BERLINALE SPECIAL
Wax & Gold
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Bewertung:
Die inzwischen 74 Jahre alte Ruth Beckermann zählt zu den bekanntesten und renommiertesten Dokumentarfilmregisseurinnen Österreichs, die auch schon oft auf der BERLINALE zu Gast war und dort zweimal Preise für ihre Werke Waldheims Walzer (2018) und Mutzenbacher (2022) gewann. Ihr neuer Film verfolgt ein interessantes Konzept, das allerdings in seiner selbstgewählten Beschränkung nicht ganz überzeugt.
Ausgehend von ihrer persönlichen Faszination aus Jugendzeiten für den legendären, äthiopischen Kaiser Haile Selassie und dessen langer, medial stark sichtbarer Regentschaft, fliegt die Filmemacherin nach Äthiopien und begibt sich auf Spurensuche: Welchen Einfluss hat das reformerische, aber auch feudal-gebieterische Wirken Selassies von 1930-35 und 1941-74 auf das heutige Äthiopien, und was bedeutet den Einwohnern der Ruf Selassies noch? Löblicherweise erinnert Beckermann anhand von aufschlussreichem Archivmaterial an interessante Fakten der Geschichte Äthiopiens, das zum Beispiel erstes Opfer eines aggressiven, neokolonialen Faschismus wurde, nämlich dem Italiens bzw. Mussolinis. Angesprochen werden auch die erfolgreichen Versuche Selassies, über Reformen und Kontakte zu europäischen Partnern den Anschluss an die Weltgemeinschaft zu halten – scheinbar ohne Groll gegenüber der Ignoranz der Briten vor dem Zweiten Weltkrieg und ohne Vorbehalte gegenüber den nach 1945 verfemten Deutschen. Dass Selassie mit der maßgeblich von ihm gegründeten Afrikanischen Union vor allem eine panafrikanische Politik verfolgte – wiederum vielen ideologischen Unterschieden der beteiligten Regierungen zum Trotz – und als Widerstandsfigur des Kolonialismus insbesondere die jamaikanische Rastafari-Bewegung inspirierte, streift Beckermann ebenfalls.
Neben diesen eingestreuten, illustrierten historischen Bezügen führt Beckermann mal mehr, mal weniger aufschlussreiche Interviews mit Angestellten und Gästen des Grandhotels Addis Abebas, unter anderem über das teils polemische Sachbuch König der Könige des polnischen Autors Ryszard Kapuściński – eine fast nur in Europa bekannte, kritische Abrechnung mit Selassies Regentschaft, der angeblich ein direkter Nachkomme des großisraelitischen Königs Salomo der Antike gewesen sei.
Die Auswahl des von Selassie in Auftrag gegebenen Hilton Hotels Addis Abebas als Schau- und Ankerplatz für eine Betrachtung äthiopischer Historie, den Blick „zwischen Vertrautem und Fremdem, Fakten und Fiktion“ ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Mit zunehmender Dauer des Films wird man als Zuschauer*in jedoch unruhig, denn es fehlt der Blick auf das, worüber in den Interviews oft gesprochen wird: die Probleme des heutigen Äthiopiens und seine gesellschaftlichen und architektonischen Transformationen. Mit der trivialen Bemerkung „zum Schluss ein Blick nach draußen“ geht Ruthe Beckermann kurz vor Ende des Films auf den Balkon des Hotelzimmers, dann durch einige Straßen und bietet schließlich doch noch eine minutenlange Fahrt quer durch Addis Abeba. Zu spät und zu flüchtig! Das wirkt nicht nur angeklatscht, sondern ist es auch.
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Wax & Gold | (C) Ruth Beckermann Filmproduktion
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Max-Peter Heyne - 18. Februar 2026 ID 15706
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de
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