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BERLINALE 2018

WETTBEWERB | SPECIAL GALA

Unga Astrid | 3 Tage in Quiberon



Nach der Aufdeckung der massenhaften brutalen Übergriffe auf Frauen durch US-Produzent Harvey Weinstein, Regisseur Dieter Wedel und anderer Machos in der Filmszene kommt keine BERLINALE-Veranstaltung ohne ein öffentliches Bekenntnis zu mehr Anstand am Set und Gleichstellung von Frauen im Filmbusiness aus. Mehr Diversifizität – wohl weil Zungenbrecher – wird seltener genannt, aber ebenfalls angestrebt. Immerhin sind Filme von Regisseurinnen im BERLINALE-Programm keine Ausnahmen mehr. Und Filme über Frauenschicksale gibt es sogar sehr viele.

Zwei Filme in den Hauptprogrammen Wettbewerb und Special Gala, die von Frauen inszeniert wurden, handeln von ungewöhnlichen Frauen – der Schriftstellerin Astrid Lindgren und der Schauspielerin Romy Schneider –, die jede auf ihre Weise mit Talent und Beharrlichkeit zu Weltruhm kamen. Trotz günstiger Voraussetzungen mussten Lindgren (1907-2002) und Schneider (1938-1982) teilweise einen kräftezehrenden Weg beschreiten, um sich von den unerwünschten Einflüssen ihrer Umwelt zu befreien, und im Falle Romy Schneider reichten die Kräfte nicht aus, obgleich die Frauen in den 1970er Jahren gesellschaftlich schon weitaus emanzipierter waren als in den Zwanzigern, in denen Lindgren aufwuchs. Doch Schneider war eine deutlich labilere Person als Lindgren.

Beide Filme erzählen von den Problemen ein selbstbestimmtes Frauenleben gegen herrschende, oft ungerechte, einschränkende Konventionen zu führen, und die Regisseurinnen – die gleichzeitig auch die Drehbuchautorinnen sind – stellen sich unmissverständlich auf die Seite der berühmten Frauen. Große Unterschiede gibt es aber bei der Wahl der Erzählzeit: Die schwedisch-dänisch-deutsche Koproduktion Unga Astrid(Becoming Astrid) illustriert wichtige Momente aus den letzten Jahren der Adoleszenz Astrid Lindgrens, wohingegen die deutsch-französische Koproduktion nur den kurzen Zeitraum 3 Tage in Quiberon aus dem Leben von Romy Schneider schildert und kammerspielartig angelegt ist.

* *

Ko-Autorin und Regisseurin Pernille Fischer Christensen stellt schon in den ersten Szenen in Unga Astrid klar, dass die knapp 17jährige Astrid Ericsson ein dickköpfiges, unerschrockenes Mädchen ist. Wenn die adrette, züchtig gekleidete Astrid kein Junge beim Dorffest zum Tanzen auffordert, legt sie eben alleine los und wirbelt wild zappelnd übers Parkett. Innerhalb der Landarbeiterfamilie Ericsson ist die zweitälteste Tochter Astrid (grandios: Alba August) die intellektuell begabteste, die schon früh viel Spaß am Schreiben entwickelt. Ihr Vater vermittelt sie deswegen als Aushilfe an die örtliche Tageszeitung, wo Astrid rasch zur wichtigen Reporterin, Korrekturleserin und rechten Hand des liberal denkenden Herausgebers Blomberg (Henrik Rafaelsen) wird – und zu seiner Geliebten.

Da sichere Verhütungsmittel noch nicht zur Verfügung stehen, muss die 18jährige Astrid erleben, zu welchen gesellschaftlichen Verwicklungen eine ungewollte Schwangerschaft und die Aussicht auf ein uneheliches Kind führen. Astrid und ihr deutlich älterer Geliebter verheimlichen ihr Verhältnis im heimatlichen schwedischen Dorf Vimmerby und arrangieren es so, dass Astrid, noch bevor ein gewölbter Bauch sichtbar wird, zu einer Sekretärinnen-Ausbildung nach Kopenhagen übersiedelt. Dort entbindet sie auch ihr Kind, das sie schweren Herzens in die Obhut einer Pflegemutter (Dänen-Star Trine Dyrholm) gibt, bis die Scheidung Blombergs von seiner gehässigen Frau vollzogen ist.

Doch obwohl Astrid den Plan durchzieht, verzehrt sie die Sehnsucht nach ihrem eigenen Kind und der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ohne älteren Mann, der sie zum Hausmütterchen degradieren möchte. Kurzum: Astrid stellt Ansprüche, die einem Mädchen aus einfachem Hause zu jener Zeit nicht ohne Weiteres zustehen. Wie die junge Frau es dennoch schafft, an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens ihren Willen durchzusetzen, setzt den Grundstein für den späteren Erfolg als Schriftstellerin, die meist von Kindern erzählte, die auch ohne die Ratschläge und Gebote der Erwachsenen ein fröhliches, erfülltes Leben führen. Zusammen mit Ko-Autor Kim Fupz Aakeson (Einer nach dem anderen, 2014) erzählt Christensen einen im besten Sinne unspektakuläre, sich ganz auf die Wünsche und Nöte der Protagonistin konzentrierende Geschichte. Das Zeitkolorit verleiht dem Ganzen einen besonderen Reiz, aber die eigentliche Sensation ist die Leistung der jungen Alba August, die der großen schauspielerischen Herausforderung mehr als gerecht geworden ist.

Bewertung:    



Unga Astrid | (C) Erik Molberg Hansen




Die 3 Tage in Quiberon an der Küste der Bretagne verbrachte Romy Schneider 1981 - rund ein Jahr vor dem tragischen Tod ihres kleinen Sohnes und ihrem Herztod einige Monate später. Sie ist im April 1981 wegen anderer Schicksalsschläge (Selbstmord des früheren Ehemannes Harry Meyen, ein drohender Bankrott, das sich abzeichnende Scheitern der zweiten Ehe) bereits in einer schlechten psychischen Verfassung. In Quiberon versuchte Europas größter weiblicher Filmstar, neue Kraft zu tanken und langfristig von ihrer Alkohol- und Tablettenabhängigkeit loszukommen.

Der Film von Drehbuchautorin und Regisseurin Emily Atef (Das Fremde in mir, 2008) basiert vor allem auf Schilderungen des ehemaligen „Stern“-Reporters Michael Jürgs und des Fotografen Robert Lebeck, mit dem Romy Schneider befreundet war und der besonders ausdrucksstarke Porträts der ungeschminkten Schauspielerin schoss. Die beiden trafen im Auftrag des „Stern“ die angeschlagene und fragile Romy Schneider in einem Luxushotel, um ein ausführliches Interview und interessante Bilder zu bekommen. Dort wird schnell deutlich, dass Schneider (Marie Bäumer), die generell und insbesondere nachts und morgens schlecht alleine sein kann, nicht nur ärztliche Ratschläge in den Wind schlägt, sondern auch die ihrer Freundin aus Kindheitstagen, Hilde Fritsch.

Warum nämlich willigt Romy überhaupt in ein Interview ein, nachdem sie so viel schlechte Erfahrung mit Klatschreportern, aber auch angeblich seriösen Journalisten machen musste, die sie immer wieder auf ihre komplizierten Familienverhältnisse und ihre Heimatfilm-Jugendrolle als Österreichs Kaiserin Sisi ansprechen, obwohl sie in Frankreich längst auf höchst anspruchsvolle Frauenrollen abonniert ist. Die beste Freundin wird als Medienberaterin nicht ernst genommen, und so begibt sich Romy Schneider wieder aufs Glatteis. Denn im Gegensatz zum anständigen Lebeck (Charly Hübner [derzeit als Der haarige Affe am Deutschen Schauspielhaus Hamburg live erlebbar!] wieder überzeugend als Kumpeltyp) nutzt der arrogante Jürgs (Michael Gwisdek als schnöseliges Arschloch) ebenso wie andere Kollegen zuvor provokative Fragen und manipulierendes Verhalten, um der Diva sehr private Informationen zu entlocken.

Zu einer solchen Kombination gehören zwei, und offensichtlich hatte Romy Schneider an diesem Punkt ihres Lebens keine Lust mehr, ihren Kummer der Öffentlichkeit gegenüber zu verbergen. Im Hin und Her der Interviewbegegnungen und der Ausflüge in Hafenkneipen und zu den Strandfelsen entwickelt sich das Psychogramm einer vermeintlich starken Frau, die wie viele Künstlernaturen mit Versagensängsten und Selbstvorwürfen zu kämpfen hatte. Das ist – wie auch der Lindgren-Film – glaubwürdig erzählt, erlesen bebildert (Kamera: Thomas W. Kiennast) und dahinfließend geschnitten (Montage: Hansjörg Weissbrich).

Aber beiden Filmen fehlt letztlich eine über das Thema der weiblichen Emanzipation hinausgehende, zweite Ebene. Die Filme illustrieren die Schicksale zweier Frauen, die per se interessant und faszinierend wirkten, aber begnügen sich auch mit der Veräußerlichung der Seelenzustände. Nur vereinzelt verweisen Szenen im Quiberon-Film auf die gute, alte Zeit der 1970er Jahre, als Filmstars aufgrund der überschaubaren, analogen Medienlandschaft tatsächlich noch der Restwelt entrückte Persönlichkeiten waren – und Journalisten mit einer Arroganz ausgestattet waren, die sich aus der Auflagenstärke ihrer Zeitschriften speiste. Dieser Kontext kommt im Film zu kurz.

Gleichwohl ist er sehenswert – allein schon wegen der unvergleichlichen Marie Bäumer. Sie hat sich von Emily Atef zur Freude vieler Schneider- wie Bäumer-Verehrer nach langer Abwehr doch dazu überreden lassen, jene Frau zu verkörpern, mit der sie seit ihrer Pubertät so erstaunliche Ähnlichkeit hat. „Du bist die Schönste und wirst es immer bleiben.“ Dem ist nichts hinzuzufügen…

Bewertung:    



3 Tage in Quiberon | (C) Rohfilm Factory / Prokino / Peter Hartwig


Max-Peter Heyne - 20. Februar 2018
ID 10535
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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