaft inszeniert und gut gespielt.

Bewertung:    



After Spring Comes Fall | (C) Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf

Stefan Bock - 22. April 2016 (2)
ID 9268
Weitere Infos siehe auch: http://www.achtungberlin.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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