PANORAMA
Enjoy Your Stay
Lady
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Enjoy Your Stay:
Sklavenarbeit ist zwar offiziell europaweit verboten, aber noch immer gibt es in vielen europäischen Ländern aufgrund eines inner- oder zwischenstaatlichen, sozialen Gefälles massenhafte Phänomene von Ausbeutung, Nötigung und Erpressung durch Firmen, die Schwarzarbeit unterstützen. Oft sind diese Phänomene bei Polizei und Behörden bekannt, werden aber allenfalls durch gelegentliche Razzien bekämpft, da diese Phänomene eigentlich eine Aufgabe der Legislative ist. Wohin allerdings eine harte Tour von Kontrollen und Abschiebungen führen kann, führt die US-Regierung gerade auf deprimierende Weise vor Augen.
Selbst in der beschaulichen Schweiz ist verdeckte Beschäftigung ein Thema, zumindest im Tourismus- und Hotelgewerbe, wo offensichtlich gezielt philippinische und andere südostasiatische Frauengruppen rekrutiert werden. So jedenfalls hat es der Schweizer Drehbuchautor und Regisseur Dominik Locher recherchiert, dessen philippinische Ko-Autorin Honeylyn Joy Alipio eigene, einschlägige Erfahrungen beisteuern konnte. Der Film illustriert das Leben der illegal in der Schweiz lebenden Asiatinnen am Beispiel der Mitdreißigerin Luz (Mercedes Cabral), die zusammen mit Kolleginnen im Luxus-Skiresort Verbier für eine Reinigungsfirma buchstäblich die Drecksarbeit erledigt. Der umtriebige Manager (Alexis Manenti) regiert die Gruppe nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche und hat Luz als Anführerin auserkoren, die in Notfällen vermittelnd eingreift und für Ruhe sorgt. Allerdings stößt auch Luz mehrfach an Grenzen, wenn zum Beispiel eine junge Kollegin von alkoholisierten Hotelgästen quasi als Nachgang zu einer aus dem Ruder laufenden Feier missbraucht und vergewaltigt wird.
Luz muss derlei Verbrechen unter den Teppich kehren und auch andere Kröten schlucken, denn sie steht unter dem Druck, daheim möglicherweise das Sorgerecht für ihren kleinen Sohn zu verlieren. Das Drehbuch konstruiert also eine Notlage, aus der die eigentlich selbstbewusste Luz kaum einen Ausweg findet, sondern im Gegenteil auch andere in ihren Schlamassel mithineinzuziehen droht.
Zwar bietet die Handlung ein ähnlich hohes Maß an Realismus, Authentizität und Tempo wie die besten sozialkritischen Filme von Altmeister Ken Loach. Doch innerhalb der hektischen, dramaturgischen Abwärtsspirale mangelt es an bedächtigeren Szenen, die auch ein höheres Maß an emotionaler Identifikation mit den Figuren erlaubt hätten. So türmt sich ein vorhersagbares Elend an das vorige, was auf die Dauer kontraproduktiv wirkt, nämlich nicht Mitleid, sondern Abstumpfung verursacht.
Bewertung:
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Enjoy Your Stay | (C) Closel Up Films
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Lady:
Für junge Frauen, die der Armut in der nigerianischen Metropole Lagos – inzwischen eine der bevölkerungsreichsten Städte des Globus – entkommen möchten, bleibt neben kriminellen Aktivitäten und Prostitution nicht viel. Die Heldin dieser flott von der nigerianisch-englischen Drehbuchautorin und Regisseurin Olive Nwosu erzählten Geschichte wird einfach nur ‚Lady‘ genannt und hat für sich einen anderen Weg gefunden: Sie ist eine der wenigen weiblichen Taxifahrerinnen im überbordenden Moloch. Um gegenüber übergriffigen Fahrgästen und arroganten Kollegen zu bestehen, bedarf es eines gerüttelten Maßes an Selbstbewusstsein und Unerschrockenheit. Mit Jessica Gabriel's Ujah hat die Filmemacherin eine großartige Schauspielerin gefunden, die man(n) die toughe Attitüde sofort abkauft.
Mit Muckis und einer aggressiven Vitalität manövriert sie sich und ihr Auto erfolgreich durch das unübersichtliche Lagos, was schließlich die Aufmerksamkeit einer früheren Freundin, Pinky (Amanda Oruh) erregt. Schnell stellt sich heraus, dass die glamourös gestylte Pinky sich prostituiert und zu einer Gruppe von Sexarbeiterinnen gehört, den Zuhälter bzw. Nachtclubbesitzer Fanta (Agu Ghineye Esthyraph) zu wohlhabender Klientel kutschieren lässt. Er hält Lady für die geeignete Frau, die bunte Schar zu chauffieren, worauf diese trotz großer Skrupel und schlechtem Gewissen insbesondere Pinky gegenüber sich schließlich auch einlässt.
Man ahnt es: Je mehr Lady in Pinkys geldgesteuerte Welt eintaucht und mit deren Abgründen konfrontiert wird, desto mehr verstärkt sich ihre Abneigung, ein Teil davon zu werden. Sie wird gezwungen, zu überlegen, womit sie ihrer Freundin eher hilft: als coole Chauffeurin oder gute Seele, die Alternativen aufzeigt.
Ein elegant inszenierter Debütfilm, der ohne Armut zu beschönigen doch ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Einblicke in das Leben einer zentralafrikanischen Metropole bietet und sich dabei – zu Recht – zum großen Teil auf die vitale Ausstrahlungskraft seiner weiblichen Hauptdarstellerin verlässt.
Bewertung:
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Lady | (C) Peter Okosun, Ossian International Ltd.
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Max-Peter Heyne - 20. Februar 2026 ID 15709
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de
Post an Max-Peter Heyne
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