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DVD-Doppelkritik

On the

road



Bewertung:    



Als Wim Wenders die Kino-Landschaft betrat, bestand keineswegs Einigkeit im Urteil über den Altersgenossen von Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog. Es war eine kleine Zahl von Kritikern, allen voran Wolfram Schütte von der Frankfurter Rundschau, die die Bedeutung der visionären Ästhetik der Filme von Wenders frühzeitig erkannten. In ihnen wurde zugleich mit der Action-Fixierung des amerikanischen Mainstreams und mit der Intellektualität des nur wenig älteren Alexander Kluge gebrochen. Wer nach Verwandtschaften sucht, findet sie eher bei dem Russen Andrej Tarkowski oder, in der Vergangenheit, bei Robert Bresson. Sie verbindet die Langsamkeit, die lange Einstellung, der Minimalismus der Dialoge, die Handlungsarmut. Auf-, Ab- und Wischblende, die damals schon als altmodisch galten, strukturieren das Geschehen.

Mittlerweile weiß, wer sich für das Kino als Kunst interessiert, dass Wim Wenders einer der Größten im deutschen Film ist, in einem Atem zu nennen mit Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang oder Max Ophüls. Er war ein Kind der 68er-Revolte und der Pop-Kultur und zugleich ein eigensinniger Abweichler von dogmatischen Übereinkünften. Es ist dieser Eigensinn, dieser eminent cinéastische Verstand, was die Filme von Wim Wenders vor dem Altern schützte. Sie nehmen vieles vorweg, was im Artfilm von Jarmusch bis Sokurow zum Alltag gehört, was freilich vor einem von Hollywood konditionierten Publikum verborgen geblieben ist. In Im Lauf der Zeit heißt es: „Die Amis haben unser Unterbewusstsein kolonialisiert.“

*

Jetzt bringt STUDIOCANAL die Filme von Wim Wenders digital remastered erneut als DVDs auf den Markt. So auch Im Lauf der Zeit von 1976, mit dem Wenders erstmals größere Aufmerksamkeit erregt hat.

Unvergesslich die zweite, durch den Vorspann vom Anfang getrennte Sequenz, in der ein Mann im VW mit Vollgas in die Elbe rast. Wie diese Pointe vorbereitet wird, wie ein perfektes Timing und die Parallelmontage Spannung aus dem Nichts erzeugen, das ist ein Kabinettstück der Filmgeschichte. Unvergleichlich ist die morbide Poesie, mit der Wenders die Tristesse der verödeten Landschaft entlang der so genannten „Zonengrenze“ einfängt, an der der Filmvorführer Bruno zusammen mit der Zufallsbegegnung Robert, genannt „Kamikaze“, in seinem Möbelwagen von Dorf zu Dorf fährt, um seinem Beruf nachzugehen.

Im Lauf der Zeit mischt Elemente verschiedener Genres: des Road-Movies, der Geschichte einer Männerfreundschaft, des Vater-Sohn-Konflikts, des Metafilms über das Kino, auch der Komödie und des Clownspiels (wie etwa in Becketts Warten auf Godot). Zwischenschnitte und Mini-Episoden holen die Welt in den engen Rahmen des „Wilden Ostens“ von Westdeutschland.

Der Film ist heute, 43 Jahre nach seiner Entstehung, ein Archiv ausgestorbener Requisiten: eines Plattenspielers, in den man die 45er-Platten einschiebt, einer Telefonzelle, einer antik anmutenden Zapfsäule, einer Rock-Ola Jukebox, einer handbetriebenen Eisenbahnschranke, alter Druckmaschinen und Setzkästen. Und er ist eine Liebeserklärung an das alte Kino wie Giuseppe Tornatores Nuovo Cinema Paradiso und Ettore Scolas Splendor. Die Musik von Improved Sound Limited nimmt Ry Cooder vorweg, mit dem Wim Wenders in Paris, Texas zusammengearbeitet hat.

Mit Rüdiger Vogler und Hanns Zischler hat Wim Wenders zwei Hauptdarsteller entdeckt, deren beiläufig salopper Stil sich wohltuend von der gestelzten Glätte jener Film-Profis unterschied, die das kommerzielle Kino beherrschten. Sie verwiesen zurück auf den italienischen Neoverismo, auf den Einsatz von Laien auch bei Fassbinder und Herzog. Sie suggerierten eine Authentizität, die in jenen Jahren auch als Bedingung der Rockmusik galt. Dazu passt, dass Wenders schwarz-weiß gefilmt hat. Die Subtilität der Grauwerte gehört zu den besonderen Qualitäten seiner frühen Filme. Einzelne Einstellungen der Kamera von Robby Müller und Martin Schäfer erinnern an die Fotos von Magnum, die in jenen Jahren, wie man heute sagen würde, „Kult“ waren.

Es gibt nur eine kleine Frauenrolle in diesem Film, fabelhaft gespielt von Lisa Kreuzer. Wenn aber ein Männerfilm gekennzeichnet ist durch Stärke, Aggressivität und Action, dann ist Im Lauf der Zeit kein Männerfilm. Es gibt nicht viele Filme, die so sensibel, so zart, so freundlich sind wie dieser. Zugegeben, die beiden Männer umarmen sich nicht in einem fort wie die Frauen in Margarethe von Trottas zwei Jahre später entstandenem Das zweite Erwachen der Christa Klages, aber das muss man, ob Mann oder Frau, nicht unbedingt als Nachteil empfinden. Empfindsamkeit drückt sich nicht allein durch Körperkontakt aus.

* *

Zwei Jahre vor Im Lauf der Zeit drehte Wim Wenders Alice in den Städten. Der Film ist weniger radikal, aber nicht weniger schön als Im Lauf der Zeit. Auch hier spielt Rüdiger Vogel die männliche Hauptrolle, und auch Lisa Kreuzer ist schon dabei. Was diesen Film aber prägt, ist ein Kind, die damals zehnjährige Yella Rottländer in der Titelrolle. Dabei vermeidet Wenders, wie Louis Malle in Zazie in der Metro, jede Sentimentalität und Putzigkeit. Mit 1 Stunde und 50 Minuten bleibt Alice in den Städten noch im zeitlichen Rahmen des üblichen Kinofilms, während Im Lauf der Zeit mit fast drei Stunden die Sehgewohnheiten ignoriert. Eingestreut sind in beiden Filmen Hits jener Jahre, deren Text mit der lockeren Handlung korrespondiert: Love In Vain von den Rolling Stones – „Well, I followed her to the station with a suitcase in my hand“ –, King of the Road, Under the Boardwalk, On the Road Again. Alice in den Städten endet mit einer Pointe, die keine Pointe ist. Wim Wenders eben. Bemerkenswert übrigens: das bekannte Poster ist eine Collage, die so im Film nicht vorkommt. Sie setzt sich zusammen aus einem symbolischen Bild des „Helden“ mit seiner Polaroid-Kamera aus der Eröffnungssequenz – „under the boardwalk“ – und einer Einstellung mit Alice.
Thomas Rothschild – 21. Januar 2019 (2)
ID 11161
Die DVD enthält die Kurzfilme Reverse Angle von 1982, Same Player Shoots Again von 1968 und Silver City Revisited von 1969, beide DVDs sind zudem mit einem Audiokommentar des Regisseurs versehen.

Links zu den beiden DVD:

Alice in den Städten

Im Lauf der Zeit


Post an Dr. Thomas Rothschild

DVD



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