WETTBEWERB
Josephine
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Bewertung:
Das amerikanische Drama Josephine – frisch mit dem Großen Preis der Jury beim renommierten Independent-Filmfestival in Sundance prämiert – war zum Ende des diesjährigen Wettbewerbs noch ein Highlight der BERLINALE. Mit dem Drehbuch hat die Autorin und Regisseurin Beth de Araújo ein Trauma aus ihrer eigenen Kindheit verarbeitet, nämlich Zeugin einer brutalen Vergewaltigung gewesen zu sein. Entsprechend ausdifferenziert, präzise und authentisch wirken die psychologischen Entwicklungs- bzw. Verarbeitungsstadien, die de Araújo ihrer jungen Hauptfigur ins Skript geschrieben hat. So ist der Film eine bedrückend realistische Studie der Angst und Hilflosigkeit gegenüber männerspezifischer Gewalt.
Mit einer raffinierten dramaturgischen Volte werden das achtjährige Mädchen Josephine (Mason Reeves) und ihr sportlicher Vater Damien (Channing Tatum) zu Beginn des Films mit ihren Charaktereigenheiten eingeführt: Der auf körperliche Fitness fokussierte Vater will seine Tochter zu Reaktionsschnelligkeit und Sportlichkeit erziehen, und da seine Tochter nicht feige erscheinen möchte, meistert sie Damiens Übungsaufgabe. Der eigentlich positive Effekt, dass die motivierte Josephine schneller als ihr Vater rennt und ihm davonläuft, kehrt ins Gegenteil, weil er sie geradewegs an den Ort des Verbrechens führt, der ihr seelisches Gleichgewicht in eine Schieflage bringt.
Damien hilft der anrückenden Polizei den flüchtigen Vergewaltiger zu fassen, sodass die Gefahr, dass auch Josephine ein Opfer werden könnte, relativ schnell ausgeräumt wird. In der Obhut des Polizeiautos und schließlich daheim bei ihren Eltern wirkt es zunächst, dass die kleine Josephine die schreckliche Situation einigermaßen überstanden hat. Doch schon bald erscheint ihr als Imagination der Straftäter, wo immer sie sich aufhält. Sie versucht herauszubekommen, was für ein Verbrechen das eigentlich war, das sie gesehen und worüber sie zuvor noch keine Begriffe gehört hat. Sie entwickelt Fluchtimpulse, empfindet keinen Spaß mehr am herkömmlichen Schulsport und neigt abwechselnd zu Desinteresse und aggressiven Impulsen.
Die Handlung lässt keinen Zweifel daran, dass das Trauma in Josephine rumort und widersprüchliche, hauptsächlich aber angstbesetzte Gefühle auslöst. Die Hilflosigkeit im Angesicht eines Verbrechens und seiner Folgen werden präzise geschildert: sie erfasst nicht nur Josephine, sondern auch zunehmend ihre Eltern. Während Mutter Claire (Gemma Chan) stets auf Rücksichtnahme setzt, versucht Vater Damien bisweilen, auch schonungslose Wahrheiten auszusprechen. Und dann ist da noch der Straftäter, der aufgrund einer Kautionszahlung in Freiheit gelangt und eine tatsächliche Bedrohung darstellt. Vor allem aber zwingt er mangels eines Geständnisses Polizei, Staatsanwaltschaft sowie Josephine und ihre Eltern dazu, einen Gerichtsprozess mit Zeugenbefragung Josephines zu absolvieren. Ein Kreuzverhör für eine Achtjährige ist unmenschlich, und mit diesen Szenen rechnet die Regisseurin mit dem amerikanischen Justizsystem ab.
De Araújo findet angemessene, unaufdringliche Ausdrucksmittel und die richtige Balance für die Schilderung der seelischen Krisen der Protagonist*innen, ohne dass Publikum mit psychologischem Vokabular zu überfordern. „Meine Eltern haben nie mit mir über diesen Morgen gesprochen, bis ich über 20 war“, wird die Filmemacherin im Magazin Variety zitiert, und gegenüber dem Branchendienst deadline sagte sie: „Vergewaltigung gilt als eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt, und dennoch ist die Strafe meiner Meinung nach nicht angemessen.“ So muss Vater Damien seiner Tochter verständlich machen, dass der Täter möglicherweise nach drei Jahren Gefängnis wieder entlassen werden könnte.
Mit der jungen Mason Reeves ist der Regisseurin ein sensationeller Glücksgriff gelungen: Sie vermag als Achtjährige viele unterschiedliche Gefühlszustände – bei viel Dialog – zu vermitteln, als sei sie ein ausgebuffter Profi. Zu hoffen bleibt, dass die Kleine durch die anspruchsvolle Rolle nicht auch Überforderungen durchleiden musste wie das Mädchen, das sie so grandios verkörpert.
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Josephine | (C) Josephine Film Holding Ltd.
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Max-Peter Heyne - 23. Februar 2026 ID 15720
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de
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