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80. Todestag

Joseph Roth

und das Versagen

der Sozialdemokratie



Joseph Roth (1894-1939) | Bildquelle: Wikipedia


Im Vielvölkerstaat seiner Jugend sah der aus Galizien stammende Jude Joseph Roth, den die innere Unruhe und berufliche Bindungen nach Wien und Berlin und die politischen Umstände schließlich ins Exil trieben, ein – in dieser Hinsicht heute wieder sehr modern erscheinendes – Modell der friedlichen Koexistenz verschiedener Völker. Die Juden, deren kollektives Schicksal Joseph Roth in seinem Essay Juden auf Wanderschaft wie kein Zweiter beschrieben und kommentiert hat, mussten sich in Österreich wie im Paradies vorkommen, wenn sie von den Pogromen in Russland und im russischen Teil Polens hörten. Dass die von Wien aus kontrollierte Bürokratie die slawischen und anderen nicht deutschsprachigen Untertanen der Monarchie nicht selten als Bürger zweiter Klasse behandelte, wurde von vielen österreichischen Juden ebenso verdrängt wie die Situation der Schwarzen in Südafrika und den USA von den dorthin geflüchteten Juden: das eigene Schicksal der Verfolgung war ihnen zu nah. Es sensibilisiert nicht unbedingt für das Unrecht, das andere trifft. Joseph Roth selbst übrigens empfand gegenüber den slawischen Völkern nicht weniger Sympathie als gegenüber den Juden. Sie schlägt sich in seinem literarischen Werk ebenso nieder wie in seinen Reportagen.

Nichts charakterisiert den Sozialismus Joseph Roths besser als die folgende Passage aus seinem Feuilleton Der Patron, in dem er einen Hoteldirektor porträtiert: „Denn die schriftstellerische Objektivität erfordert eine ganz bestimmte Art von Sympathie für die zu beschreibenden Menschen, eine literarische Sympathie, deren sich unter Umständen auch ein Schuft erfreuen kann. Aber mein privates Herz schlägt in einer sentimentalen (und jüngst wieder unmodern gewordenen) Weise für die kleinen Wesen, denen man befiehlt und die gehorchen, gehorchen, gehorchen, und läßt mich selten zu der Objektivität für die großen gelangen, die befehlen, befehlen, befehlen.“

Aber konnte die österreichische Sozialdemokratie, wie sie sich nach 1934 entwickelt hat, für Joseph Roth ein Hoffnungsträger sein? Konnte sie einlösen, was er sich als junger Mann, auch in seiner zwiespältigen Haltung gegenüber der Sowjetunion, ersehnt hatte? Und war es etwa die Sozialdemokratie, die sich als Garant des Widerstands gegen den drohenden Nationalsozialismus, den Roth als Linker und als Jude mehr als alles Andere fürchten musste, anbot? Als unverdächtiger Zeuge sei Josef Hindels aufgerufen, der trotz mancher Enttäuschung der Sozialdemokratie bis zu seinem Tod im Jahr 1990 treu geblieben ist. In seinen Erinnerungen schreibt Hindels, dass Otto Bauer und die anderen Denker des Austromarxismus nach den Jahren des Nationalsozialismus in der SPÖ zur Unperson geworden waren. „Die Parteiführung schämte sich für die Vergangenheit der eigenen Partei.“ Die Rehabilitierung Karl Renners, die ihn wie ein Keulenschlag getroffen habe, sei ein Symptom dieser Rechtsentwicklung. Renner hatte bekanntlich „die Annexion unseres Landes durch Hitlerdeutschland im März 1938 begrüßt und dazu aufgerufen, bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 mit einem ‚Ja’ der Auslöschung Österreichs zuzustimmen.“ Wohlgemerkt: es geht nicht um die Anfangsjahre der Ersten Republik, als man an der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit des radikal verkleinerten Österreich zweifeln und daher für einen Anschluss an Deutschland (also eine Revision der Kleindeutschen Lösung von 1866/1871) argumentieren konnte. Karl Renner plädierte ausdrücklich für einen Anschluss an das nationalsozialistische Deutsche Reich Adolf Hitlers. „An das Märchen, Renner habe das getan, um die Freilassung jüdischer Sozialdemokraten aus den Konzentrationslagern zu erreichen, habe ich nie geglaubt“, schreibt Josef Hindels. „Der Mann ohne Grundsätze, der später zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik wurde, ist ein Symbol des in Österreich weitverbreiteten Opportunismus.“ Soweit nicht etwa Thomas Bernhard, sondern der loyale Sozialdemokrat Josef Hindels.

Es ist kein Versehen, dass die ausgewiesenen Antisemiten Oskar Helmer und Adolf Schärf in der Nachkriegs-SPÖ eine führende Rolle spielten. Es war der damalige sozialdemokratische Innenminister Oskar Helmer, der mit unverhohlener Abscheu „überall nur jüdische Ausbreitung“ registrierte. Es war der sozialdemokratische Präsidentschaftskandidat Adolf Schärf, der just in diesem Jahr mit dem Slogan „Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf auch in diesem Jahr“ warb – mit Erfolg, wie man weiß. Josef Hindels dagegen wurde von Schärf ausdrücklich aufgefordert, nach Schweden zurückzukehren, wo er die letzten Jahre des Exils verbracht hatte. Unverblümt gab man ihm zu verstehen, dass bei den ehemaligen Nazis mehr Wählerstimmen zu holen seien als bei deren Opfern.

Mit Karl Renner war Joseph Roth übrigens schon lange vor dessen unsäglichem Plädoyer für den Anschluss aneinander geraten. Eckart Früh kommentierte bei einem Symposion der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Jahr 1989, eher kritisch gegenüber Roth als gegenüber Renner, jener habe sich „außer als linientreuer Journalist auch als scharfzüngiger Kritiker zumindest der ‚rechten’ Sozialdemokratie zu erkennen [gegeben], deren Repräsentant Renner war; so hatte er sie sich nicht vorgestellt“. In der Tat. Joseph Roth hatte am 12.10.1919 in der Zeitschrift Der Neue Tag unter dem Titel Der neue Hofpark eine satirische Glosse zur Tatsache veröffentlicht, dass Renner eine Wiese hinter seiner Residenz für angebliche 160.000 Kronen hatte einzäunen lassen – als Hofpark eben.

Könnte es sein, dass der Reiz, der auch für den von monarchistischen Anwandlungen weit entfernten heutigen Leser von Joseph Roths spätem Werk ausgeht, sich genau jenem Umstand verdankt, der Roth am Ende seines Lebens Habsburg angenähert hat: der Enttäuschung über eine Sozialdemokratie, die sich über Jahrzehnte hinweg als zunehmend unsozial erwiesen hat? Könnte es sein, dass Roths verklärender Monarchismus für literarisch empfindsame Menschen, zugespitzt formuliert, eine ähnliche Funktion hat wie Strache für zahlreiche jugendliche Wähler: dass er Werte zu bewahren scheint, die die Sozialdemokratie längst aufgegeben hat? Wo die ehemals Linke den Fortschritt verraten hat, haben rückwärtsgewandte Utopien, ob ungeschminkt, wie im Monarchismus, oder in der Maske der Moderne, wie bei den Rechtspopulisten, Konjunktur.

1937 schrieb Joseph Roth im Vorwort für eine geplante Neuausgabe von Juden auf Wanderschaft: „Eines Tages – und gewiß früher als in 1000 Jahren – wird sich freilich manches in Deutschland ändern. Aber mit der Generation, die jetzt in der Hitler-Jugend heranwächst, werden weder die Juden noch die Christen, noch die kulturbewußten Europäer erfreuliche Erfahrungen machen können. Es ist Jasons Drachensaat, die da aufgehn wird.“ Mit dieser Vision hat Joseph Roth Recht behalten. Was er 1937 nicht wissen konnte, war dies: dass die Prognose schon ein Jahr später auch für Österreich Geltung haben würde. Das konnten Otto von Habsburg und die Monarchisten, auf die er zuletzt setzte, nicht verhindern. Die Sozialdemokraten schon gar nicht. Einer von ihnen – man kann es nicht oft genug wiederholen – hat mit seinem „freudigen Ja“ dazu beigetragen, dass der von Joseph Roth beschriebene Zustand nach Österreich importiert wurde. Er und viele andere haben die Drachenzähne gesät und nach 1945 von deren Ertrag profitiert.

Heute jährt sich zum 80. Mal der Todestag von Joseph Roth.
Thomas Rothschild – 27. Mai 2019
ID 11440

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