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Obdachlose in Deutschland

Lucien, Brigitte, Bruno, Kamanda, Dieter, Hubertus, Pascal, Roman, Stella, Gerd, Klaus, Vilkas, Rainer Karl August, Patrick und Belinda, Zecke, Marek, Frank, Bernadette, Katy, Norbert, Kathi (†), Judith, Yankov, Klaus, Margarete

25 von 300.000


Buchcover von Unsichtbar (C) Verlag Atelier im Bauernhaus | Foto: Reto Klar


Vor zwei Jahren gab es 284.000 Obdachlose in Deutschland - diese Zahl stammt von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe eV. Für voriges und dieses Jahr (2013/2014) liegen keine verbindlichen und aktuelle Zahlen vor. Statistische Erhebungen gehen allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einem deutlichen Anstieg der Obdachlosenzahl in den nächsten Jahren aus.

Aus den 52 Berliner Obdachlosen-Porträts [in der Hauptstadt soll es mittlerweile über 4.000 Obdachlose geben, und allein 600 Hilfesuchende pro Tag werden von MitarbeiterInnen der Bahnhofsmission am Zoo betreut], welche der Fotograf Reto Klar und seine Journalistenkollegin Uta Keseling für ihr Buch Unsichtbar zusammenstellten, sind jetzt - in einer Wanderausstellung - 25 Einzeltafeln mit den Fotos sowie "kurzen" Lebensschicksalen der je mit ihren Vor- und/oder Rufnamen Genannten [s. Überschrift] im Berliner Hauptbahnhof zu sehen. Das erstaunliche Projekt kam in Zusammenarbeit der Berliner Morgenpost sowie der Stiftung Deutsche Bahn zustande; parallel hierzu gibts jenes Buch und eine Website; nähere Angaben und Linkverweis s.u.

*

Auf dem Buchcover [s.o.] ist Bruno, 53, abgebildet - einer jener 25 resp. 52 Porträtierten: "Arbeiten? Was soll ich arbeiten? Ich bin Analphabet. Mein Leben ist den Bach runtergegangen. Ich habe zehnmal einen Entzug gemacht, aber früher oder später sitzt du doch wieder am Bahnhof Zoo. Ich will raus aus Berlin, aus allem hier. Zum Entzug in den Schwarzwald." Er ist schon zehn Jahre obdachlos.

Noch ein paar Lebensschicksale:

Margarete, 59: "Ich war Krankenschwester. Dann geheiratet und als Kellnerin in der Gastronomie gearbeitet. In Luckenwalde am Bahnhof. Jetzt bin ich auf der Straße am Bahnhof Zoo. Ich kann nicht mehr. Ich bin krank. Ich sage Ihnen, ich bin so weit. Wenn ich nicht bald eine Unterkunft finde, bringe ich mich um."

Katy, 25: "Ich finde, es sollte mal jemand aufschreiben, was Obdachlosigkeit für die Menschen bedeutet. Das kann sich niemand vorstellen. Der Staat behandelt Leute wie mich wie Dreck. Ich bin schwer krank, unheilbar. Durch die Straße. Ich bin abgerutscht, wie man so sagt."

Stella, 24: "Ich bin vor meinem gewalttätigen Ehemann geflohen. Es war schlimm, er hat mich verfolgt. Ein Jahr war ich wohnungslos. Ich will mein Abitur nachholen. Und irgendwann mit meinem jetzigen Freund eine Familie gründen."

Klaus, 65: "Maurer, Maurerpolier, selbständig, bankrott. Das war mein Leben. Jetzt wäre ich Rentner, wenn ich dann Rente bekäme. Die Obdachlosenärztin Jenny De la Torre hat mich gerettet. Über die Stadtmission habe ich eine Seniorenwohnung bekommen. Ich bin sehr dankbar für das alles."

* *

Es sind nur ein paar schwarze Aufsteller im Mitteltrakt des Hauptbahnhofs zwischen den Läden Strauss, Douglas und Gerry Weber sowie Obsttresen, Relay und L'Occitane. Eine der herabfahrenden Rolltreppen führt auf direktem Weg dorthin. Man hört die ewig-gleiche, computergesteuerte Frauenstimme, die die Ankunftszeiten und die Wagenstände durchgibt. Ab und an auch eine "Livestimme" von einem live Durchsagenden. Die Bahnreisenden eilen hin und her und auf und ab. Aber es machen einige von ihnen auch an jener Ausstellung Station und schauen sich die Fotos an und lesen die dazu passenden Kurztexte. Ganz in der Nähe haben sich ein paar Zeugen Jehovas aufgestellt und bieten ihre Hilfsschriften "Wege zum Glauben" an...

* * *

Eine der 25 Tafeln las ich mit erschütternder Betroffenheit - es war die Tafel Kathis, 49, "auf der Straße gestorben am 24. Juni 2014". Sie wird - so als sollte es wie ein Vermächtnis von ihr sein - mit Folgendem zitiert:

"Aber es gibt auch die Schüchternen, die keiner wahrnimmt. Die sich nicht trauen, um Hilfe zu bitten. Die niemand sieht, weil sie versuchen, bloß nicht aufzufallen. Das ist meine Bitte: Kümmert euch um diese Menschen!"
Gisela Herwig - 26. November 2014
ID 8278
Reto Klar, Uta Keseling | Unsichtbar
Vom Leben auf der Straße - Obdachlose im Porträt

Gebunden, 128 Seiten
26,6 x 21,6 x 1,6 cm
EUR 19,80
Verlag Atelier im Bauernhaus, 2014
ISBN 978-3881329811

Wander-Ausstellung:
24.11. - 30.11.2014 Berlin
08.01. - 16.01.2015 Görlitz
20.01. - 30.01.2015 Essen Hbf
02.02. - 11.02.2015 Frankfurt/ Main Hbf
16.02. - 26.02.2015 Hamburg Dammtor


Weitere Infos siehe auch: http://unsichtbar.morgenpost.de


Post an Gisela Herwig



 

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