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Las herederas



Was weiß man schon von Paraguay? Imgrunde wenig, um zu sagen nichts. Marcelo Martinessis Film Las herederas gibt Einblick in das rigide System einer durch und durch konservativen Gesellschaft, die sich seit dem Militärputsch 2012 etabliert hat. Marcelo Martinessi geht nicht den direkten Weg, wählt stattdessen eine private Geschichte über zwei Frauen, in deren Leben sich das autoritäre Regie spiegelt. „Der Film soll Salz in die Wunde streuen.“ Das ist Regisseur Marcelo Martinessi bestens gelungen. Antworten gibt der Film nicht.

Dunkle Farben bestimmen die Atmosphäre. Durch schmale Türen gefilmt engt sich das Sichtfeld ein, entstehen Gefühle der Angst und Unsicherheit. Die Türen sind alt, knarzen, verraten den Beobachter. Der Hintergrund bleibt immer unscharf, wie unter einem Schleier verhüllt die Realität.

Umso wirkungsvoller liegt der Fokus auf den beiden Protagonistinnen, zwei älteren Frauen, die in einem altem Haus schon lange zusammenleben. Das ist ein absolutes Novum im paraguayischen Film, wo überall nur die Männer das Sagen haben.

Quiquita ist lebensfroh, unbeschwert, aber auch dominant und im wahrsten Sinne des Wortes Besitz ergreifend, in ihrem Schatten wirkt Chela, die nicht ganz gesund ist, regelmäßig Tabletten braucht, lieber zu Hause bleibt und malt, blass und unscheinbar. Schulden zwingen die beiden Frauen wertvolle Antiquitäten zu verkaufen.

Doch es geht um mehr als eine Frauenbeziehung oder Erbgeschichte. Der Titel Las herederas (dt.: Die Erbinnen), wird zur Metapher des gesellschaftlichen Erbes, das immer mehr beengt. Das Haus wird ähnlich wie bei Lorcas Bernardas Albas Haus zum Gefängnis, das Leben unberechenbar. Ganz gezielt setzt Marcello Martinessi Tratsch und Gossip als Erzählform ein. Die Worte lügen. Die Wahrheit erschließt im Schweigen, in den Blicken. Das ist die große Qualität des Films.

Quiquita muss plötzlich wegen Betrugs ins Frauengefängnis. Keiner weiß warum. Eine neue Angestellte soll Chela helfen den Alltag zu meistern und die großbürgerliche Attitüde nach außen zu wahren. Finanzielle Hilfen nimmt Chela nicht an, obwohl deutlich wird, dass sie selbst anderen immer geholfen hat. Obwohl sie keinen Führerschein hat, chauffiert sie hilfsbereit eine noch ältere Dame mit dem alten Daimler Quiquitas herum. Daraus entwickelt sich durch Mundpropaganda ein kleiner Taxi-Service. Gleichzeitig werden Chela durch die Bekanntschaft mit Angy, der emanzipierten Tochter einer Bekannten, verdrängte Lebenssehnsüchte wieder bewusst. Chela beginnt zu rauchen, trägt Sonnenbrille, kleidet sich flotter und spürt die Rückkehr der eigenen Sinnlichkeit. Der Vater nannte sie „Poupée“, Püppchen. Manches lässt sich aus heutiger Sicht dazu assoziieren.

In anderen Frauenschicksale leuchten die unterschiedlichen Facetten der Unterdrückung und Vorurteile auf. Eine Frau im Gefängnis erzählt von ihrem Mann, der sie attackierte. Statt Anteilnahme bekam sie vor Gericht zu hören, er hätte sie besser gleich umbringen sollen, da Opfer immer wieder Forderungen stellen. Einfältig und ungeschickt wird Chelas neue Hausangestellte von den Nachbarinnen eintaxiert. Dabei ist sie die einzige, die Chela durch Massagen und Umarmungen Geborgenheit vermitteln kann.

Männer spielen kaum eine Rolle, tauchen nur untreu und gewalttätig auf. Umso schlimmer ist, dass Angy, die Cesar wegen anderer Frauengeschichten verlässt, doch immer noch seinem Eros unterliegt.

Nur Chela wagt ein Neubeginn. Sie fährt einfach mit dem Auto weg, obwohl er schon so gut wie verkauft ist. Ob ihr der Start in ein neues Leben gelingt, bleibt sehr fraglich.

Wie wichtig dieser Film nicht nur für Paraguay, sondern für viele lateinamerikanische Länder ist, wurde in der Pressekonferenz deutlich. Nicht nur Chela-Darstellerin Anna Brun, erstmals vor der Kamera, verlor die Fassung, als sie bei der Welterstaufführung mit ihrer eigenen Lebensgeschichte konfrontiert wurde. Auch Ana Ivanova (Angy) kämpfte gegen die Tränen. „Es gibt in Paraguay nur ein Modell für Frauen, hübsch, verheiratet und Kinder.“ Nur Ana Brun (Quiquita), mit 50 Jahren Kinoerfahrung, wirkt von ansteckender Fröhlichkeit. Sie verkörpert Marcelo Martinessis Vision. „Zeigen, was sein könnte.“

Bewertung:    



Las herederas | (C) lababosacine

Michaela Schabel - 18. Februar 2018
ID 10527
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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