WETTBEWERB
Gelbe Briefe
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Bewertung:
Mit seinem letzten Film Das Lehrerzimmer, der 2023 im Panorama der BERLINALE lief, gewann der deutsch-türkische Regisseur İlker Çatak den Deutschen Filmpreis in fünf Kategorien u.a. als Bester Spielfilm. 2024 wurde der Film auch für den Auslands-Oscar nominiert. Nun startet Çatak mit seinem neuen Film Gelbe Briefe im diesjährigen Wettbewerb der BERLINALE. Da sind die Erwartungen naturgemäß recht hoch und wurden auch weitestgehend nicht enttäuscht.
Die deutsch-französisch-türkische Produktion ist mit komplett türkischem Cast und in türkischer Sprache gedreht worden. Als Drehorte des Films, dessen Plot eigentlich in Ankara und Istanbul spielt, hat der Regisseur aber Berlin und Hamburg ausgewählt. Eine bewusste Entscheidung, die der Geschichte eines türkischen Künstlerpaars, das aus politischen Gründen ihre Arbeit verliert, eine universale Gültigkeit geben soll. Das autoritär regierende Erdoğan-Regime in der Türkei wird hier gar nicht explizit erwähnt. Am Rande erfährt man nur von militärischen Operationen im Grenzgebiet, gegen die in den Städten demonstriert wird. Der Theaterautor und Universitätsprofessor Aziz (Tansu Biçer) hat gerade ein Theaterstück mit seiner Frau Derya (Özgü Namal) in der Hauptrolle am Staatstheater Istanbul herausgebracht. Er kritisiert darin die Regierungspolitik, worauf das Stück abgesetzt und er wegen fadenscheiniger Vergehen von der Universität suspendiert wird, was auch anderen politisch aktiven KollegInnen widerfährt. Als seine Frau gegen die Absetzung des Stückes protestiert, wird ihr ebenfalls mit dem titelgebendem Gelben Brief gekündigt. Sie darf das Theater nicht mehr betreten. Uni- und Theaterleitung sind nach politischem Druck von oben eingeknickt.
Nach einer Anklage der Staatsanwaltschaft wegen der angeblichen Beleidigung des Präsidenten droht Azis auch noch eine Gerichtsverhandlung. Die Anhörung vor dem Gericht ist erst in sieben Monaten angesetzt und erhöht dadurch zusätzlich den psychischen Druck. Nachdem das Paar auch die Wohnung, in der es mit ihrer 13jährigen Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) lebt, verliert, muss die Familie zu Aziz’ Mutter (İpek Bilgin) nach Istanbul ziehen. Die finanzielle Situation verschärft sich und zwingt Azis dazu, durch eine Vermittlung des sehr religiösen Bruders von Derya nachts Taxi zu fahren. Derya ist auch auf das Einverständnis ihres Bruders angewiesen, das gemeinsam geerbte Haus verkaufen zu können, um Geld für die Privatschule der Tochter zu bekommen. Der Film zeigt nun, wie die kleine Familie unter der Last der Ungewissheit und der Existenznot zu zerbrechen droht.
Kann Theater die Welt verändern, ist eine Frage, die sich nicht nur das Künstlerpaar im Film stellen muss. Wie weit ist man bereit, für seine Überzeugungen zu gehen und wie gefährdet ist die Demokratie und Meinungsfreiheit nicht nur in autoritär regierten Ländern? „Berlin als Ankara“, „Hamburg als Istanbul“, die Einblendungen im Film lassen keinen Zweifel, dass diese Themen auch Deutschland betreffen. Der Film irritiert immer wieder mit Inschriften wie etwa dem Schriftzug „1933“ am Mahnmal vor dem Hamburger Oberlandesgericht. Bilder von Massendemonstrationen zeigen deutlich Berliner Lokalitäten. Gedreht wurde auch im Berliner Ensemble oder dem Botanischen Instituts in Berlin-Dahlem. Eine kleine Hamburger Off-Bühne diente als Spielstätte für das Stück Gelbe Briefe, das Aziz beim Warten auf den Gerichtstermin scheibt und mit seiner Frau in der Hauptrolle aufführen will. Derya nimmt letztendlich eine Hauptrolle in einer türkischen TV-Soap an.
Über dem Streit der beiden über Opportunismus und Prinzipientreue vernachlässigen sie auch ihre pubertierende Tochter, die sich zu einem wesentlich älteren Jungen hingezogen fühlt. Hier wird der sonst um politische Themen kreisende Film nochmal sehr emotional und verdeutlicht dadurch, wie politische Repression in die Privatsphäre der Familie eingreift und zu Reaktionen zwingt. Insgesamt gelingt dem Team mit ausnahmslos starken schauspielerischen Leistungen ein eindrucksvolles Bild einer Familie im Spagat zwischen politischem Engagement und systembedingtem Rückzug ins Private. Eine Entscheidung, die am Ende relativ offenbleibt.
Der sehenswerte Film startet am 5. März in den deutschen Kinos.
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Gelbe Briefe | (C) Ella Knorz, ifProductions Alamode Film
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Stefan Bock - 18. Februar 2026 ID 15704
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de
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