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Feuilleton


Vom 8. bis 13. Oktober 2008

18. Cologne Conference

Fernsehfilmfest in Köln


Zum ersten Mal wurde die Fachkonferenz für Fernsehschaffende auch für ein interessiertes Publikum geöffnet. Die Cologne Conference versteht sich als das führende europäische Festival für außergewöhnliches Fernsehen. Es wird sowohl der traditionelle Blick auf internationale Fernsehproduktionen geworfen, das Besondere aber ist die Auseinandersetzung mit der aktuellen Marktentwicklung und Innovationen in der Mediensprache. Diese Tendenzen strecken sich über das Fernsehen auf Film, Werbung, Internet und seit einiger Zeit bereits über das mobile Entertainment aus.

Die Cologne Conference wurde 1991 gegründet und gilt heute als das weltweit publikumsstärkste Fernseh- und Filmfestival. Viele der wegweisenden internationalen Fernsehserien hatten auf der Cologne Conference ihre Deutschlandpremiere. Dazu gehören „Twin Peaks“, „Emergency Room“, „Sex and the City“ und „24“.

Am Mittwoch, den 8. Oktober 2008 begann die Cologne Conference mit „10 Days to War“. Die 8-teilige BBC-Serie wurde anlässlich des fünften Jahrestages des Irakkriegs gedreht. Die realen Schlüsselereignisse wurden allerdings nicht als Dokumentarfilm produziert, sondern in kleinen Episoden mit Schauspielern nacherzählt, u. a. mit Kenneth Branagh in einer flammenden Rede an die Truppen (à la Shakespeares „Heinrich V“). Diese Serie gehörte zur Top-Ten-Reihe internationaler Produktionen. In der Reihe „Look“ gab es etwas zum Hinschauen mit visuell außergewöhnlichen Filmen. Die Kultnacht wurde in diesem Jahr mit „Kir Royal“ begangen, der deutschen Kultserie aus den 80-er Jahren. Die Retrospektive galt dem Filmemacher Terrence Malick („The Thin Red Line“).

Das umfangreiche Programm bot auch Vorlesungen u. a. zur „Die neue Matrix der Medien im 21. Jahrhundert“ und fünf Preisverleihungen. Das waren interessante und lange Tage und Nächte, in diesem Jahr nicht nur für Medienschaffende, sondern auch für interessiertes Publikum.

An dieser Stelle können nur zwei Produktionen stellvertretend besprochen werden. Sie repräsentieren aber keinesfalls die Vielfalt des Programms.


10 Days to War
TV Serie (8x12 min), 90 min, Großbritannien 2008, BBC
Regie: Bruce Goodison, David Belton
Buch: Ronan Bennett
Darsteller: Stephen Rea, Art Malik, Juliet Stevenson, Toby Jones, Kenneth Branagh

Ursprünglich über mehrere Tage als Fernsehserie ausgestrahlt, machte sich „10 Days to War“ im Kinosaal außerordentlich gut als Episodenfilm. Es fängt an mit einer Juristin (Juliet Stevenson), die seit 30 Jahren für das britische Außenministerium arbeitet. Sie weiß, dass aus juristischer Sicht eine Invasion im Irak illegal ist, solange die 2. UN-Resolution nicht von allen Mitgliedern unterzeichnet ist. Da die Kriegsbefürworter deutlich in der Minderheit sind, ist mit einer Einwilligung der UN nicht zu rechnen. Da das britische Parlament trotzdem für den Krieg stimmt, kündigt die Anwältin. Ihre Kündigung wird erst nach der illegalen Invasion des Irak publik gemacht.

Zwei Politiker werden unter Druck gesetzt, um bei der Abstimmung im Parlament ihre Stimme für den Kriegseinsatz abzugeben. Der eine tut’s, die andere nicht. (Beide wurden bei der nächsten Wahl nicht wiedergewählt, erfahren wir im Abspann.)

Zwei Botschafter aus südamerikanischen Ländern stellen fest, dass ihre Büros abgehört werden. Sie gehören zu den führenden Gegnern des Kriegseinsatzes, lassen sich aber nicht von ihrer Haltung abbringen.


10 Days to War - Kenneth Branagh als Colonel im Irak


Colonel Tim Collins (Kenneth Branagh) versammelt eine Kompanie junger irischer Soldaten um sich herum. Am kommenden Tag werden sie in den Irak einmarschieren. Er erinnert die Soldaten daran, dass sie gekommen sind, um den Irak zu befreien, nicht um ihn zu erobern. „Irak ist der biblische Garten Eden, der Geburtsort Abrahams“, lässt er sie wissen. Er erzählt ihnen von der Gastfreundschaft der Iraker, die unter schwierigen Bedingungen leben. Jeder gefallene Iraker soll mit Würde beerdigt und sein Grab ordentlich gekennzeichnet werden, fordert er.

Kurz nach dieser Rede enden die Episoden. Es überrascht, wie eindeutig die Illegalität dieses Krieges im Vorfeld schon klar war, auch in Großbritannien und den USA. Aus der Retrospektive geht seine Ungeheuerlichkeit noch einmal richtig unter die Haut, weil wir wissen, was folgte. Besonders die Menschenrechtsverletzungen und Ausschreitungen, die an irakischen Gefangenen verübt wurden, lassen die Rede von Tim Collins sehr blauäugig erscheinen - der reale Colonel hat allerdings alle seine Soldaten lebend heimgebracht.

Zu den Preisträgern gehörte „10 Days to War“ nicht. Den TV-Spielfilm-Preis gewann eine andere BBC-Produktion, das Sozialdrama „White Girl“.


“White Girl”
Regie: Hettie Macdonald,
Buch: Abi Morgan
Darsteller: Holly Kenny, Anna Maxwell Martin, Daniel Mays
TV Movie, 90 min, Großbritannien 2008, Tiger Aspect Productions/BBC/C4

Debbie (Anna Maxwell Martin) will der Gewalttätigkeit ihres Ehemannes entfliehen und flüchtet mit ihren drei Kindern in die nordenglische Stadt Bradford. Das Viertel, in dem das Sozialamt sie unterbringt, wird überwiegend von Muslimen bewohnt. Debbie will sofort weg, was ihr aber mangels Alternativen nicht gelingt. Ihre Tochter Leah (Holly Kenny) erhält in der Schule Koran-Unterricht, weil nicht genügend christliche Kinder für eine Klasse da sind. Leah weigert sich zunächst, merkt aber im Laufe der Zeit, dass die feindlich anmutende Religion eigentlich ganz freundlich ist. Sie bemerkt, dass die Muslime trotz großer sozialer Probleme Halt im Islam finden. Eines Tages macht der Vater seine geflüchtete Familie ausfindig und es kommt zu einem gewalttätigen Streit, bei dem der muslimische Nachbar Debbie vor den Schlägen ihres Mannes schützt. Als Debbie ihren Mann später trotzdem wieder bei sich aufnimmt, wird die Lage für Leah immer unerträglicher. Eines Tages geht sie mit der Nachbarstochter in die Moschee. Als sie mit Kopftuch nach Hause kommt und sich weigert es abzunehmen, wird sie von den Eltern ausgesperrt und vom Nachbarn aufgenommen. Leah findet immer mehr Halt im Islam. Sie schafft es ihre Mutter zu überreden, mit ihr in die Moschee zu gehen. Leah erklärt ihr, dass sie nur in der Moschee vorübergehend das Gefühl hat, dass ihr Leben nicht völlig kaputt ist. Beim Beten fühlt sie sich sicher. Nur dann fühlt sie, dass alles in Ordnung kommen kann. Es dauert noch lange, bis sich Mutter und Tochter näher kommen.


Laudator Lutz Carstens vor einem Filmbild aus White Girl


Am Anfang des Films werden noch die gängigen Vorurteile der „weißen“ Engländer gegen den Islam inszeniert. Bei der tatsächlichen Berührung und Auseinandersetzung mit ihm lernt Leah seine friedfertigen und spirituellen Seiten kennen. In Leahs Familie herrschen Gewalt und Chaos. Die Kinder gehen oft ohne ein richtiges Frühstück zur Schule, die Mutter entflieht dem Alltag mit Hilfe von Alkohol. Den Islam erlebt Leah als ein Prinzip der Ordnung, weil es da Regeln gibt und Grenzen, z. B. das Alkoholverbot. Leah erlebt den Islam als sinnstiftend und durchaus als Zuflucht. Erst allmählich kann die Mutter das nachvollziehen. Ihren gewalttätigen Mann wirft sie mit den Worten heraus, dass er sie immer unten halten würde. Sie hätten wundervolle Kinder, die sie gar nicht verdienten. Sie wünsche sich für ihre Kinder eine bessere Zukunft. Und auch für sich selbst. Weil das mit ihrem Mann nicht möglich ist, habe er keinen Platz mehr in ihrem Leben.



Die Preisträgerinnen Hettie Macdonald und Abi Morgan (re) nehmen ihrenn ersten Preis entgegen



Mit „White Girl“ hat die Drehbuchautorin Abi Morgan ein sensibles Drama geschaffen, das von der Filmemacherin Hettie Macdonald einfühlsam und ohne didaktischen Zeigefinger umgesetzt wurde. Das Kopftuch dient hier nicht als Symbol der Unterdrückung von Frauen, sondern als Symbol für Sinnstiftung und Frieden.


Die weiteren Gewinner

Den wieder eingeführten Casting-Preis erhielt Franziska Aigner-Kuhn für
die Besetzungsarbeit bei dem deutschen Film „Die Welle“ (Regie: Dennis Gansel). Sie hatte dort eine ganze Klasse von Schülern für teils sehr komplexe Rollen zu besetzen.

Der Hollywood-Reporter-Award, benannt nach einem der führenden Filmmagazine in Los Angeles, ging an Christian Becker von der Ratpack Filmproduktion, die den Film „Die Welle“ produzierte und aktuell Michael „Bully“ Herbigs Film „Wickie und die starken Männer“ produziert. Der Hollywood-Reporter unterstützt mit diesem Preis aufstrebende Persönlichkeiten aus dem Film- und Fernsehbereich.

Erstmals wurde bei der Cologne Conference der „Future TV Award“ verliehen, mit dem „zukunfstweisende und herausragende Internet-Produktionen“ ausgezeichnet werden sollen. Der Preis wurde für „Sex and Zaziki“ von Charly van Endert verliehen.

Der Filmpreis Köln ging an die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne aus Belgien, die schon mehrfach die Goldene Palme in Cannes erhalten haben. Die Werke der Gebrüder Dardenne sind geprägt durch eine „unmittelbare und reduzierte Filmsprache von großer Intensität“, hieß es zur Begründung, „seit vielen Jahren tragen Jean-Pierre und Luc Dardenne durch ihren konsequenten und authentischen Stil zur Weiterentwicklung der Film- und Mediensprache bei.“ Arta Dobroshi, die Hauptdarstellerin von „Lornas Schweigen“, war bei der Preisverleihung zugegen und lobte die einfühlsame Arbeit der Regisseure. Der neueste Film des Brüderpaars ist am 9. Oktober 2008 in den deutschen Kino angelaufen.

Insgesamt hat die Cologne Conference wieder ein sehr breites Spektrum abgedeckt mit tollen Filmen, spannenden Lectures und wunderbaren Gästen.


Helga Fitzner - red / 15. Oktober 2008
ID 4030

Weitere Infos siehe auch: http://www.cologne-conference.de





 

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