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Geschichte

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Abenteuer



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„Wer immer Du bist, in dessen Hände diese bedrückende Geschichte geraten mag…“ (Walt Whitman, Jack Engles Leben und Abenteuer, S. 134)

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Ach, waren es noch Zeiten, als Mitte des 19. Jahrhunderts ganze Familien begannen, gespannt triviale Fortsetzungserzählungen in Illustrierten, wie der 1853 gegründeten Die Gartenlaube zu schmökern. Der einflussreiche amerikanische Lyriker Walt Whitman (1819-1892) veröffentlichte Jack Engles Leben und Abenteuer (Orig.: Life and adventures of Jack Engle) anonym als Fortsetzungsroman vom 14. März bis zum 18. April 1852 in der New Yorker Sunday Dispatch. Erst 165 Jahre nach dem Erscheinen gelang eine schlüssige Werk-Autor-Zuordnung. Der bisher unbekannte Roman des berühmten Poeten wurde deshalb 2017 als sogenannter „Sensationsfund“ wiederveröffentlicht. Die Geschichte des Schöpfers des legendären Gedichtbandes Leaves of grass (Grashalme, 1892) ist freilich wenig subtil von der Motivik, dem Thema oder der Handlungsführung und den teils klischierten Figuren her. Jack Engles Leben und Abenteuer erinnert ein bisschen an Trivialromane von Autoren wie Eugenie Marlitt, die etwa zeitgleich in der Gartenlaube publizierten.

In der Vorweihnachtszeit könnte man jedoch Whitmans Roman auch in einen Bezug zur englischen Tradition setzen und an Charles Dickens erstmals in Fortsetzungen einer Zeitschrift veröffentlichten Oliver Twist (1838) erinnern. Denn Jack Engles Leben und Abenteuer beschreibt – wie Oliver Twist – die Adoleszenz eines Waisenjungen, der in der Großstadt in die Fänge skrupelloser Machenschaften gerät und schließlich beherzt die Chance auf einen gesellschaftlichen Aufstieg ergreift. Der Roman spielt im wimmelnden New York der 1850er Jahre. Die konsequent aus der Ich-Perspektive der Titelfigur erzählte Geschichte führt dem Leser heute noch prägnante Schauplätze New Yorks in der damaligen Zeit vor Augen, wie etwa die Wall Street. Zum facettenreichen Figurenpersonal gehören eingewanderte Iren, Spanier und Juden. Politische Versammlungen und Erweckungsversammlungen bilden Randgeschehen zur Geschichte. Insbesondere Gerichtsprozesse, Rechtsvergehen und ein schurkischer Anwalt spielen eine handlungstragende Rolle.

Den Lesefluss erschweren plötzliche Zeitsprünge und Kapitel, die für den Roman nahezu ohne Bedeutung sind. So streift Jack Engle im 19. Kapitel über den Friedhof an der Trinity Church und ergeht sich im Lesen der Grabinschriften und stimmungsvollen Beschreibungen einer Todesgewissheit, ohne dass dieser Rundgang die Romanhandlung vorantreibt. Witzig für das Lesepublikum der Moderne sind hingegen ungewohnten direkten Ansprachen des Lesers, die den Inhalt der vorliegenden Geschichte kommentieren: „… die zutiefst melancholischen Betrachtungen, denen der Leser hier nachgehen konnte.“ (S. 132), „Der Ton der Erzählung ist trübsinnig, aber das darf unter diesen Umständen natürlich nicht verwundern.“ (S. 134) Teilweise wird hier auch eine Planungsschwäche bei der Erstellung des Romans vorgeführt: „Ich vergaß zu erwähnen, dass Martha noch nicht wusste, dass ich der Sohn jenes Mannes war, den ihr Vater umgebracht hatte.“ (S. 106)

Eine andere Sprache und Kultur der damaligen Zeit verdeutlichen heute ungewohnte Vergleiche, wie: „Die Dame, die noch jung war, aber schon lange die Eierschalen abgestreift hatte…“ (S. 31) und „...denn, wenn Nat zornig war und Jack mit ihm, hätten sie sich selbst dem Drachen des Heiligen Georg gestellt.“ (S. 113) Leider bleiben einige Zusammenhänge auch aufgrund der Wortwahl (Übersetzung von Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli) unverständlich, wenn es etwa heißt: „Er hatte sich bei mancher Gelegenheit ausgezeichnet, aber besonders dadurch, dass er […] das königliche Kanonenboot 'Peacock' aufbrachte und versenkte.“ (S. 128) Es fällt auf, dass viele damals alltäglichen Muster oder Sichtweisen heute völlig veraltet erscheinen. So werden Briefe „von einem Negerjungen abgegeben“ (S. 89), Entscheidungen „im Familienrat besprochen“ (S. 105) und größtes Lebensglück der Gattin scheint es, „ihrem Herrn und Gebieter“ (S. 161) Kinder zu schenken.

Insgesamt ist Jack Engles Leben und Abenteuer allzu betulich und sentimental im plauderhaften Ton geschrieben. Spannungsmomente halten sich in Grenzen, da zwischenmenschliche Konflikte selten direkt konfrontiert werden. Jack Engles Leben und Abenteuer verrät wenig vom poetischen Gespür des späteren Mitbegründers der amerikanischen Lyrik. Gedichtzeilen auf Seite 69 wirken etwa mit enthaltenen Assonanzen und unfreiwilliger Komik noch recht holprig-laienhaft. Die insgesamt recht blumige Sprache fügt sich jedoch gut in eine pathetisch-ausschweifende Erzählung ein, die nur wenig Nervenkitzel aufkommen lässt:


„Unsere Gefühle bilden sich durch unseren Umgang und unsere Erziehung aus, und darum spürte mein Gehirn zwar mitleidig den Schock, den diese ganzen Ereignisse ausgelöst haben mussten, wertete sie aber mehr als Zuhörer einer Geschichte denn als Betroffener, der ein ureigenes Interesse daran gehabt hätte. Und genauso, Leser, fühle ich bis auf den heutigen Tag.“ (S. 98)
Ansgar Skoda - 13. November 2017
ID 10366
Link zum Buch: https://www.randomhouse.de/Buch/Jack-Engles-Leben-und-Abenteuer/Walt-Whitman/Manesse/e531632.rhd


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