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BERLINALE 2026

FORUM

Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden


Bewertung:    



"Ich habe kein Deutschland gefunden", heißt nicht nur ein Erzählband mit Texten und Fotos von Einar Schleef, der 2011 zum 50. Jahrestag des Mauerbaus und 10. Todesjahr des 1944 in Sangerhausen geborenen Theaterregisseur, Fotografen, Malers, Bühnenbildners, Schriftstellers und Dramatikers herausgekommen ist, Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden ist auch der Titel eines neuen Dokumentarfilms der Regisseurin Sandra Prechtel, der bei der diesjährigen Berlinale in der Sektion Forum zu sehen ist.

Einar Schleef ist mittlerweile 25 Jahre tot und immer noch nicht ausreichend gewürdigt. Bis auf eine große Retrospektive seines bildnerischen Schaffens 2008 in Halle an der Saale gedenkt man fast nur an dessen Geburtstag- oder Todestagen des 2001 viel zu früh gestorbenen Theaterberserkers, der mit seinen archaischen Sprechchören in den 1980er und 90er Jahren das Theater revolutionierte. Der Besuch der Schleef-Ausstellung in Halle war auch der Moment, an dem Sandra Prechtel nach eigenen Worten Feuer gefangen hat. Passend dazu Schleefs Credo zur Kunst: "Das Theater muss abends brennen." Für ihn war dabei vor allem der Akt des Sprechens der eigentliche Zündstoff. Sprache nicht nur als Mittel der Kommunikation, die dem Stotterer immer schwerfiel, sondern als physischer Vorgang. Dabei gilt für ihn die Sprache des Chors allein als wahr, während das Individuum sich verstellen müsse.

Zu Beginn des Films noch ohne Bild hören wir Schleef, der gern selbst in seinen Inszenierungen Texte vortrug, nach Ausdruck ringen. Sandra Prechtl hat im Schleef-Archiv in Berlin recherchiert und viele dieser von Schleef selbst gemachten Audioaufnahmen, mit seinen Fotos, Kontaktbögen, Super8-Filmen sowie Aufzeichnungen von Theaterproben und -aufführungen zu einem 90-minütigen Porträt Schleefs montiert. Auch Textpassagen aus seinen Tagebüchern sind zu hören. Wie die Regisseurin im Publikumsgespräch erklärte, sind diese Aufnahmen der Stimme Schleefs mit KI entstanden. Weder eine fremde Offstimme kommentiert in diesem Film, noch kommen lebende Zeitzeugen zu Wort. Zu sehen sind aber auch einige historische Momente aus Schleefs Schaffen am Theater oder seiner Teilnahme am Bachmannpreislesen in Klagenfurt, wo er den dritten Preis überreicht bekam. Aber auch ein Ausschnitt beim Auftritt in der Talkshow bei Alfred Biolek, bei dem erstmal 30 Sekunden geschwiegen wird.

Schleef eckt an, erst im Osten als er von der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee fliegt, oder Fräulein Julie, seine erste Inszenierung am BE, abgesetzt wird. Aber auch im Westen passt sich Schleef nicht an, findet das Leben hier nicht weniger unfrei als in der DDR. Ein Einzelgänger, der nur im und für das Theater lebt, zuhause unentwegt schreibt. Der Film geht vor allem auf den Roman Gertrud über seine Mutter, aber auch das gespannte Verhältnis zum Vater ein. Viel Zeit ist seinem legendären Wirken am Frankfurter Schauspielhaus in den 1980er Jahren gewidmet. Probenmitschnitte, die Mütter-Aufführung, Ablehnung durch die Kritik, Schleef sorgt für Aufregung im Theaterbetrieb des bürgerlichen Westens.

Der junge Martin Wuttke, seit der Frankfurter Zeit im Gefolge Schleefs, ist im Interview zu sehen. Später folgt er Schleef nach Berlin ans BE, wo wieder legendäre Inszenierungen wie die ebenfalls nach wenigen Aufführungen abgesetzte Uraufführung von Rolf Hochhuths Wendestück Wessis in Weimar oder Herr Puntila und sein Knecht Matti entstehen. Viel Original-Filmmaterial gibt es auch zu den Protesten gegen die Schließung des Berliner Schillertheaters, wo Schleef Goethes Faust aufführen wollte. Einige der Intendanten, die sich für den Erhalt des Theaters einsetzten, hatten Schleef zuvor entlassen. Demütigungen, die sich der Regisseur auch von der Kritikerin Iris Löffler nicht gefallen ließ, als er ihr bei der Laudatio für den 3sat-Preis beim Theatertreffen vor laufender Kamera ins Wort fiel.

Die wohl körperlichste Chorinszenierung Schleefs war 1998 die Uraufführung von Elfriede Jelineks Ein Sportstück am Wiener Burgtheater. Auch davon gibt es Ausschnitte zu sehen. 2000 inszenierte Schleef noch Verratenes Volk am Deutschen Theater Berlin. In die Inszenierung integrierte er den Nietzsche-Monolog Ecce Homo, den er selbst vortrug. Nicht mehr zustande kam eine Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück Macht nichts am Berliner Ensemble. Prechtel verwendet Schubert-Lieder wie z.B. den Wanderer aus dieser Produktion im Film, Sinnbilder der Einsamkeit Schleefs im Leben wie im deutschen Theaterbetrieb. Der sehenswerte Dokumentarfilm holt diesen Ausnahmekünstler für 90 Minuten wieder ins Rampenlicht.



Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden | Foto: Boris Klinge (C) Filmgalerie 451

Stefan Bock - 22. Februar 2026
ID 15718
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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