Rabbi Löw und
sein Mann
aus Lehm
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Bewertung:
Zwei Mal im Lauf der Filmgeschichte stand der deutsche Film ganz oben auf der Liste der bedeutendsten Kunstwerke, dort, wo traditionell die Russen, die Franzosen, die Italiener und, modifiziert, die Amerikaner ihre Stammplätze hatten: In der Stummfilmepoche mit den vom Expressionismus beeinflussten Meisterwerken und in den sechziger Jahren, als eine ganze Riege von Ausnahmetalenten den Beweis antrat, dass Opas Kino tot ist.
Zu den Höhepunkten der ersten Kategorie zählt nach übereinstimmender Meinung der Fachleute Der Golem, wie er in die Welt kam von Paul Wegener und Henrik Galeen aus dem Jahr 1920. Auf die Fachleute muss man sich schon deshalb berufen, weil der Stummfilm heute nicht mehr zu den allgemein bekannten und bewahrenswerten Kulturgütern gerechnet wird. Zu Unrecht. Denn er war nicht nur der technisch unvollkommene Vorläufer des Tonfilms, sondern eine Kunstform mit ganz eigener Sprache, eigenen Formen und eigener Geschichte. Zum Tonfilm verhält er sich wie der Golem zur Künstlichen Intelligenz.
Denn die zurzeit ermüdend inflationär thematisierte KI steht zwar, wie der Golem, in der langen Reihe von Modellen der Humanoiden und Roboter von den Automatenmenschen der Romantik über Entwürfe der Science-Fiction in Literatur und Film bis hin eben zum Computer und zur KI. Diese aber wird nur selten mit dem Golem in Zusammenhang gebracht.
Aus den gleichen Gründen erfährt die bewundernswerte Arbeit der Edition Filmmuseum nicht annähernd jene Beachtung, die sie mit ihren aufwendigen Recherchen und Restaurierungen verdiente. Würden sich all jene, die sich für Kinoliebhaber halten, für den Stummfilm interessieren wie Autofans für Oldtimer, sähe das anders aus. Die EDITION FILMMUSEUM – und ich möchte an dieser Stelle meiner Begeisterung keine Zurückhaltung auferlegen – ist eins der seltenen Musterbeispiele für eine Wissenschaftspraxis, für eine Symbiose von Investigation und Handwerk, die nicht nach billigem Lorbeer schielt und den Erfolgswert nicht an Quoten bemisst.
Jetzt hat sie als Folge 128 ihrer DVD-Reihe die bisher vollständigste und am penibelsten bearbeitete Version des Filmklassikers auf den Markt gebracht. Neben der neunzigminütigen Fassung – wenigstens erwähnt werden soll der große Ernst Deutsch in der Rolle des Famulus des Rabbiners und der Kameramann Karl Freund – enthält die Doppel-DVD eine fünfundzwanzigminütige Rekonstruktion des Vorläufers von 1914, eine Inhaltsangabe von Der Golem und die Tänzerin, von dem nur ein paar Fotos vorhanden sind, ein Gespräch von Stefan Drössler mit dem blitzgescheiten Alexander Kluge, wenn nicht über Gott und die Welt, so immerhin über Habermas und den Homunkulus, und, neben zusätzlichen Dokumentationen, den Film Der vergessene Filmkomponist: Hans Landsberger von 2024, den man als sensationell bezeichnen muss, wenn es um die Vermittlung von so gut wie verlorener Geschichte geht. Denn Hans Landsberger, der nur vier Filmmusiken komponiert hat, ehe er verstummte, ist einer der, wie die Interviewpartner überzeugend argumentieren, zu Unrecht vergessenen Exilanten. Mag sein, dass dieser 71-Minuten-Film die Zuschauer überfordert, denen die musikwissenschaftlichen Kenntnisse fehlen: was er über Probleme und Details der Filmmusik erzählt, ist über das Beispiel des Golem hinaus spannend und eindrucksvoll.
Nebenbei: Der Golem ist unter anderem ein Stück der gern beschworenen jüdischen Kultur, das jüdische Gegenstück zu Mary Shelleys Frankenstein. Der Film handelt, neben dem symbolistisch verschlüsselten Subtext, den Alexander Kluge herausarbeitet, von nicht mehr und nicht weniger als der Rettung der Juden vor ihrer Vertreibung und von den wundertätigen Kräften eines Rabbis. Seine Bewahrung ist nicht weniger wichtig als der Neubau einer zerstörten Synagoge oder einer Kirche.
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Thomas Rothschild – 24. Oktober 2026 ID 16111
Post an Dr. Thomas Rothschild
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