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2+2=22 [The Alphabet]
Von Heinz Emigholz, Deutschland 2017, Deutsch, Dokumentarische Form, 88 Min · Farbe

Ausgetretene Straßenränder, zerbrochene Gehwegplatten. Bäume ragen aus dem Zement und werfen Schlagschatten auf bröckelnde Fassaden. Das Stadtzentrum von Tiflis im Sommer 2013. Blicke in Seiten- und Hauptstraßen, über Geländer und unter Balkone. In einem eichenholzverkleideten Aufnahmestudio nimmt die Düsseldorfer Band Kreidler ihr Album ABC auf. Heinz Emigholz rebootet mit diesem ersten Teil der "Streetscapes" seine Serie „Photographie und jenseits“.


Heinz Emigholz jongliert mit seinem Film 2+2=22 nicht nur im Titel zwischen den Perspektiven. Seine handelsüblichen philosophischen Reflexionen reanimiert er durch die erotisch konnotierten Notizhefte Nr. 222 a-z und transformiert sie in die Stadt Tiflis zur Beobachtung. Eine minimalistisch poetische Komposition über die Schrift, Architektur und Musik, die Raum und Zeit greift. | GL





Choehuui jeung-in – The Last Witness
Von Lee Doo-yong, Republik Korea 1980, Koreanisch, 155 Min · Farbe

Ein Polizeiinspektor untersucht den Mord an einem Brauereibesitzer. Seine Nachforschungen führen 25 Jahre in die Vergangenheit, zurück in den Koreakrieg, zum letzten Gefecht einer Gruppe kommunistischer Partisanen. Mit seinem 36. Spielfilm in nur zehn Jahren verstieß Regisseur Lee Doo-yong verwegen gegen alle Konventionen: ein einzelgängerischer, nonkonformistischer, melancholischer Detektiv, der sich bis zur Selbstaufgabe mit dem tragischen Schicksal eines ehemaligen Kämpfers des Nordens identifiziert; eine korrupte Justiz und unfähige Polizei, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung – die Zensur kürzte Lees gewagtesten Film um fast eine Stunde seiner epischen Spielzeit.


Ein vielschichtiges, psycho-physiologisches Drama. Filme wie The Last Witness gibt es im Genre des Kriminalfilms nicht mehr. Nachdem sich der Betrachter mit der Mentalität der Darsteller angefreundet hat, wird er in eine Legende verstrickt, die Historie spiegelt und Spannungsbögen zieht – immer auf Jagd nach einem weiteren Coup im Plot. Eine lohnende Zeitreise in das Korea früherer Jahrzehnte. | GL





Cuatreros – Rustlers
Von Albertina Carri, Argentinien 2016, Spanisch, Dokumentarische Form, 85 Min · Farbe & Schwarz-Weiß

Albertina Carri plant einen Film über Isidro Velázquez, den legendären Banditen aus Nordargentinien, der 1967 von der Polizei erschossen wurde. Interessant ist er nicht nur für sie: Ihr Vater, der Soziologe Roberto Carri, schrieb ein Buch über ihn mit dem Titel Prärevolutionäre Formen der Gewalt, und es gibt einen Film zu seiner Geschichte. Sowohl ihr Vater als auch der Film verschwanden während der Militärdiktatur. Legenden, Familien, politische Ausrichtungen, Film: Alle produzieren Bilder, diese erscheinen auf der Leinwand, über einen Kanal, drei Kanäle, fünf.


Es scheint en vogue zu sein, in Selfie-Manier das Publikum aus den Augen zu verlieren. Mit beliebiger Bilderflut und einem unerträglich zugetexteten, gehetzt monotonen Overlay verjagt Albertina Carri die Interessenten für das brisante Thema! | GL





Golden Exists
Von Alex Ross Perry, USA 2017, Englisch, 94 Min · Farbe

Es ist April und Naomi geht von Australien nach New York, um für Nick zu arbeiten, einen Archivar, der den Besitz des verstorbenen Vaters seiner Partnerin Alyssa katalogisiert. Ihre Schwester Gwen hat Nick beauftragt. Beide misstrauen Nicks Vorliebe für Assistentinnen. Naomi kennt keinen in der Stadt außer Buddy, ihren Bekannten aus Kindheitstagen. Von Anfang an war klar, dass Naomi wieder gehen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen würde, jetzt kommt es nur auf einen Abgang mit Stil an.


Ein leicht vor sich hinfließendes, unaufdringliches, ganz von dem Zusammenwirken der verschiedenen Figuren lebendes New Yorker Kammerspiel, dem man sein Low Budget allerdings auch ansieht. Die Schauspieler erfüllen die etwas klischeehaften Konstellationen – z.B. älterer Gelehrter kann seine Vorliebe für junge Studentinnen nicht verstecken – mit authentischem Atem. Doch eine thematische Redundanz im heruntergekochten Plot können sie nicht vermeiden. Für Freunde melancholischer Dialogfilme besonders geeignet. | MPH





Menashe
Von Joshua Z. Weinstein, USA/Israel 2017, Jiddisch, Englisch, 81 Min · Farbe

Im jüdisch orthodoxen Borough Park in Brooklyn bestimmen Religion und Tradition immer noch Alltag und Leben. Schon durch sein Aussehen fällt der Titelheld auf. Permanent weicht der junge Witwer vom vorgeschriebenen Weg ab. Die Gemeinde will ihn so schnell wie möglich wieder verheiraten. Da er nicht genug Geld verdient und seinen Haushalt nicht allein führen kann, beansprucht ein Onkel die Erziehung von Menashes Sohn. Der tolpatschige Held kommt als orthodoxe Variante von diversen Woody-Allen-Figuren daher oder als unorthodoxe Ausgabe eines Hiob.


Religiös begründetes, tief in den Alltag wirkendes Regelwerk hat bei strikter Auslegung etwas Menschenfeindliches – erst recht wenn derjenige, der es befolgen will, qua Naturell und Temperament einen geradlinigen, einfachen Lebensweg nicht gehen kann. In Joshua Weinsteins Film bemüht sich der tief unglückliche Witwer zwar, es so gut wie möglich zu schaffen. Aber das Regelwerk und die, die es in seinem Umfeld vertreten, sind stärker als er. Ist das aber seine Schwäche oder die der Anderen, die das Individuelle nicht sehen (wollen)? Interessante Fragen, die der einfach, aber mit vielen Details sehr genau erzählte Film aufwirft, ohne nach einer Seite zu verurteilen oder gar zu diffamieren. | MPH





Mittsu no hikari – Three Lights
Von Kohki Yoshida, Japan 2017, Japanisch, 100 Min · Farbe

Die junge Kindergärtnerin Aoi, die von ihrem Verlobten verlassen wird. Ihre Freundin Michiko, die in einem Callcenter arbeitet, "viel Freizeit, aber wenig Freiheiten" hat und mit ihrem Mann nicht mehr interagiert. Ihr attraktiver Tennislehrer Masaki, mit dem sie eine Affäre pflegt. Und dessen Freund K., ein selbsternanntes Genie mit autoritären Tendenzen. Vier Menschen in der Großstadt Tokio, die ein Faible für Musik eint. Das Schicksal bringt sie in einem verlassenen Warenhaus im Nirgendwo zusammen, um in einem improvisierten Tonstudio an experimentellen Klängen zu feilen. Doch nicht das Werk, sondern der Weg ist das Ziel.


In der Dramaturgie asiatisch sparsam, elegisch und ruhig, führen unabhängige Schicksale und Lebenswege über die Musik zum Plot. Der Regisseur Kohki Yoshida inszeniert für seine Charaktere Tableaus und setzt deren diverse Mankos ins Spiel – Individualität, Entscheidungskraft und Kreativität, die noch nicht Teil der Gesellschaft geworden sind. | GL





Mzis qalaqi – City of the Sun
Von Rati Oneli, Georgien/USA/Katar/Niederlande 2017, Georgisch, Dokumentarische Form, 104 Min · Farbe

Einst wurden in den Minen Tschiaturas bis zu 50 Prozent des weltweit benötigten Metalls Mangan gefördert. Heute wirkt der westgeorgische Ort wie eine apokalyptische Geisterstadt. Mzis qalaqi porträtiert einige verbliebene Einwohner. In seinem Debütfilm gibt Regisseur Rati Oneli faszinierende Einblicke in einen Lebensraum, dessen düstere Industrieruinen gewaltig und kulissenhaft zugleich wirken. Ein Gewirr maroder Stromkabel und betagter Seilbahnen durchzieht Tschiatura wie verstopfte Blutbahnen einen siechenden Organismus, der unermüdlich dem Lauf des Lebens trotzt.


In seinem einfühlsamen, melancholischen Porträt begleitet Regisseur Rati Oneli seine Figuren für einen Debütfilm erstaunlich stilsicher. Er fächert die Thematik vielschichtig auf, indem er ästhetische Spannungsbögen entwirft. Den sozialen Rhythmus der Dorfbewohner mit ihrer musikalischen Begabung, ihren Bräuchen und ihrer Mentalität beobachtet Oneli zurückhaltend und atmosphärisch intensiv in der Bildsprache. | GL





Somniloquies
Von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor, Frankreich/Großbritannien/USA 2017, Englisch, 73 Min · Farbe

Der Songwriter Dion McGregor wurde in den 1960er Jahren vor allem dadurch bekannt, dass er seine Träume im Schlaf erzählte. Sein Mitbewohner nahm sie auf.


Eine derart experimentelle Form wäre höchstens im "Forum Expanded" aufgehoben, die als künstlerische Entscheidung der Regisseure Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor zwar nachvollziehbar ist, aber in der Umsetzung nicht funktioniert. Weder sieht der Zuschauer den berühmtesten Schlafsprecher Dion McGregor, noch Freunde und Begleiter des hochinteressanten Phänomens. Stattdessen konfrontiert der Film über die gesamte Länge mit einer dilettantischen Unschärfe, die über Körper oder nichts streift. Während der BERLINALE im Kino die Augen zu schließen und sich in Traumwelten fallen zu lassen ist erholsam, ergibt aber ein Experiment im falschen Genre. Sicher sind die veröffentlichten LPs des McGregor-Freundes Phil Millstein zu empfehlen. Spannend und skurril für Neugierige, gibt der somnambule Kanon McGregors Impulse über Imagination, Zeit, Raum und einer multiplen Persönlichkeit jenseits und mit der alltäglichen Realität. Vertane Chance. | GL





Spell Reel
Von Filipa César, Deutschland/Portugal/Frankreich/Guinea-Bissau 2017, Portugiesisch, Fulfulde, Guinea-Bissauisches Kreol, Englisch, Französisch, Dokumentarische Form, 96 Min · Farbe

Das erste Bild ist schwarzweiß, steht Kopf und wird in eine Blackbox projiziert, die zum Bildraum wird. In der Kapsel wird Geld gezählt und als neue Währung ausgezahlt. Durch die Hände eines Mannes gleitet ein 16-mm-Film, Frame für Frame wird er auf den Bildschirm eines Laptops übertragen. Filipa Césars Spell Reel ist das Ergebnis eines vielschichtigen Recherche- und Digitalisierungsprojekts, das sie 2011 mit Sana na N’Hada und Flora Gomes initiierte. Beide haben nach ihrer Filmausbildung in Kuba während der Befreiungskämpfe in Guinea-Bissau (1963–74) damit begonnen, die Kamera als Beobachter einzusetzen. Spell Reel sieht einem Archiv bei der Arbeit zu, bei der Produktion von Gegenwart.


Sehr elegant zeigt Filipa César ein breites Spektrum der Protagonisten im Dialog mit ihrer Vergangenheit und Zukunft. Spell Reel könnte als Kaleidoskop beispielartig wirken. Dank des gedrehten und restaurierten Filmmaterials ist es mit internationaler Unterstützung gelungen, durch die Initiativen und Initiatoren der Filmgeschichte des Koloniallandes Guinea-Bissau einen unkonventionellen Blick über das Gesellschaftspolitische zu entwerfen. | GL





Streetscapes [Dialogue]
Von Heinz Emigholz, Deutschland 2017, Englisch, 132 Min · Farbe

Ein Filmregisseur vertraut sich seinem Gegenüber an. Er spricht über den kreativen Prozess, über Arbeitsblockaden, künstlerische Krisen und schöpferische Kräfte. Mittendrin nimmt die Idee Gestalt an, das Gespräch zu einem Film werden zu lassen. Es ist der Film, in dem wir die beiden gerade sehen. Auf einem fünftägigen analytischen Marathon, den Heinz Emigholz mit dem Trauma-Spezialisten Zohar Rubinstein unternahm, basiert das auf essentielle Fragen des Filmemachens konzentrierte Drehbuch zu dem Spielfilm Streetscapes [Dialogue].


John Erdmann rekapituliert beeindruckend Heinz Emigholz‘ Existenz. Die Betrachtung der Lebenszyklen fließt grenzenlos über die Leinwand, die sich somit wieder in eine vierte Wand verwandelt. Die Kamera als Versteck und die Gewohnheit, den kreativen Prozess und die Produktion in einer geordneten Flucht zu erfahren, werden dementsprechend thematisiert. Ein Film für Fans. Bedenkt man Emigholz‘ Rolle als einstiger Pionier, werden zeitgemäße Bezüge und der Umgang mit den aktuellen Medien vermisst, zu denen keine Fragen gestellt werden. | GL


Gabriele Leidloff (GL) / Max-Peter Heyne (MPH) - 10. Februar 2017 (2)
ID 9828
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


Post an Gabriele Leidloff

Post an Max-Peter Heyne

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