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Interview

Marco Gastine - Die Griechen mögen es, bis zum Ende zu gehen

Interview mit Marco Gastine
Übersetzt aus dem Französischen. Interviewerin und Übersetzerin: Katrin Pusch, freie Journalistin (http://pictword.online.fr)



Wenn Marco Gastine (57) spricht, klingt seine Stimme ruhig und seine Worte sind wohl überlegt. Wenn er zuhört, sieht man, wie intensiv er den Ausführungen seines Gegenübers folgt. Es ist dieselbe Tiefe, mit der sich der französisch-griechische Dokumentarfilmer seine Themen aussucht. Er liebe es, wahre Geschichten zu erzählen, sagt er im Interview. „Während des Drehens von Dokumentationen habe ich viel gelernt. Nicht nur über das Kino, sondern auch über das Leben, über die Menschen, über mich...“

Sein letzter Dokumentarfilm „Themis“ wurde bereits auf mehreren Festivals gezeigt. Ende Juni war er auf dem 3. Los Angeles Greek Film Festival zu sehen.
Benannt nach der griechischen Göttin der Gerechtigkeit, gelingt Gastine mit diesem Film ein offener und bis heute einzigartiger Blick auf die griechische Justiz. Er zeigt das wahre Leben in den Anhörungssälen der Gerichte. Auf engstem Raum verdichten sich Emotionen und Dramatik. Jede Erklärung, jede Geste, jeder Gesichtsausdruck wird wahrgenommen. Gastine verzichtet auf Kameraschwenks. So können sich die Zuschauer auf das Wesentliche konzentrieren: Die bohrenden Fragen und Blicke der Richter, die teils ruhigen, teils aufgeregten Aussagen der betroffenen Personen und die manchmal theatralischen Ausführungen der Staatsanwälte. Durch sorgfältig ausgewählte Nahaufnahmen transportiert Gastine die inneren Gefühle nach außen: Die nervösen Hände der geschiedenen Mutter, während der Ex-Ehemann die Fehler in der Ausübung des Sorgerechts beschreibt. Das starre Gesicht des Kraftfahrers, der ein Auto gerammt und dann Fahrerflucht begangen hat, aber trotz Zeugen alles abstreitet. Die Tränen der Albanerin, die den Besitz eines gefälschten Passes gesteht und dennoch zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wird. Das sind keine Schauspieler, sondern echte Menschen, die sich in einer realen Situation befinden: Sie stehen vor Gericht. Eine Situation, die ihr Leben verändern kann.

Katrin Pusch sprach mit Marco Gastine über seinen Film, seine Arbeit als Regisseur und die Justiz in seiner Wahlheimat Griechenland.


Ihr Dokumentarfilm zeigt das alltägliche Leben im Gerichtssaal der ersten Instanz in Athen. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Vor zwanzig Jahren erstattete ich Strafanzeige gegen einen Nachbarn, weil er Müll bei sich anhäufte. Wie so oft in diesem Land, kam ich nicht auf normalem Wege (Hygieneservice, Polizei, Gemeinde) zu meinem Recht. Also fand ich mich mit ihm vor Gericht wieder. Es war das erste Mal, daß ich die Gerichte aus nächster Nähe sah. Und da diese besonders überbelastet sind, erschien ich drei Mal, bis die Streitsache entschieden wurde. Ich musste also warten, warten und nochmals warten. Man könnte meinen, dass das langweilig gewesen wäre. Aber ganz im Gegenteil: Es war faszinierend. Ich hatte viele Geschichten vor mir, oft lustige, die für das tägliche Leben in der griechischen Hauptstadt bezeichnend sind und Dutzende von interessanten Personen, kurzum: Ein lebendiger Querschnitt der Wirklichkeit Athens. Ich sagte mir: Wieso hat bisher keiner daran gedacht, die Gerichte im Alltag zu filmen? Vor allem, da es damals erlaubt war. Man sah regelmäßig im Fernsehen die Auszüge der "sensationellen" Prozesse: Spektakuläre Verbrechen, Betrug oder skandalöse Geschäfte. Niemals die "normalen" Prozesse.

Ihr Film sagt offen: "... 1,2 Millionen Urteile werden jedes Jahr in Griechenland von Zivil- und Strafgerichten gesprochen. Das heißt, einer von zehn Griechen wird verurteilt." Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für diese Quote?

Auch wenn es manchmal anders aussieht, gibt es in Griechenland nicht mehr Auseinandersetzungen als in anderen Ländern. Die Griechen drücken ihre Meinungsverschiedenheiten vielleicht etwas offener aus als anderswo. Betrachtet man die Statistiken, gibt es proportional nicht mehr Strafanzeigen oder Zivilklagen als in anderen europäischen Ländern. Die Quote ist vergleichbar mit der in Deutschland oder Frankreich. Andererseits führt in diesen Ländern nur die Hälfte der Klagen in die Anhörungssäle. In Griechenland beträgt dieser Anteil rund 90 Prozent. Was beweist, dass in anderen europäischen Ländern die zwischengeschalteten Instanzen oder Schlichtungsstellen viel besser funktionieren als in Griechenland, wo fast alle Fälle vor Gericht enden. Es ist also definitiv ein Problem der Arbeitsweise der gegenwärtigen griechischen Justiz.

Um die Zahl der Gerichtsverfahren zu verringern, könnte man außergerichtliche Kompromisse schließen. Mögen die Griechen vielleicht sogar das Prozessieren?

Ohne Zweifel spielt das Temperament des griechischen Volkes eine große Rolle. In Griechenland gibt man sich nicht mit einer gütlichen Einigung zufrieden, sondern man mag es, bis zum Ende zu gehen, sein Recht vor Gericht einzufordern. Sie lieben die Prozesse. Sie mögen das Theater und ein Anhörungssaal ähnelt sehr einem Theatersaal. Ein Theater, in dem sie auch Schauspieler sein können. Schon vor rund 2500 Jahren hat sich Aristophanes über den Verfahrenszirkus der Griechen lustig gemacht...

Mehr als 60 Prozent der Griechen glauben, dass die Justiz Skandale nicht aufklärt und fordert von den Politikern Veränderungen. Was denken Sie über die gegenwärtige griechische Justiz?

Sie ist nicht perfekt, und es bleibt noch viel zu tun, um sie zu verbessern. Sie ist nicht mehr die Schlimmste, und unter Berücksichtigung der Überlastung macht sie ihre Arbeit nicht so schlecht. Für eine Weiterentwicklung wäre es notwendig, dass die ganze Gesellschaft Verantwortung übernimmt – von der Regierung bis zum bescheidensten Bürger. Dazu bedarf es einer echten Mobilisierung. Die politisch-finanziellen Skandale der letzten Zeit haben leider gezeigt, dass die Justiz nicht so unabhängig von der politischen Macht ist, wie sie immer angibt.

Zum ersten Mal gelangte in Griechenland eine Filmkamera in die Gerichtssäle. War es schwierig, die Dreherlaubnis zu erhalten?

Zu dem Zeitpunkt, als ich den Vorschlag für diesen Film beim Zentrum des griechischen Kinos und beim nationalen Fernsehen ERT einreichte, änderte sich das Gesetz. Vorher war es erlaubt, in den Anhörungssälen zu filmen oder das Gericht musste explizit per Beschluss den Zugang verbieten. Seit dem Prozess gegen die Terrorgruppe "17. November" ist es umgekehrt. Es ist nun verboten, Verhandlungen zu filmen. Aber das Gericht kann es in Ausnahmefällen zulassen. Ich habe von dieser kleinen "Gesetzeslücke" profitiert. Es war nicht leicht, die Dreherlaubnis zu erhalten. Mehrere Monate lang war ich erfolglos. Man schickte mich von einer Stelle zur anderen. Eines Tages, als ich anfing zu verzweifeln, habe ich jemanden kennengelernt, der jemanden kannte, der wieder jemanden kannte... der den Generalsekretär der Vereinigung der Griechischen Richter kannte und mich ihm vorstellte. Ich erklärte ihm mein Vorhaben. Er war überzeugt, dass in einer Zeit, in der es viele Skandale rund um die Justiz und die Richter gab, ich vielleicht das Bild durch die Darstellung der täglichen Arbeit der Richter ändern könnte. Ich habe ihm einige DVDs von meinen Filmen gegeben, so dass er eine Vorstellung meiner Ethik als Filmemacher erhält. Zwei Wochen später sagte er mir, dass ich vorbeikommen solle. An einem einzigen Tag war dank seiner Anrufe alles geregelt. Er hat seinen Stellvertreter beauftragt, sich darum zu kümmern, für mich Richter zu finden, die in der Ausübung ihres Amtes gefilmt werden wollen. Von rund 350 Richtern haben sich etwa zehn bereit erklärt. Die Justiz ist unabhängig. Es ist einzig Sache der Richter (im Einvernehmen mit den Staatsanwälten), über die Präsenz von Kameras zu entscheiden. Wenn sich die Richter und der Staatsanwalt eines Gerichtes einig waren, konnten wir drehen. Wenn einer von ihnen anderer Meinung war, wurde uns der Zugang zum Gericht verboten.

Neben den Richtern, benötigten Sie auch die Zustimmung der anderen Verfahrensbeteilgten. Erzählen Sie uns von den Menschen, die vor Gericht ausgesagt haben. Wie haben Sie sie von Ihrem Film überzeugt? Wie haben sie reagiert?

Ja, wir brauchten die Zustimmung aller Parteien, um einen Prozess zu filmen. Leider konnten wir aus Gründen der Geheimhaltungspflicht mit den Akteuren der Prozesse nicht vorher in Kontakt treten. Wir haben also in letzter Minute vor Beginn der Sitzung in der Halle oder im Saal die Angeklagten, Zeugen und Anwälte um ihre Zustimmung gebeten. Man hielt uns für Fernsehreporter. Und heutzutage bedeutet Fernsehkamera gleich Skandal und Verdehung von Tatsachen. Es war daher sehr schwierig, ihnen in so kurzer Zeit zu erklären, was wir machen wollten und sie zu überzeugen. Wir hatten den Eindruck, angeln zu gehen und unsere Netze dem Zufall überlassen zu müssen. An einigen Tagen kehrten wir mit leeren Netzen zurück, an anderen waren die Netze halb voll. Ich möchte nicht verhehlen, dass es Tage der Verzweiflung gab, wenn spannende Prozesse vor unserer Nase abliefen, die man uns nicht filmen ließ. Es grenzt ein wenig an ein Wunder, dass es uns dennoch gelungen ist, interessante Prozesse zu filmen und dass wir heute diesen Film haben.

Gab es eine Szene oder ein Verfahren, das Sie besonders berührt hat?

Ich wurde besonders durch den Prozess des Paares berührt, das sich um die Sorgepflicht stritt und sich gegenseitig aus belanglose Gründen vor Gericht zerrte. Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle akzeptiert hätte, gefilmt zu werden. Ich selbst habe geschiedene Eltern, die vor Gericht standen...

Ihren Dokumentarfilm wurde bereits auf dem internationalen Festival in Thessaloniki gezeigt. Wie haben die Griechen auf die Darstellung ihrer Landsleute reagiert?

Sie haben viel gelacht, viel mehr als ich es erwartet oder gewünscht hätte. Ich finde einige Passagen, bei denen man viel gelacht hat, sehr tragisch, wie z. B. während des Prozesses der beiden jungen Drogenabhängigen.

Bisher haben Sie nur Dokumentar- und Kurzfilme gedreht. Warum bevorzugen Sie diese Gattungen?

Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Deshalb mag ich es, Kino zu machen. Ich begann mit Kurzfilmen und danach schrieb ich Spielfilme, die ich jedoch niemals realisiert habe. Es ist ein wenig Zufall, dass ich zu den Dokumentarfilmen gekommen bin. Ich habe entdeckt, dass man so auch Geschichten erzählen kann. Geschichten, die viel spannender sind als die, die ich erfand – wahre Geschichten. Ich habe es immer gemocht, von der Wirklichkeit zu erzählen. In Spielfilmen bewegte es mich immer, wenn plötzlich die Realität auftrat, wie in den Filmen von Renoir, Bresson oder Rossellini. Während des Drehens von Dokumentationen habe ich viel gelernt. Nicht nur über das Kino, sondern auch über das Leben, über die Menschen, über mich ... Ich bin nicht bereit, den Dokumentarfilm aufzugeben. Aber ohne Zweifel werde ich eines Tages einen Spielfilm drehen. Ich habe so viele wahre Geschichten gesammelt, während ich Dokumentarfilme gemacht habe. Es gibt einige, die ich gern in einem Spielfilm erzählen möchte. Ich habe auch niemals das Drehbuch schreiben aufgegeben. Von Zeit zu Zeit schreibe ich für andere.

In Paris haben Sie Architektur studiert und auch abgeschlossen. Warum sind Sie Filmemacher geworden?

Es war ein alter Traum der Kindheit. Ich wollte Filmwissenschaft vor Architektur studieren. Das war aber zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich. Letztlich habe ich meinen Traum realisiert, als ich mich in Griechenland niedergelassen habe. Ich sage immer: Vom französischen Architekten zum griechischen Filmemacher.

Ihr Vater ist Franzose, ihre Mutter Griechin. Vor mehr als 25 Jahren haben Sie Frankreich verlassen, um sich in Griechenland niederzulassen. Heute nennen Sie sich "Grieche französischer Abstammung". Was ist das Besondere an den Griechen, das sie lieben?

Ja, aus dem "Franzosen griechischer Abstammung“ meiner Kindheit wurde „Grieche französischer Abstammung". Überall Ausländer also! Was mir an den Griechen gefällt? Sicherlich ist es vor allem ihr Sinn für Menschlichkeit. Auch wenn er manchmal übertrieben wird...

Ihre Filme handeln häufig von Griechenland und den Griechen. Was ist Ihr nächstes Projekt?

Es geht um die Geschichte der 25.000 Kinder, die während des griechischen Bürgerkrieges in sozialistische Länder „in Sicherheit“ gebracht wurden. Die meisten von ihnen sind nie wiedergekehrt, weil die Kommunisten den Krieg verloren haben. Ich folge dem Weg von einem von ihnen. Er will die 250 Kinder seines Dorfes wiederfinden, mit denen er weggegangen ist und die er auf der Strecke verloren hat.


Informationen zum Regisseur

Marco Gastine·

  • geboren am 6. Mai 1952 in Paris
  • französisch-griechischer Regisseur
  • lebt und arbeitet in Athen

Filme

  • 1982 Aspalax (Kurzfilm)
  • 1984 Electric Drama (Kurzfilm)
  • 1986 Eva (Kurzfilm)
  • 1987 The Adventures of the Eye
  • 1988 The Year of the Comet
  • 1993 Athens, in Search of the Lost City (Co-Direktion: Athanassia Drakopoulou)
  • 1999 Stories About her
  • 2003 Marseilles, a Greek Profile – Preis für den besten Dokumentarfilm (Internationales Festival in Thessaloniki 2004)
  • 2004 Off Side
  • 2006 Little Odysseys


Übersetzt aus dem Französischen.
Interviewerin und Übersetzerin: Katrin Pusch, freie Journalistin (http://pictword.online.fr).



Katrin Pusch, freie Journalistin / August 2009
ID 00000004388


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