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Miles Ahead | Genius



Erstaunlich, dass bei so vielen Musikerbiografien, die in den letzten Jahren entstanden sind, ausgerechnet über das Leben des schillernden Jazzgenies Miles Davis (1926-1991) noch kein Film gedreht wurde. Bis jetzt. Der US-amerikanische Schauspieler Don Cheadle (unter anderem bekannt wegen der Ocean’s-Trilogie und seiner Oscar-Nominierung für die Rolle als Flüchtlingshelfer im Drama Hotel Ruanda) hat sich nun an das heikle Unterfangen gewagt, dem legendären Trompeter und Arrangeur moderner Jazzmusik eine filmische Huldigung zu erweisen. Diese Referenz schließt die Schattenseiten, Schwächen und Obsessionen von Miles‘ Charakter ausdrücklich mit ein, als da sind: notorisches Fremdgehen und Lügen, heftiger Drogenkonsum, Kettenrauchen, Jähzorn, Fremdaggression sowie Drohen mit Schusswaffen und deren unnötige Anwendung. Für einen Film sind das gute Voraussetzungen. Aber im wahren Leben möchte man mit jemandem wie Davis lieber keinen Streit haben.

Don Cheadle – der den Film auch koproduziert und geschrieben hat! – ist also ohne falsche Rücksichtnahme ans Werk gegangen. Mehr noch: Chaeadle zeigt seine Hauptfigur ausgerechnet am absoluten Tiefpunkt ihrer Karriere. Mitte der 1970er Jahre zog sich Miles Davis aufgrund gravierender psychischer und physischer Probleme völlig vom Musikerleben zurück. Er trat nicht mehr öffentlich auf und veröffentlichte auch keine neuen Stücke, bis ihn eine Frau nach fünf Jahren aus seine selbstgewählten Isolation befreite.

Cheadles Film konzentriert sich auf einen Tag Miles‘ traurigsten Zeit, als ein Musikjournalist (Ewan McGregor) mit unlauteren Mitteln versucht, ein Interview von Davis zu bekommen. Die Überredungsversuche, in deren Verlauf der (nicht unsympathische) Schreiberling von nicht veröffentlichten Musikaufnahmen erfährt, beschwören eine Kette handfester Verwicklungen herauf. Denn mehr noch als einen Artikel will der egozentrische Davis verhindern, dass die Tonbänder, die im Studio im Kellerraum seines New Yorker Appartements entstanden sind, an Davis‘ Plattenfirma oder gar in fremde Hände geraten. Dafür schreckt das Musikergenie nicht einmal vor einer Schießerei à la Al Capone zurück.

Über die Action und die Nebenfiguren baut Cheadle elegant diverse Rückblenden ein, die Davis‘ am Beginn seiner Karriere und in guten wie schlechten (Ehe-)Zeiten zeigen. Die Stimmung des Films vibriert angemessen fiebrig und unruhig, wobei der Soundtrack der kleinen Geschichte und ihrer großen Vorgeschichte gleichsam den schnellen Rhythmus verleiht. Mitten drin ein von Cheadle mit Charisma gespielter, zwischen Hektik und Zugedröhntheit schwankender Davis, der gegenüber Geschäftspartnern und Schmarotzern nur mühsam (und mithilfe eines Revolvers) seine Coolness aufrechterhalten kann. In einer der witzigsten Szenen des Films entlohnt der abgebrannte Junkie Davis einen verdutzen jugendlichen Kokaindealer mangels Cash mit einigen Autogrammen, die er widerwillig auf die Plattencover der legendären Miles-Alben schreibt.

Der immer schnellere Wechsel zwischen den Erzählebenen des Films im Verlauf der Handlung bietet Don Cheadle auch die Gelegenheit, verschiedene Musikstücke einzuflechten und dabei Davis‘ innovative Art des Kombinierens moderner Stile wie Jazz, Freestyle, Soul und R’n‘B‘ geradezu beiläufig zu illustrieren. Fans mögen dennoch einwenden, dass Davis‘ jahrzehntelange Experimentierfreudigkeit und musikalische Bedeutung noch stärker hätte betont werden können. Dann aber hätte Don Chaedle aber möglicherweise konventioneller, nämlich chronologisch am Leben der Hauptfigur entlang erzählen müssen. Stattdessen setzt Cheadle eine gewisse Grundkenntnis über Miles‘ Einfluss auf die Musikentwicklung voraus – und spielt damit in einigen Szenen: Wo immer Davis im Film auftaucht, sorgt er dank schneller Wiedererkennbarkeit (Afrolook, riesige Sonnenbrille) für Verblüffung nach dem Motto „Ist das nicht…?“

Miles Ahead ist eine unterhaltsame, vor allem ehrliche und angemessene Würdigung eines der Giganten der modernen Populärmusik (Miles selbst lehnte den Begriff „Jazz“ ab und sprach stattdessen von „social music“). Dass Cheadles Film ebenso wie Spike Lees neuestes Werk Chi-Raq auf der Berlinale präsentiert werden, kann Festivaldirektor Dieter Kosslick als Coup verbuchen. Denn diese beiden originellen Filmhighlights afro-amerikanischer Herkunft und Thematik wurden bekanntermaßen vom Oscar-Gremium in den USA geflissentlich übergangen. Kein Wunder, dass diese Ignoranz auf der anderen Seite des Atlantiks im Frühjahr für negative Schlagzeilen gesorgt und schließlich andere Auswahlkriterien bei den Oscar-Nominierungen erzwungen hat.





(C) Brian Douglas / SONY Classics Pictures


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Auch der früh verstorbene amerikanische Kultautor Thomas Wolfe (1900-1938) war ein zwischen Genie und Wahnsinn pendelndes Künstlernaturell mit vielen Ecken und Kanten. Jude Law spielt ihn im Spielfilmdebüt des bisherigen britischen Theaterregisseurs und Company-Gründers Michael Grandage als mit Mann mit nagenden Selbstzweifeln, der beim ersten Anzeichen auf Geld und Ruhm allerdings vor Lebenslust überschäumt. Dabei drückt Law entgegen seiner sonstigen Spielweise so sehr aufs Gas, als wolle er Jack Nicholson in The Shining in den Schatten stellen. Verblüffender Weise gelingt es Jude Law aber, die ausgestellte Exzentrik gerade noch so glaubwürdig wirken zu lassen, dass man als Zuschauer dranbleibt und nicht stirnrunzelnd den Geist aufgibt. Wie er das schafft, muss mir beizeiten eine von meinen Schauspielfreundinnen erklären.

Genius erzählt nicht die Geschichte von Thomas Wolfe, sondern von dessen Lektor Max Perkins, der beim „Scribner’s“-Verlag in New York Anfang der dreißiger Jahre bereits die Schriftstellerlegenden F. Scott Fitzgerals und Ernest Hemmingway betreute. Der britische Charakterschauspieler Colin Firth (The King’s Speech) spielt Max Perkins mit der Noblesse eines tadellosen, aufrichtigen, etwas spießigen Intellektuellen, der mit seinen Schützlingen allenfalls die Leidenschaft für die Literatur gemein hat. Ansonsten lebt Perkins das bieder anmutende, aber stabile und ausgeglichene Leben eines treuen Ehemannes und aufmerksamen Vaters. Ein Mann, der ein großes Herz und daher großes Verständnis für die Egozentrik und das Dandytum seiner Künstlerfreunde besitzt, die er sogar zu sich nach Hause einlädt und sich mit ihnen anfreundet.

Thomas Wolfe ist Perkins mit seinen theatralischen Auftritten zunächst höchst suspekt. Aber bei der Lektüre des ihm anvertrauten Skripts erkennt Perkins sehr rasch, welches außergewöhnliche schriftstellerische Talent Wolfe ist – wenn er denn seinen Schreibzwang zu zügeln vermag. Denn Wolfe schreibt eigentlich permanent und neigt zu ausufernden Beschreibungen aller Details in einer Geschichte. Perkins entdeckt quasi den Diamanten in den Gesteinen und nötigt seinen Schützling Wolfe zu rigorosen Kürzungen, um die Essenz der Szenen stärker herauszuarbeiten. Es mag historisch nicht hundertprozentig verbürgt sein, dass Wolfe bei Perkins tausende handgeschriebener Seiten in Körben abgeliefert hat, die in monatelanger Kleinarbeit auf ein Buch zusammengestrichen werden mussten, das man noch in den Händen halten kann. Der Zweikampf zwischen manischem Künstler und stoischem Lektor ist jedenfalls amüsant und unterhaltsam anzusehen.

Das Hin und Her der gemeinsamen Lektoratsarbeit illustriert der Film mit Schwung und schnellen Schnitten. Demgegenüber stehen ruhige Passagen, in denen der Lektoratsprofi Max Perkins sich die Wortgebilde von Thomas Wolfe quasi im Ohr zergehen lässt (die aus dem Off vorgelesen werden). In der zweiten Hälfte des Films gewinnen die dramatischen Aspekte die Oberhand, denn Wolfe benimmt sich nicht nur seiner Lebensgefährtin (Nicole Kidman) gegenüber unredlich und ungerecht, sondern auch gegenüber seinem Mentor Perkins. Kurz nachdem es zu einem Bruch zwischen den beiden kommt, stirbt das Genie Wolfe mit nur 38 Jahren völlig überraschend an Hirntumoren (jedenfalls im Film; andere Quellen sprechen von Tuberkulose).

Der Film bietet ein weiteres Beispiel aus dem Fundus „Genie und Wahnsinn“ und ist dank seiner Starbesetzung, seiner dramaturgischen Konventionalität und gediegenen Ausstattung sicher der Film im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb, der das größte Publikumspotential besitzt. Das sind beileibe keine Mängel! Aber zum großen Atem hat es trotz guter Voraussetzungen nicht gereicht.





Genius | (C) Marc Brenner / Pinewood Films

Max-Peter Heyne - 19. Februar 2016
ID 9152
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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